Zeitung Heute : Der Mann hinter... Liebermann

Alfred Lichtwark war des Malers guter Freund, Förderer und Gartengestalter. Und doch blieb man bis zum Ende beim „Sie“. Ein Porträt.

Susanne Kippenberger

Glücklich waren sie. Glücklich über ihr gemeinsames Werk. Vier Jahre bevor das große Sterben begann, der Erste Weltkrieg ausbrach und Alfred Lichtwark an Magenkrebs starb, hatten sie zusammen ein Kunstwerk erschaffen: den Garten von Max Liebermann am Wannsee.

Vom ersten Tag ihrer Begegnung an, 1890, stürzten sich Lichtwark und Liebermann mit Begeisterung in die Erkundung der Hamburger Landschaft. Bewunderten Villen an der Elbe, schnupperten an Bauerngärten, wandelten durch Parks; wo es schön war, dort führte der Hamburger den Berliner hin. „Nun hoff ich nur“, bedankte sich dieser artig, „dass ich von all dem Sehn etwas gelernt habe.“

Er hatte: Das praktische Ergebnis dieser Sehschule waren Haus und Garten in Wannsee. Zurück in seinem heißen Atelier am Brandenburger Tor, hatte sich der Künstler nach der frischen Luft und Großzügigkeit an der Elbe zurück gesehnt. So entwarfen sie nun den modernen Garten am Wannsee im Dialog: redender-, briefeschreibender-, skizzierender- und spazierengehenderweise. Lichtwark empfahl den Staudenlieferanten, riet zu Stockrosen und Malven („Es gibt über alle Begriffe schöne Malven“), mischte Blumen und Gemüse, sprudelte über vor Ideen, von denen der Hausherr und sein Gärtner die meisten übernahmen. So auch die Bank, auf der man heute, da der Garten wieder zugänglich ist, den Blick auf Birken und See genießen kann.

Lichtwark, Direktor der Hamburger Kunsthalle, war Liebermanns Gartengestalter, Gastwirt und Innenarchitekt, war sein Freund und Förderer. Man war sich im Geiste einig und von Herzen zugetan, nur über Intimitäten sprach man nicht; freundlich und höflich ging man miteinander um, blieb beim „Sie“ bis zum Schluss. Es waren zwei erfolgreiche Außenseiter, die sich gefunden hatten: Hier der Sohn eines Müllers und Gemüsebauers, ein Hochbegabter, der durch Talent, Glück und großzügige Förderung den steilen Aufstieg vom Hilfslehrer zum revolutionären Museumsdirektor schaffte – dort der Präsident der jungen „Berliner Secession“, ein Jude in Preußen. Das erste Bild des damals noch umstrittenen Liebermann, die heute berühmten „Netzflickerinnen“, kaufte Lichtwark, ohne sie überhaupt gesehen zu haben. Er verschaffte ihm Aufträge, wie jenen, den Hamburger Bürgermeister zu malen; der war entsetzt vom Ergebnis – hässlich und greis fand er sich –, ließ das Bild hinter einem Vorhang verstecken. Lichtwark, angewiesen auf eine subventionswillige Bürgerschaft, ließ sich nicht erschüttern.

Mit Anfang 30 war er zum Direktor der Hamburger Kunsthalle ernannt worden, binnen kurzem verwandelte der Kunsthistoriker den verschlafenen Verein in ein lebendiges, modernes Museum, baute in den 22 Jahren seines Amtes eine beeindruckende Sammlung auf, beauftragte zeitgenössische Künstler wie Liebermann, Bonnard und Corinth, Bilder zu malen. „Wir wollen nicht ein Museum, das dasteht und wartet“, erklärte er in seiner Antrittsrede 1886, „sondern ein Institut, das tätig in die künstlerische Erziehung unserer Bevölkerung eingreift.“

Diese pädagogische Lust an der ästhetischen Erziehung, meint Jenns Howoldt, heute Kurator an der Kunsthalle, war eine von vielen Gemeinsamkeiten. Kunst fing für beide Freunde nicht erst an der Museumstür an und hörte dort noch lange nicht auf. Deshalb fühlte Lichtwark sich auch nicht belästigt, wenn Liebermann bei ihm die Aussteuer für Tochter Käthe bestellte oder zwei Dutzend Stühle für das Haus am Wannsee. Lichtwark lieferte den Mahagoni-Tisch gleich dazu. Er kannte sich aus bei Kunst- und Antiquitätenhändlern, für ihn war alle Gestaltung eine Frage des guten Geschmacks, den er den Deutschen beizubringen versuchte. Alle beide verabscheuten den Wilhelminismus mit seinem Plüsch, schätzten das Schlichte, Klassizistische – das Klare aller Gestaltung. „Kultur war ihm Veredelung des Menschen“, schrieb Liebermann im Nachruf auf den Freund, an dem er „die Harmonie von Talent und Charakter“ so schätzte. Und Kunst war für sie ein sinnliches Erlebnis, im Museum, Garten, überall. Stundenlang saßen sie im Nobelrestaurant auf der Elbterrasse, genossen Rotwein und Blick, schwärmten von Roter Grütze und sinnierten über bildende Kunst.

Natur war für Lichtwark nicht Gegensatz der Kunst, sondern ihre Voraussetzung. Am Wannsee entwickelte er die Gartenkunst aus der Natur heraus: „Wir haben dem Gelände keinerlei Gewalt angetan, sondern lediglich das Selbstverständliche gesucht.“ Wie fruchtbar der Garten sein würde, hat er nicht mehr miterlebt: Gut 200 Gemälde sollte Liebermann dort malen. Viele davon sind jetzt, bis Ende September, in der Hamburger Kunsthalle und anschließend in der Alten Nationalgalerie Berlin zu sehen. In der Ausstellung „Im Garten von Max Liebermann“ kann man das Glück spüren, das die Nazis später zerstörten, und von dem Alfred Lichtwark schrieb: „Es war eine große Freude zu fühlen, wie glücklich die drei Menschen dort sind. Ich hatte den Eindruck, dass sie noch eine Schwingung liebenswürdiger und gütiger geworden sind.“

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