Zeitung Heute : Der Mann hinter... Marion

Die Frau hat ein gutes Näschen: Ihr erster Mann hatte ein Dopingproblem. Tim Montgomery auch.

Matthias B. Krause

Krasser könnte der Unterschied kaum sein. Ein Mann wie ein Schrank, fleischiger Nacken, riesige Arme, tonnenförmig im Mittelteil und Beine wie Baumstämme, passendes Mundwerk: Marion Jones’ erster Ehemann, C. J. Hunter, war Kugelstoßer. Tim Montgomery dagegen nannten sie schon in der Schule „Tiny Tim“, winziger Tim. Als der jetzige Lebensgefährte der Olympiasiegerin die 177 Zentimeter erreichte, hörte er auf zu wachsen, mehr als 60 Kilogramm bringt er kaum auf die Waage. In Oslo rannte der Sprinter einmal in den Schuhen seiner Trainingspartnerin Jones, weil sein Gepäck nicht angekommen war. Es wurde eine der schnellsten Zeiten seines Lebens. Die fremden Schuhe saßen perfekt.

Tim Montgomery, 29, wirkt in der Glitzerwelt der Sprinter wie ein Priester in Las Vegas. Carl Lewis, Ben Johnson, Maurice Greene – sie sind groß, sie sind stark, und sie haben ein dringendes Bedürfnis, das der Welt auch mitzuteilen. Montgomery dagegen ist schüchtern. Auf dem Porträt, das der amerikanische Leichtathletikverband ins Internet gestellt hat, guckt er wie ein verschrecktes Tier in die Kamera. Nicht, dass der Mann nicht schnell wäre. Laufen, sagt er immer, sei ihm schon in die Wiege gelegt worden. Seine Mutter, so will es die Familienlegende, jagte einmal einen Hasen so lange, bis der an Herzstillstand starb.

Sie hätten also das perfekte Paar dieser Olympischen Spiele sein können: Hier die selbstbewusste Jones mit ihrem gewinnenden Lächeln, dort der zurückhaltende Mann an ihrer Seite. Und allen anderen laufen die beiden davon. Doch daraus wurde nichts. Jones, fünffache Medaillengewinnerin von Sydney 2000, schaffte die Olympiaqualifikation nur im Weitsprung. Montgomery überquerte bei den US-Ausscheidungen in Sacramento die Ziellinie nach 100 Metern gerade mal als Siebter, weit abgeschlagen.

Und wahrscheinlich hätten sie ihn in Athen auch gar nicht starten lassen. Die amerikanische Anti-Doping-Agentur USADA wirft Montgomery die Verwendung von illegalen Schnellmachern vor. Der Fall ist derzeit beim Internationalen Sportgerichtshof in Lausanne anhängig. Wird er für schuldig befunden, droht ihm eine Mindestsperre von zwei Jahren. Das wäre das Ende der Karriere.

Nach allem, was man bislang weiß, nahm das Unheil in Sydney seinen Lauf, als Hunter und Montgomery aufeinander trafen. Es ist nicht ganz klar, wer den Kontakt zu wem herstellte, aber auf jeden Fall landete Montgomery am Ende auf der Couch von Hunters Drogendealer, dem Chef des kalifornischen Chemielabors BALCO, Victor Conte. Dieser war kurzfristig in Sydney aufgetaucht, weil er seinen Klienten Hunter reinwaschen wollte von Dopingvorwürfen. Doch vier positive Proben sprachen eine zu deutliche Sprache, der Kugelstoßer wurde gesperrt und hörte auf. Conte aber ging mit einem neuen Plan zurück an die Arbeit, dem Projekt Weltrekord. Dazu brachte er Montgomery zusammen mit zwei einschlägigen Größen der Branche: Dick Francis, jener Trainer, der den Dopingkonsumenten Ben Johnson in Seoul bei seinem Sündenfall assistierte, und Travor Graham, ein in der Branche verehrter Sprint-Guru, dessen Schützlinge oft mit unerlaubten Mitteln erwischt werden. Conte selbst, ein ehemaliger Rockmusiker, hatte sich auf die Herstellung von Nahrungsmittelzusätzen spezialisiert und, so nimmt man an, Dinge wie das Designer-Steroid THG.

Montgomery, so sagen die Akten, nahm es eine Zeit lang regelmäßig und erzielte erstaunliche Fortschritte. 2002 läuft er in Paris Weltrekord. 100 Meter in 9,78 Sekunden, so schnell war bis heute niemand wieder. Tiny Tim hat es allen gezeigt. Langsam sickert zudem durch, dass er und Jones nicht nur Trainingspartner, sondern auch außerhalb der Kunststoffbahn verbandelt sind. Im Sommer 2003 kommt Little Timmy auf die Welt. Doch da sind die Dinge schon dabei, schief zu gehen. Montgomery und Graham liegen sich wegen Geld in den Haaren. Der Trainer bekommt von dem Läufer noch über 12 000 Dollar – als der nicht zahlen will, packt Graham ein Päckchen mit interessantem Inhalt: eine Spritze mit Resten einer dickflüssigen, durchsichtigen Substanz. THG. Die Post erreicht den Chef des olympischen Anti-Doping-Labors in Los Angeles. Nach mehreren Monaten intensiver Analyse kann der den Stoff bestimmen und fortan in Urinproben von Sportlern nachweisen.

Dass Graham tatsächlich der Tippgeber war, ist bislang nur eine Vermutung. Näheres wird wahrscheinlich im Gerichtssaal herauskommen. Jones unterdessen muss sich vorwerfen lassen, dass sie zum zweiten Mal in zweifelhafter Gesellschaft erwischt wurde. Erst der Dopingsünder Hunter, nun Montgomery. Auch gegen sie gibt es einen starken Verdacht, doch bislang fehlt der Beweis, und so wird sie in Athen starten. Montgomery aber darf nur Zaungast sein – wie Hunter vor vier Jahren. So unterschiedlich Marions Männer äußerlich auch sein mögen, in ihrer Bereitschaft, für den Erfolg ohne Skrupel alles zu tun, gleichen sie sich. Wahrscheinlich machte sie genau das zu den Männern hinter Marion Jones.

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