Zeitung Heute : Der Mann hinter ... Natalie Portman

Als seine Comicfigur endlich Fleisch wurde, verschlug es David Lloyd die Sprache

Lars Törne

Als sie sich zum ersten Mal gegenüberstanden, brachte David Lloyd kein Wort heraus. „Ich kam mir vor wie ein dummer Schuljunge“, sagt Lloyd. Für einen Moment errötet der 55-Jährige, als er beim Mittagessen im Hotel Adlon von der Begegnung mit der Schauspielerin Natalie Portman erzählt.

Am vergangenen Wochenende konnte der Zeichner endlich jene junge Frau treffen, die die wohl berühmteste Schöpfung seiner langen Karriere als Comiczeichner auf der großen Leinwand verkörpert. Die 24-jährige Portman spielt Evey, die weibliche Hauptrolle in dem Film „V for Vendetta“, der am 16. März in die deutschen Kinos kommt. David Lloyd hat die Figur Evey, zusammen mit seinem Partner, bereits vor 20 Jahren geschaffen – als Hauptfigur des gleichnamigen Comicromans. Darin entwarf Lloyd in der Hochzeit der Thatcher-Ära die Vision eines faschistischen Staates auf englischem Boden, der von einem maskierten Rächer und seiner unfreiwilligen Gefährtin bekämpft wird – die jetzt Portman spielt.

„Es war großartig, sie zu treffen. Es ist, als rede man mit seiner eigenen, lebendig gewordenen Schöpfung“, sagt Lloyd und streicht sich durchs schüttere Haupthaar. Auf der Berlinale war der Film, der von den „Matrix“–Machern gedreht wurde, zum ersten Mal zu sehen. Portman und Lloyd wurden zur Premiere eingeflogen. „Sie hat wahrscheinlich gedacht, ich bin total bescheuert“, sagt Lloyd und nippt an seinem Weißwein. „Dann habe ich zwar doch noch was gesagt, aber ich glaube, es waren keine zwei vollständigen Sätze.“

Eigentlich ist Lloyd nicht besonders wortkarg, zumindest nicht, wenn er über seinen Comicroman und den Film spricht. Er mag die Verfilmung, sagt er – im Gegensatz zu seinem Co-Autoren Alan Moore. Moore hat sich aus dem Projekt zurückgezogen. Wohl auch, weil er mit den für ihn unbefriedigenden Verfilmungen anderer Bücher wie „Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“ und „From Hell“ unglücklich war. Aber damit könne man „V“ nicht in einen Topf werfen, findet Lloyd. „Ich wollte ihn überreden, weil ich es so wichtig fand, das wir beide als Schöpfer genannt werden.“ Ohne Erfolg. „Alan will das Buch Eins zu Eins umgesetzt wissen, oder er macht nicht mit.“

Lloyd hingegen findet den Film gelungen. Vor allem wegen Portman. „Sie ist großartig, hat sich gut auf die Rolle vorbereitet“, schwärmt er und kaut auf einem Salatblatt. „Sie kann die inneren Konflikte der Figur sehr gut vermitteln.“

Eine zum lebendig gewordene Comicfigur zu sein, das gefällt Natalie Portman nicht unbedingt. „Ich bin ein großer Fan des Buches“, sagt sie ein paar Stunden später beim Gespräch im Grand Hyatt. „Aber mir war die Figur in dem Buch zu jung, zu wenig selbstbewusst.“ Also machte sie aus Evey eine reifere Person, „weg von dem frühreifen, dümmlichen Sexobjekt, das sie im Buch ist.“ Die in Jerusalem geborene und in Washington aufgewachsene Portman spricht ernst, aber nach jedem Satz lächelt sie den Gesprächspartner so anmutig an, dass man verstehen kann, wieso es David Lloyd bei der Begegnung die Sprache verschlug. „Was ich direkt aus dem Buch übernommen habe, ist die Verwandlung einer wenig reflektierten Figur in eine Person mit einem politischen Bewusstsein“, sagt Natalie Portman. Auch die Ambivalenz von Evey, die einerseits manipuliert wird und andererseits ihr Schicksal selbst bestimmt, habe sie fasziniert.

Portman trägt mittlerweile einen Bubikopf, die Folge der Kahlrasur, die sie für den Film verpasst bekommen hat. Je kürzer ihre Haare sind, desto mehr ähnelt sie der Figur Evey, die Lloyd vor 20 Jahren zu Papier brachte. „Als sie im Film mit geschorenem Kopf nach langer Haft wieder auftaucht und ihre gereifte Persönlichkeit präsentiert – das hat mich am meisten berührt“, sagt der Zeichner.

Viele weitere Szenen mit Natalie Portman und ihrem maskierten Partner „V“ (Hugo Weaving), tragen die ästhetische Handschrift von Lloyds und Moores Vorlage: von der bedrohlich dauerlächelnden Guy–Fawkes-Maske bis zur düsteren grauschwarzen Grundfarbe vieler Einstellungen. Das einzige, womit David Lloyd rückblickend seine Probleme hat, ist der vielleicht etwas naive Ton der Geschichte, der in Buch und Film zwischen diffusen Gewaltfantasien und dem Glauben an die Macht der Masse schwankt: „Das kommt von Alan. Der glaubte damals an Anarchie als tragfähiges Gesellschaftskonzept“, sagt er und lacht. Lloyd hingegen hatte immer schon einen zynischeren Blick auf die Welt: „Ich sehe die Menschen eher als Schafe, die einen Führer brauchen.“

Für Natalie Portman, die mit zwölf Jahren als Mathilda in „Léon der Profi“ debutierte und als Königin Amidala in „Star Wars“ weltweit bekannt wurde, dürfte „V for Vendetta“ nur ein weiterer Schritt auf dem Weg nach oben sein. Für David Lloyd ist der Film die Krönung eines Projekts, das ihm den Durchbruch als Zeichner brachte. „Seit diesem Buch kennt jeder, der sich für Comics interessiert, meinen Namen. Seitdem kann ich mir meine Arbeiten aussuchen.“

So hat das Buch über den Freiheitskampf des Maskierten vor allem seine Schöpfer befreit, sagt Lloyd, der nach „V“ Science Fiction, Horrorstorys und Krimis illustrierte. Seinen Zynismus hat er sich bewahrt. Auch in „Kickback“, seinem neuen Comic-Krimi, geht es um Gewalt und einen korrupten Staat. „Nur weil man Erfolg hat, wird man kein Optimist“, sagt Lloyd. Aber nach einer kurzen Begegnung mit Natalie Portman, da wird auch der größte Zyniker ein kleines bisschen schwach.

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