Zeitung Heute : Der Mann hinter... Robbie Williams

Sie trinken nächtelang und literweise Kaffee – und landen damit Hits. Schön für Stephen Duffy

Philipp Lichterbeck

Stephen Duffy steht am Fenster des kleinen Hotels in der Auguststraße. „Warum“, fragt er, „haben sie nicht alles geputzt?“ Zuerst denkt man, er meine das Fenster. Doch dann sieht man auf der anderen Straßenseite das alte Postfuhramt Mitte. Eine Hälfte des historischen Gebäudes ist vom Ruß der Jahre gereinigt, gelbe Backsteine kommen zum Vorschein. Die andere Hälfte ist schwarz wie zu DDR-Zeiten. Das gefällt dem Musiker. „Das Unfertige, der Baustellencharakter, das Nebeneinander von Hell und Dunkel.“ Mit denselben Worten ließe sich auch Stephen Duffys Karriere beschreiben.

Seit Superstar Robbie Williams ihn überraschend zu seinem neuen Songwriter gemacht hat, steht Duffy plötzlich im Rampenlicht, kommen Interviewanfragen aus der ganzen Welt. Für Duffys Agenten eine logische Sache: „Einer der größten Songwriter erhält endlich die Aufmerksamkeit, die ihm zusteht.“ Nur alle anderen fragen sich, warum Williams sich ausgerechnet für den relativ unbekannten Duffy entschieden hat.

Die Antwort könnte mit Duffys Verlierer-Image zusammenhängen. Nachdem Williams sich von seinem langjährigen Partner Guy Chambers getrennt hatte, kam er auf die Idee, eine Platte unter dem Pseudonym Pure Francis zu machen. Er stellte sich die Kunstfigur als vom Pech verfolgten Schlucker vor. Und engagierte Duffy, den er über ein paar Ecken kannte.

Denn bis dahin war auch dessen Leben nicht gerade glücklich verlaufen. Seit 25 Jahren war er schon im Musikgeschäft, 14 Alben hatte er mit seiner Band „The Lilac Time“ veröffentlicht. Fast alle wurden von den Kritikern bejubelt. Doch das Publikum ignorierte den Arbeitersohn aus Birmingham ausdauernd. Finanziellen Erfolg hat der heute 44-Jährige nie gehabt. Hinzu kommt sein Talent für unglückliche Entscheidungen.

Eine Band, die er mit zwei Freunden auf der Kunsthochschule gegründet hatte, verließ Duffy 1979. „Ich fand die Musik furchtbar.“ Seine Kumpels holten sich Verstärkung und wurden unter dem Namen „Duran Duran“ berühmt. Vier Jahre später erhielt Duffy einen Anruf: Ob er nicht Musik für eine Erfolg versprechende junge Sängerin schreiben wolle? Duffy lehnte ab. Kurze Zeit später sorgte die Sängerin als Madonna für Furore. Kein Wunder, dass die Musikzeitschrift „Mojo“ Duffy auf Platz 13 der größten Pechraben der Musikgeschichte setzte. Worüber Duffy herzlich lacht: „Die ersten zwölf sind alle tot. Ich hatte Glück.“

Es scheint Duffy nicht zu schmerzen, dass sich niemand für seine melancholischen Folkpopsongs interessierte, bis sein Name im Zusammenhang mit Williams genannt wurde. „Ich habe immer die Platten gemacht, die ich machen wollte.“ Ob es nicht eine Last sei, jetzt für Williams den Hitlieferanten zu spielen? Duffy verneint: „Ich fühle mich wie immer, bin ein Kunsthochschulpunk geblieben.“

Davon ist zumindest äußerlich wenig zu sehen. Duffy ist frisch rasiert, das schwarze Haar trägt er glatt, was ihn ein bisschen wie Prinz Eisenherz aussehen lässt. Dazu ein gebügeltes schwarzes Hemd und ein schwarzes Jackett. Duffy drückt sich tief ins Sofa, hat die Beine schüchtern übereinander geschlagen. Brav wirkt all das. Zu brav, um sich Duffy an der Seite von Robbie Williams vorzustellen, der als Flegel gilt, auch mal vor 50 000 Zuschauern die Hosen runterlässt. Williams hat schon alle Stufen des Popstar-Daseins durchlaufen, inklusive Drogensucht, massenhaft Frauen und der Villa in Los Angeles. Doch Duffy besteht darauf, einen ganz anderen Robbie Williams kennen gelernt zu haben. „Rob“ – er spricht den Namen zärtlich aus – „ist ein harter Hund, ein Arbeiter, der sich für nichts zu fein ist.“ Duffy schwärmt davon, wie sie in Williams Haus bis Sonnenaufgang mit Gitarre und Bass improvisieren, Ideen entwickeln, literweise Kaffee trinken. „Ich spiele einen Ton, eine Melodie, irgendwas, und Rob singt spontan einen kompletten Text dazu, unglaublich. Manchmal liegen wir nach drei Songs erschöpft auf dem Boden. Dann steht Rob noch mal auf und ruft: ‚Come on Stephen, einen schaffen wir noch.’ So haben wir fast 50 Songs komponiert. Rob hat das kreative Potenzial eines Genies.“

Es scheint, als ob zwei Musiker zusammengekommen sind, die sich persönlich ergänzen. Der ruhige, nachdenkliche Duffy, der so lange auf den Erfolg gewartet hat; und der laute, aggressive, 14 Jahre jüngere Williams, der sich schon zur Ruhe setzen wollte, weil ihn der Erfolg anödete. „Wir waren beide auf der Suche nach etwas neuem“, sagt Duffy. „Wir wollten Grenzen überschreiten.“ Auf die Frage, wie sich die neue Platte anhören werde, antwortet Duffy ausweichend: „Der perfekte Popsong ist wie ein Auto, an dem ein Rad abgefallen ist. Das haben wir versucht zu imitieren.“ Man darf also gespannt sein auf die CD, die im Februar 2005 erscheinen soll. Einen Vorgeschmack lieferte der ausgekoppelte hemmungslose Titel „Radio“, eine Elektronummer mit schrägen Gitarreneinlagen. Die Single schnellte auf Anhieb an die Spitze der englischen Charts. Für Duffy ein neues Gefühl. Der englische „Spectator“ schrieb einmal, dass es wahrscheinlicher sei, dass Duffy vom Blitz getroffen werde, als dass er einen Song von sich ihm Radio höre. „Der Blitz hat mich jetzt getroffen“, sagt Duffy. „Er heißt Rob.“

In unserer Reihe porträtieren wir jeden Sonntag einflussreiche Menschen, die ansonsten im Hintergrund bleiben.

Hintergründe und Expertisen zu aktuellen Diskussionen: Tagesspiegel Causa, das Debattenmagazin des Tagesspiegels.

Hier geht es zu Tagesspiegel Causa!