Zeitung Heute : Der Mann hinter... Robert Capa

Erst entwickelt Cornell für den berühmten Bruder die Bilder, dann führt er dessen Arbeit fort.

Susanne Kippenberger

Er hatte nichts, als er ging und alles hinter sich ließ, seine Familie, sein Land, sein Zuhause. Hatte weder Geld noch Beruf, war mit 17 ja fast noch ein Kind. Aber nur fast. Schließlich musste Endre Ernö Friedmann Budapest deshalb so überstürzt verlassen, weil er an linken Protesten teilgenommen und festgenommen worden war.

Nun also, 1931: ein ungarischer Jude in Berlin. Eine Freundin brachte ihn auf die geniale Idee. Was brauchte man denn als Fotoreporter? Eine Kamera, okay, eine Leica am besten. Aber sonst? „Man brauchte nur Verstand, Augen, ein Herz und menschliches Mitgefühl“, meint Endres kleiner Bruder Kornél. Es war, sagt er, als wäre der Beruf für den großen Bruder erfunden worden: für Robert Capa, wie er sich später nannte, den berühmtesten Kriegsfotografen des 20. Jahrhunderts, der 1954 in Vietnam von einer Mine getötet wurde; und dem gerade eine große Ausstellung im Berliner Martin Gropius Bau gewidmet ist – mit Unterstützung seines kleinen Bruders, der sich schon lange Cornell Capa nennt. Und dessen ganze Leidenschaft 1931 noch dem Pingpongspiel gehörte und dem Wunsch, einmal als Arzt die Welt zu heilen.

Sie hätten nicht unterschiedlicher sein können. Robert, der Lebemann, immer mit einem ironischen Zwinkern im Auge, hinter dem er seine Melancholie verbarg, der Charmeur, immer mit einer schönen Frau im Arm. Seine großen Liebesgeschichten sind berühmt, mit Ingrid Bergman, mit Gerda Taro, die dem Ungarn seinen erfolgreich-amerikanisch klingenden Namen erfand, und die im Spanischen Bürgerkrieg getötet wurde. Ein Spieler, der nie wieder ein eigenes Zuhause hatte, von einem Hotel ins nächste, von einem Land ins andere zog. Der die amerikanische Staatsbürgerschaft annahm ohne Amerika zu mögen, weil er blieb, was er war: Europäer aus Leidenschaft.

Der heute 86-jährige Cornell dagegen hat fast sein ganzes erwachsenes Leben in New York verbracht, war über 50 Jahre lang mit seiner Frau Edie verheiratet, die mittlerweile gestorben ist. Und eins hat er sich schon früh geschworen: nur im Frieden zu arbeiten. „Ein Kriegsfotograf in der Familie reicht.“

Wie ähnlich sie sich sind. Augen und Verstand, Herz und Mitgefühl, das zeichnet auch Cornell Capas Arbeiten aus. Von Marilyn Monroe hat er ebenso zärtliche Bilder gemacht wie von behinderten Kindern, denen er schon früh ein Buch widmete; er wollte lieber Geschichtenerzähler und Kommentator sein als Reporter. Auch wenn der eine den Krieg, der andere den Frieden fotografierte, ihr Thema ist das Gleiche: der Mensch, ja, mehr noch, die Menschlichkeit. „Like people and let them know it“ – hab’ die Leute gerne und zeige es ihnen, war die Antwort Robert Capas auf die Frage, wie man an gute Bilder kommt.

Es gibt Fotografen, die sich zum Kameraauge erklären, das einfach nur registriert, was es sieht. Die Capas nahmen immer einen Standpunkt ein, wollten nicht nur dokumentieren, sondern berühren. Sie kämpften mit der Kamera, gegen die spanische Diktatur der eine, gegen die südamerikanische der andere – und für die Demokratie. Im Göttinger Steidl-Verlag ist jetzt Cornells Buch „JFK for President“ erschienen; als leidenschaftlicher Kennedy-Anhänger hatte der Fotograf dessen Präsidentschaftskampagne und die Zeit kurz nach Amtsantritt begleitet. Die Bilder ergreifen Partei, auch für die Menschen am Straßenrand, ohne Propaganda zu sein, dazu sind sie zu gut, zu leise auch. Dazu hatte Cornell viel zu viel von seinem großen Bruder gelernt.

Die schlechten Schulnoten und die Zeitläufe hatten Cornells Plan durchkreuzt, Arzt zu werden; in Paris begann er, für seinen Bruder und dessen Freunde Cartier-Bresson und Chim Fotos in der Dunkelkammer zu entwickeln, fand Gefallen daran und wurde selber Bildjournalist. Dabei war der kleine Bruder klug genug, sich einen eigenen Standort auszusuchen (ein Capa in Paris war genug): New York. Dort verschaffte der große Bruder dem kleinen einen Job in einer Agentur, bevor dieser zu „Life“ ging. Und bald konnte der Kleine dem Großen helfen: Robert bewunderte das technische Können Cornells.

Aber mit dem Tod von Robert Capa endete auch das Leben von Cornell – so wie er es bis dahin gelebt hatte. Um sich um das Vermächtnis des Bruders zu kümmern, gab er seine Stelle bei „Life“ auf und wechselte zu Magnum, der legendären Fotoagentur, die Robert zusammen mit Cartier-Bresson, Chim und anderen Freunden nach dem Krieg gegründet hatte, war auch ein paar Jahre lang Direktor dort. Er kümmerte sich um Mutter Julia, die über den Tod ihres Lieblingssohns nicht hinwegkam, und begann, sich als freier Fotograf den Themen zu widmen, die ihm am Herzen lagen. Für seine Reportagen über Politiker und alte Leute, Israel und Südamerika, Missionare, Rebellen und Indianer hat er viele Preise erhalten.

Er war es auch, der Richard Whelan bat, die erste Biographie seines Bruders zu schreiben; später gab Whelan ein Buch mit Cornells Fotos raus. Und für die engagierte Dokumentarfotografie, wie die beiden Brüder sie praktizierten, gründete Cornell 1974 das inzwischen legendäre International Center of Photography (ICP), das auch beide Capa-Archive betreut. Für die Arbeit als Fotograf hat er seitdem keine Zeit mehr, aber als engagierter Förderer des Mediums geht er offenbar mit der gleichen Wärme an die Arbeit heran, beherzigt das Motto seines Bruders: Like people and let them know it.

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