Zeitung Heute : Der Mann hinter… Simone de Beauvoir

Sie war 30, liiert mit Jean-Paul Sartre und so verliebt wie nie zuvor – in einen acht Jahre jüngeren Pfarrerssohn.

Stefanie Flamm

Er nannte sie Biber, sie nannte ihn Bost, zuerst nur „kleiner Bost“, dann „mein kleiner Bost“, „mein geliebter Bost“, am Ende „mein sehr, sehr geliebter kleiner Bost“. „Können Sie K. nicht sagen, dass Sie später ankommen, als Sie es tun? Dann würde ich Sie am Bahnhof abpassen und wir hätten die ersten Momente des Wiedersehens für uns!“, schrieb Simone de Beauvoir im November 1938 an ihren Liebhaber. Die Verhältnisse gestalteten sich kompliziert. Denn Jacques-Laurent Bost war nicht nur der Lieblingsschüler ihres Lebensgefährten Jean-Paul Sartre, er war auch der Verlobte ihrer ehemaligen Schülerin und Freundin Olga Kosackiewicz, die ihrerseits einmal eine Affäre mit Sartre hatte.

Der Briefwechsel zwischen Bost und Beauvoir, den Simone de Beauvoirs Adoptivtochter Sylvie le Bon herausgegeben hat, ist also Teil einer prekären Dreiecksgeschichte, die, wenn man Sartres Verhältnis zu Olga bedenkt, eigentlich sogar eine Vierecksgeschichte war. Nur dass Olga K., die allen Beteiligten als zu „labil“ für solche Wahrheiten galt, bis zu ihrem Tod 1984 nie erfahren sollte, welche Leidenschaft ihren späteren Mann mit der damals noch unbekannten Philosophielehrerin verbunden hatte.

Sartre hingegen ließ, nachdem Bost im Herbst 1938 zum Militärdienst in Amiens eingezogen worden war, dem Nebenbuhler sogar regelmäßig Grüße ausrichten. Er führte mit Simone de Beauvoir eine „offene Beziehung“. In einem Vertrag hatten sie sich erlaubt, sich in andere Menschen zu verlieben, Eifersucht war als Ausdruck kleinbürgerlichen Denkens explizit verboten, wobei das Eifersuchtsverbot für Simone de Beauvoir der Punkt war, mit dem sie die größte Mühe hatte. Sie galt als der schwächere, manchmal leidende Teil dieser bizarren Liaison, ihre Biografin Deidre Bair behauptet sogar, ihr sexuelles Verhältnis zu Sartre habe sich darauf beschränkt, dass sie ihre Schülerinnen in sein Bett vermittelte. Es muss für Simone de Beauvoir also ein großer Moment gewesen sein, als sie ihrem offiziellen Lebenspartner im Sommer 1938 nach einem Wanderurlaub mit Bost in Savoyen mitteilt: „Ich habe vor drei Tagen mit dem kleinen Bost geschlafen. Wir erleben idyllische Tage und leidenschaftliche Nächte.“ An den acht Jahre jüngeren Bost, der nach dieser Reise zu seinen Eltern in die Bretagne fuhr, schreibt sie noch vom Bahnhofsbüffet in Marseille einen so überschwänglichen Brief, dass man denken kann: Diese knapp 30-Jährige ist so verliebt wie noch nie. „Ich habe nur ein Leben sinnlicher Erfüllung, und das ist mit Ihnen.“

Es dauert ein paar Briefe, bis der „kleine Bost“ mit ähnlichem Überschwang reagiert. Am Anfang wirkt er fast überrascht, dass er sich in die Frau seines verehrten Lehrers verliebt hat. Er ist nicht nur um Einiges jünger, er gehört noch nicht zu jener Welt, in der Simone de Beauvoir und Sartre zu Hause sind. Als zehntes Kind einer bretonischen Pfarrersfamilie, von der er nur Schlechtes schreibt – seinen Vater nennt er bloß „den Pfarrer“ – lag bis ins intellektuelle Zentrum der Cafés von Saint Germain noch ein langer Weg vor ihm. Er berichtet Simone, was er gerade liest, lobt Sartres Texte, aber auch ihre unveröffentlichten Manuskripte. Doch meistens schreibt auch er über seine Liebe. „Sie haben den Eindruck, dass Sie mich mehr lieben als ich Sie, aber das stimmt nicht. Ich liebe Sie mit all meinen Kräften“, heißt es immer wieder. Während de Beauvoirs Korrespondenz mit Sartre den Eindruck erweckt, als wäre sie für die Nachwelt verfasst, sind die wie im Rausch dahingeschleuderten Briefe zwischen Bost und ihr private Dokumente einer großen Passion, die sich vor allem im Kopf abspielte.

Die Veröffentlichung der Korrespondenz wurde jetzt in Paris als Sensation gefeiert, die das gängige Bild von der strengen Intellektuellen korrigiere, die immer so gouvernantenhaft ausschaut mit ihrem streng ums Haar gebunden Tuch. Sensationell ist auch, wie es den Liebenden zu Beginn des Zweiten Weltkrieges gelang, das Unheil fast vollständig zu ignorieren. Die Münchener Konferenz, der Angriff auf Polen, die allgemeine Mobilmachung schimmern als Drohkulisse allenfalls zwischen den Zeilen durch. Selbst als Bosts Verlegung von der Kaserne in Amiens an die Front nur noch eine Frage von Tagen ist, sind die Schreibenden beseelt von dem Verlangen, den anderen am eigenen Leben teilnehmen zu lassen. Von der politischen Wende der französischen Existenzial-Philosophie ist hier nichts zu spüren. „Seit Tagen kein Brief von Ihnen, ich nehme an, das liegt an Ihrer Verlegung und hoffe sehr, dass Sie nicht verletzt sind oder sich eine Bronchitis zugezogen haben“, schreibt sie im Februar 1940. Bost reagiert mit einer ausführlichen Beschreibung des Speiseplans der Kaserne. Ein Soldat hat ein Lamm aufgetrieben, Bost war Wein holen: „Beaujolais. Aber er war nicht gut.“ Neun Jahre, nachdem der Briefwechsel im Februar 1940 abrupt endet – ein Teil der Briefe ist verbrannt – widmet sie ihm, der inzwischen als Journalist arbeitet und mit Olga Kosackiewicz verheiratet ist, ihr feministisches Hauptwerk „Das andere Geschlecht“. Beide, Bost und Olga, gehörten zum engeren Freundeskreis des Paares de Beauvoir-Sartre. Sartre hat sie bewundert, Bost hat sie geliebt. Er war nicht die einzige Leidenschaft ihres Lebens – wie die bereits veröffentlichten „Briefe an Nelson Algren“ zeigen – aber er war „der am wenigsten machomäßige Mann, den ich gekannt habe“.

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