Zeitung Heute : Der Mann hinter... Stanley Kubrick

Der große Regisseur war sehr schüchtern. Ab und zu nutzte er heimlich Jan Harlans Namen.

Stefanie Flamm

Erst kurz vor Kubricks Tod kam Jan Harlan darauf: Er, der sich fast 30 Jahre lang für den Mann hinter Stanley Kubrick gehalten hatte, war längst der Mann vor Kubrick geworden. Nicht nur dass der Regisseur seinen Schwager und Executive Producer bat, auf die Partys zu gehen, auf denen er sich selbst so unwohl fühlte. Oder dass er Harlan seit 1971 peu à peu die gesamte technische Organisation seiner Filme überlassen hatte. Kubrick benutzte im Alltag auch Harlans Namen.

Einmal, während der Dreharbeiten zu „Eyes Wide Shut“, wäre es beinahe aufgeflogen: Sie saßen in der Küche, als Harlan nichtsahnend erzählte, er habe sich am Vormittag eine neue Brille machen lassen. Und Kubrick, dem Äußerlichkeiten so egal waren, dass er in Papierschuhen auf der Hochzeit seiner Tochter erschien, hat sich sehr für diese Brille interessiert. „Bei welchem Optiker ich gewesen sei, welcher Verkäufer mich bedient, ob ich bar bezahlt habe, Stanley wollte alles genau wissen.“ Denn Kubrick hatte sich am selben Tag auch eine neue Brille gekauft und sich im Geschäft als Mister Harlan ausgegeben. Wäre er dann noch bei demselben Optiker gewesen, hätte er sich fragen müssen, wer hier wen an der Nase herumgeführt hatte: er den Optiker oder umgekehrt. Harlan lacht, als er diese Geschichte erzählt. Denn sie sagt einiges über den merkwürdigen Humor seines Schwagers und dessen kindliche Scheu vor fremden Menschen. Die von der britischen Presse kolportierte Behauptung, der amerikanische Regisseur sei ein kalter Perfektionist gewesen, der nur noch über seine Filme mit der Außenwelt kommunizierte, hält der Deutsche Harlan für gewaltig übertrieben.

Sein Dokumentarfilm über den Schwager, der in der Kubrick-Ausstellung im Berliner Martin-Gropius-Bau gezeigt wird, ist der Versuch, die liebevollen Seiten des verschrullten Genies zu beleuchten. Alle Schauspieler, die, von Jack Nicholson bis Nicole Kidman, mit Kubrick zusammengearbeitet haben, schwärmen von der Bedingungslosigkeit, mit der er bei der Sache war. Harlan selbst wird sich auf der Berlinale, deren Retrospektive dieses Jahr „Production Design“ zum Thema hat, gleich zwei Mal über Kubricks Liebe zum Detail äußern (am Montag nach „Eyes Wide Shut“, am Mittwoch im Gespräch mit seiner Schwester Christiane). Ob das im Sinne seines Schwagers ist, weiß er allerdings nicht so genau: „Stanley hatte den Standpunkt, dass man über Kunst nicht reden könne.“ Kunst bedeute, was sie darstelle. Kino sollte das Publikum vor allem staunen lassen, berauschen. Kein Wunder, dass von Kubricks Filmen vor allem Bilder und Musik haften bleiben: Lolita mit Herzchensonnenbrille, Alex, der in „Clockwork Orange“ nach einem Tag der Gewalttätigkeit im Bett liegt und Beethovens Neunte hört. Oder die Ouvertüre von Richard Strauss’ „Also sprach Zarathustra“, die für viele zum Soundtrack von „2001“ wurde.

Die Idee, dieses Stück zum Motiv für den düsteren Science-Fiction-Film zu machen, stammt von Harlan. „Klassische Musik und Tischtennis waren die einzigen Gebiete, auf denen ich ihm das Wasser reichen konnte.“ Harlan, der 1937 in Karlsruhe geborene Sohn zweier Opernsänger und Neffe des Naziregisseurs Veit Harlan, hatte anders als seine Schwester Christiane, die Schauspielerin ist, bewusst keinen kreativen Beruf gewählt. Er pendelte als Geschäftsmann zwischen New York und Zürich hin und her, als Kubrick ihn Weihnachten 1969 fragte, ob er für ihn in Rumänien einen Drehort für einen Napoleonfilm klarmachen könne. Der Film über den Feldherrn, der an seinen Affekten scheiterte, wurde zwar nie gedreht, aber Harlan hatte Blut geleckt. Er übersiedelte mit Frau und Kindern nach London und produzierte von „Clockwork Orange“ an alle Kubrick-Filme – auch dessen Vermächtnis „AI“, Artificial Intelligence, den Film, den Steven Spielberg 2001 umgesetzt hat. „Mit einem Set von 600 Leuten!“ Harlan lacht schon wieder. Das sei „wirklich interessant“ gewesen.

Von Kubrick war er winzig kleine Teams gewohnt, in denen jeder für alles zuständig war. Während der Dreharbeiten zu „Eyes Wide Shut“ musste Harlan vier Mal nach Venedig fliegen, um neue Masken für den Kostümball zu besorgen. „Nur mit so einem kleinen, flexiblen Team konnten wir es uns leisten, ein Jahr oder länger zu drehen.“ Harlan produzierte nicht nur sparsam, der Badener ging auch sehr sorgsam mit den Requisiten um. Dinge, die Kubrick während der Aufnahmen besonders ans Herz gewachsen waren, durfte der Regisseur mit zu sich nach Hause nehmen. Ein Kronleuchter aus „Barry Lyndon“ wanderte in die Lobby, seit 1980 aß die Familie an dem großen Tisch aus dem „Overlook Hotel“ in „The Shining“. Harlan selbst hat aus dem Horrorfilm das grüne Badezimmer behalten. Natürlich nicht, um die Gäste zu schocken. Die Harlans hatten in der Nähe von London ein Haus gebaut. Als der Film 1980 abgedreht war, konnten sie das Bad gut brauchen. Und was wurde aus der Axt, mit der Jack Nicholson in dem Film auf seine Familie losgeht? „Die hängt bei meiner Schwester im Werkzeugschrank.“ Keiner weiß, wozu die noch mal gut ist.

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