Zeitung Heute : Der Mann hinter... Witali Klitschko

Dieser Boxer sieht nicht aus, als bräuchte er Hilfe. Irrtum. Sein Fritz umsorgt ihn wie einen Sohn.

Michael Rosentritt

Wenn sich Fritz Sdunek hinters Steuer setzt, steigen die Mitfahrer oft mit gemischten Gefühlen ein: Der 57-Jährige fährt ziemlich rasant. Zu DDR-Zeiten brachte der Mecklenburger das Kunststück fertig, mit seinem zuckeligen Trabant aus der Kurve zu fliegen.

Einer, der sich an den Fahrstil des Boxtrainers in unzähligen Fahrten zum Gym gewöhnt hat, ist Witali Klitschko, der Weltmeister im Schwergewicht. Nur auf dem Weg zu Kämpfen ziehen es Trainer und Boxer vor, sich von einem Fahrdienst bringen zu lassen – so wie letzte Nacht in Las Vegas, wo Witali Klitschko im Mandalay Bay Hotel antrat, seinen Titel gegen den Briten Danny Williams zu verteidigen. (Der Kampf fand nach Redaktionsschluss statt.)

Im Sport gibt es wohl keine intensivere Beziehung als die zwischen einem Trainer und seinem Boxer. Mit einem Schlag, einer falschen Bewegung kann alles aus sein. Sdunek hat mit Witali Klitschko viele Triumphe erlebt, durchlitt aber auch seine vielleicht schmerzvollste Stunde: Im April 2000 musste Sdunek in Berlin einen Kampf aufgeben, weil eine Sehne in Klitschkos Schulter gerissen war. Nach Punkten lag sein Boxer vorn, aber er musste den WM-Titel dem Amerikaner Byrd überlassen. Später kamen ein Kreuzbandriss und ein Bandscheibenvorfall hinzu. Sdunek besorgte die Ärzte, besuchte seinen Schützling fast täglich im Krankenhaus. Nach dem ersten Belastungslauf sah sich Sdunek seinen Boxer genau an. Sah, wie aus den Schuhen des Boxers Blut floss, aus beiden. Vier Jahre später, im April dieses Jahres, holte sich Witali Klitschko den WM-Titel zurück.

Ein Kraftfahrzeug ist in gewisser Weise Schuld daran, dass der Ingenieur für Landwirtschafts- und Traktorentechnik beim Boxen landete. In Lüssow, in der Nähe von Greifswald, stand Sdunek im Fußballtor; er war gerade mit seiner Jawa auf dem Weg von der Lehre zum Training, als vor ihm ein älterer Herr vom Fahrrad fiel. Plötzlich kam „ein Bengel“ dazu: „Was machst du denn da, fährst einfach meinen Opa um“, brüllte dieser. Fritz Sdunek sagte, er solle seine Klappe halten, der Alte sei besoffen und ihm deswegen vor das Motorrad gefallen. Daraufhin knallte der Bengel ihm eine, Fritz Sdunek schlug zurück, schließlich fiel auch der Bengel um. Später stellte sich heraus, dass dieser im Verein boxte. „Du haust aber eine ganz schöne Kelle“, fand er und nahm Fritz Sdunek mit zum Training.

Da dessen Mutter Bürgermeisterin von Lüssow war, bekamen die Jungs bald den Gemeindesaal zum Trainieren. Wenige Jahre später, 1968, wurde Sdunek DDR-Studentenmeister. An der Deutschen Hochschule für Körperkultur und Sport (DHfK) in Leipzig legte er sein Diplom als Sportlehrer ab, mit 23 stand er das erste Mal als Trainer in der Sporthalle, in Schwerin. Von hier kamen die meisten deutschen Olympiasieger, Welt- und Europameister. Nach dem Mauerfall wechselte er nach Leverkusen und betreute die holländische Nationalmannschaft. Im wiedervereinten Deutschland waren seine Künste nicht gefragt. Die Funktionäre und Trainer aus den alten Bundesländern benahmen sich dem Mecklenburger gegenüber„hochnäsig und großkotzig“. „Ich habe mich damals geschämt für meine Kollegen aus dem Westen.“

Vor zehn Jahren ließ Fritz Sdunek die Amateure hinter sich. Dariusz Michalczewski lockte ihn zum Hamburger Profistall Universum. Zusammen mit seiner Frau baute er in Hamburg ein Gym auf nach dem Vorbild einer sozialistischen Sportschule. „Wir haben hier mit den Jungs zusammen gefrühstückt, meine Frau hat Mittag gekocht, und abends haben wir alles besprochen und Probleme bewältigt. Eine wilde Zeit.“ Sdunek wohnte gleich neben dem Gym, war in den Anfangsjahren eine Art Mutter Courage. „Erst hat er mich trainiert und anschließend auch noch den Ring ausgefegt“, hat Witali Klitschko einmal erzählt.

Der erste Boxer, den Sdunek zum Weltmeister bei den Profis machte, war Ralf Rocchigiani, von dem damals viele behaupteten, dass er Alkoholiker sei. Zehn Weltmeister folgten bis heute. Unter ihnen Michael Löwe, Juan Carlos Gomez, Dariusz Michalczewski und Mario Veit. Und natürlich die beiden ukrainischen Riesen Witali und Wladimir Klitschko. Ihr Vertrauen erlangte der Deutsche, indem er ihnen den Sinn jeder Übung erklärte – und sie sahen, dass sie besser wurden. Bei einer Begegnung in Kiew erklärte die Mutter ihm: „Außerhalb der Ukraine bist du jetzt der Vater der beiden.“

Ziemlich auf den Tag genau vor zwei Jahren besuchten amerikanische Boxexperten in Las Vegas eine Trainingsstunde Sduneks mit den Klitschkos. Mittendrin spendeten die Herren Szenenapplaus. „Er ist der große Star hinter den Stars“, schwärmte Gene Kilroy, der einst Muhammad Ali managte. „Mister Fritz macht das beste Boxtraining der Welt. Seine Flexibilität und Variabilität sind unerreicht. Zwischen ihm und seinen Boxern herrscht ein produktiver Geist“, sagte Kilroy. Sdunek trieb es die Schamröte ins Gesicht.

Witali Klitschko ruft den Trainer beim Vornamen, dabei zieht er das „i“ ganz lang. Neulich erst wollte es der Boxer im Training mal wieder besser wissen. Sdunek sagte, er habe hier das Sagen, andernfalls könne der Weltmeister sich einen neuen Trainer nehmen. Daraufhin kam Witali auf ihn zugestürmt und sagte: „Friiiitz, was sagst du mir da?“

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