Zeitung Heute : Der Mann hinter... Wolf Haas

Für Wolfram Hämmerling bastelt der Krimi-Autor gern einen Extra-Mord in die Handlung.

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Es muss ein magischer Moment gewesen sein für Wolfram Hämmerling, als er dieses Manuskript ausgepackt hat. Wir schreiben das Jahr 1995 und der Hamburger Lektor steht am Anfang seiner Karriere. Hämmerling betreut die Krimi-Reihe bei Rowohlt und das unverlangt eingesandte Manuskript ist ohne jedes Begleitschreiben auf seinem Schreibtisch gelandet. „Mein erster Impuls war, dass es sich ein bisschen verrückt liest“, erinnert er sich. „Ich merkte aber nach drei Seiten, dass da ein Berserker zu Gange ist. Ein Sprachvirtuose, der trotz dieser struppigen und anti-grammatischen Sprache einen ganz eigenwilligen Kosmos geschaffen hat.“

„Weil die Kälte, da kann dir das Christkind noch so einen guten Thermoanzug bringen. Nützt auf die Dauer nichts.“ Gleich auf den ersten Seiten philosophiert der Erzähler über Skiliftpersonal. Und ein paar Seiten später kommt einem kältegeplagten Liftwart eine im Sessellift sitzende Leiche entgegen. Aus Hämmerlings erster Entdeckung wurde der Krimi „Auferstehung der Toten“. Ein Glücksgriff – fünf weitere Bände mit dem Detektiv Simon Brenner sollten folgen. Der Autor Wolf Haas ist inzwischen zu einem gefeierten Star avanciert.

Haas, der seinerzeit in Wien als Werbetexter arbeitete und für den gleichen Text von zahlreichen anderen Verlagen Absagen erhalten hatte, bewundert, dass Wolfram Hämmerling den verlegerischen Mut besessen habe, ihm, dem damals völlig unbekannten Autor, zu vertrauen. (Letztlich hat sich das ausgezahlt. Bis jetzt verkauften sich die Haas-Krimis mehr als 800 000 Mal.) Auch umgedreht ist das Vertrauen erkennbar, weil der Autor seinem Lektor 2002 von Rowohlt zum kleineren Hoffmann & Campe-Verlag gefolgt ist. Erstaunlich: In seiner österreichischen Heimat gehören Haas’ Bücher inzwischen sogar zur Schullektüre.

Die Kommunikation zwischen Wolf Haas und seinem Lektor Wolfram Hämmerling beschränkt sich über fünf Jahre auf Faxe und Telefonate. Persönlich kennen gelernt haben sie sich erst 1998, weil Haas die Handlung seines Formel-1-Krimis „Ausgebremst“ entglitten war. So trifft Wolfram Hämmerling in einem Wiener Café erstmals seinen Autor. Der beherzigt alle Einwände des Lektors („Ruhig noch einen Mord einfügen!“).

Die Kriminalromane des Wolf Haas stehen in der landestypischen Sprachtradition des abgründigen Schmähs. Durch das impertinente Du des Erzählers wird der Leser direkt in die Geschehnisse hineingezogen, man meint sogar, seine Stimme im Wienerischen Singsang sprechen zu hören. Tief aus diesen blutrünstigen Geschehnissen spricht immer auch österreichischer Selbsthass. Spurenelemente der K.u.K.-Historie, die sich im Personal von Haas’ Geschichten wiederfinden. Die Verachtung sitzt tief, und aus dem Provinzmief gibt es kein Entrinnen. Haas schildert beides milieugetreu, aber auch liebevoll, so dass man als Leser gar nicht anders kann, als mitzuleiden und mitzulachen.

Die schriftstellerische Fantasie von Haas und sein sprachliches Talent stehen auf der einen Seite dieser Erfolgsgeschichte. Der Lektor, der die Zusammenarbeit mit dem Autor als Ping-Pong-Spiel im extremen Zeitlupentempo beschreibt, auf der anderen. „Besonders an unserem Verhältnis ist, dass es zum Arbeiten weniger Worte bedarf. Wir sind Verwandte im Geiste. Ich habe immer das Gefühl, dass wir an einem Strang ziehen“, sagt Hämmerling. Haas sei ein echter Schriftsteller, der gar nicht anders könne, als zu schreiben. Auch er selbst wollte nie etwas anderes sein als Lektor. Hämmerlings Mutter war Deutschlehrerin, später auch Autorin, der Vater Pastor und Psychologe. „Unter dem Strich kommt dabei ein großer Anteil heraus, der auch meiner Arbeit entspricht.“ Herausgefallen aus seiner Rolle als Lektor ist er einmal für ein Schauspielintermezzo: In der Verfilmung von Brenners drittem Fall „Komm süßer Tod“ spielt Hämmerling in einer Statistenrolle einen Zivildienstleistenden. Wolf Haas lobt Wolfram Hämmerlings Besonnenheit, wohingegen er als Autor stets Gefahr laufe, sich von der eigenen Begeisterung am Text davontragen zu lassen. „Ich habe ja im Kleinteiligen meine Sprache schon gefunden, die tastet der Lektor gar nicht an. In den großen Erzählbögen wird dagegen nachgebessert“, sagt Haas.

Brenners zweiter Fall „Der Knochenmann“ ist für Hämmerling ein sprachliches Bravourstück, aber plottechnisch sei bei dem im Provinzfußballmilieu angesiedelten Krimi durchaus noch Handlungsbedarf gewesen, als ihm Haas das Manuskript erstmals anvertraut hat. „Hämmerling legt seinen Finger dann zielsicher auf die Stellen, wo ich mir gedacht habe, hoffentlich merkt er’s nicht“, sagt Haas. Er beantwortete die Kritik seines Lektors mit einem besonders grausam geschilderten Fall: Der Kopf eines Spielers rollt beim Training aus dem Ballnetz.

Haas freut sich seinerseits über die Risikobereitschaft seines Lektors. „Als ich ihm mitgeteilt habe, dass ich nach dem sechsten Fall mit den Brenner-Krimis aufhöre, hat er mich nicht umgestimmt. Er bewundert mich sogar für meinen Mut.“ Ob dieser Mut auch von den Lesern belohnt wird, entscheidet sich im September, wenn Haas’ neues Buch „Das Wetter vor 15 Jahren“ erscheinen wird. Sein erster Liebesroman.

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