Zeitung Heute : Der Mann im Glas

Attraktion und Streitobjekt: Ein Hungerkünstler in London

Matthias Thibaut[London]

Den schwarzen Rucksack hat er oben an einen Haken gehängt. Wie ein Wanderer, der eine Pause macht. David Blaine, der amerikanische Showman und Zauberer, liegt auf einer weißen Decke hingestreckt, den Kopf auf den rechten Arm gestützt und genießt die Aussicht. Es sind sonnige Tage. Das Themsewasser zieht silbrig unter der Tower Bridge zum Meer. Hinterm Tower mit seinen Bootsanlegestellen erhebt sich Norman Fosters neuer Wolkenkratzer. David Blaine hat die beiden Fensterchen seines Glaskäfigs weit geöffnet. Möwen kreischen.

Zwölf Meter über dem Boden schwebt der durchsichtige Kasten in der Luft, festgehalten von einem Kran mit elegant gebogenem, dünnen Auslegerarm. „Above the below“, heißt die Aktion am Themseufer, oberhalb von Unterhalb – was immer das bedeuten mag. Blaine ist bekannt für extravagante Aktionen. Einmal ließ er sich drei Tage lang in einen Eisblock auf dem Times Square einfrieren. Ein andermal stand er in New Yorks Fifth Avenue 35 Stunden auf einer 30 Meter hohen Säule. Und jetzt hungert er 44 Tage lang in dieser Plexiglas-Box, nimmt nichts als Wasser zu sich. Es sei „das Härteste“, was er bisher getan habe, erklärte er zu Beginn der Aktion. Dann stieg er, mit ein paar Windeln, schwarzen Müllsäcken, einem Labello-Stift, seinem Tagebuch und der Decke in den Kasten.

Jetzt sind bald drei Wochen vorbei, und David Blaine ist in dieser Zeit die große Attraktion in London geworden. Tausende sind gekommen, den Mann da oben zu besichtigen. An der Tower Bridge fahren die Autos langsamer. Ein Bobby weist Neugierigen den Weg. „Turn left. You can’t miss him.“

300 Schaulustige etwa sind es heute. Japanische Touristen filmen und schütteln den Kopf. Einer der wuchtigen Wachmänner steigt auf eine kleine Plattform, um die Menge besser im Auge zu behalten. Ab und zu ruft jemand etwas hinauf. „David, we love you“, kreischen ein paar Mädchen. Junge Männer rufen eher „Go home, Blaine“. Zwei Schulmädchen recken die Hälse, winken und hüpfen, um Blaines Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Dann richtet er seine dunklen, weiten Augen auf sie und winkt, ohne den Kopf vom Arm zu nehmen, mit der freien Hand hinunter. Ein Starwinken. Lässig, aber aufmerksam. Die Mädchen werden rot, lachen und eilen durch die Menge davon.

„Für fünf Millionen Pfund würde ich das auch tun“, sagt ein Mann im T-Shirt mit straffem Bierbauch zu seinem Freund. So viel soll Blaine für seine seltsame Hungerkur bekommen. Die Fernsehsender Channel 4 und Sky News haben die Rechte gekauft. Außerdem kann man Blaines Aktion gegen Geld im Internet verfolgen. Gelegentlich spricht er dort sogar etwas in die Kamera. Die beste Reklame aber macht die englische Presse, indem sie mit erstaunlicher Einmütigkeit gegen den Amerikaner zu Felde zieht. Der „Sunday Mirror“ veranstaltete sadistischerweise eine Grillparty unter der Box des hungernden Blaine. Ein Männermagazin schickte mit einem Modell-Hubschrauber einen Cheeseburger vor den Käfig. Ein BBC-Reporter organisierte sogar ein großes Eierwerfen auf den Glaskasten.

Blaine ist zum Diskussionsthema Nummer eins in der Stadt geworden. Ist er nur ein Entertainer, der Geld mit der Neugier der Menschen macht? Ist seine Aktion eine Beleidigung der irischen Hungerstreiker, wie Bürgermeister Ken Livingston glaubt? Oder ist Blaine ein Aktionskünstler wie die Schauspielerin Tilda Swinton, die 1995 eine Ausstellung lang in einem Glaskasten schlief und damit laut dem Ausstellungskatalog eine Serie „wesentlicher Fragen stellte, für die es keine Antworten gibt“?

„Ich finde, man sollte ihn in Ruhe lassen“, sagt die 25-jährige Ruth Stuart, die in der City arbeitet und in der Mittagspause herübergekommen ist. „Er tut ja niemandem etwas.“ Warum sie gekommen ist? „Ich wollte einfach das Spektakel sehen.“ Blaine sitzt jetzt da, die Knie angezogen, und sieht bewegungslos herunter. Er schaut uns zu, wie wir ihm zuschauen.

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