Zeitung Heute : Der Mann mit dem Doppelleben

Studenten wie Ulrich Bubolz müssen eine zweifache Last schultern: Sie schuften im Hörsaal und im Trainingscamp

Christian Hohlfeld

Ulrich Bubolz führt ein Doppelleben. In den Hörsälen und Seminarräumen ist er einer von vielen, einer von rund 2300 Studenten, die einen Abschluss als Wirtschaftsingenieur an der TU Berlin anstreben. In anderer Hinsicht ist Ulrich Bubolz die Nummer eins – als Torhüter der deutschen Hockey-Nationalmannschaft.

Die Bild-Zeitung machte ihn zum „Hockey-Lehmann“, in Anspielung auf den Torhüter der Fußball-Nationalmannschaft, Jens Lehmann. Ulrich Bubolz schätzt solche Wortschöpfungen nicht.

Eine Parallele aber gibt es: Ebenso wie Lehmann bei der Fußball-Weltmeisterschaft wurde Bubolz im vergangenen Jahr bei der Hockey-Weltmeisterschaft im eigenen Land zum gefeierten Helden. Mit einem großen Unterschied: Bubolz wurde tatsächlich Weltmeister.

Der zweite Titel folgte im Februar dieses Jahres: Da sicherten sich die deutschen Hockey-Herren auch den WM-Titel in der Halle.

Wie Bubolz absolvieren viele Spitzenathleten parallel ein Studium. Diese Doppelbelastung zu meistern, ist alles andere als einfach. Nicht selten kollidieren Training, Lehrgänge und Wettkämpfe mit Prüfungen und Praktika. „Insbesondere vor Großereignissen wie der Weltmeisterschaft haben uns die Trainer empfohlen, ein Urlaubssemester einzulegen. Allerdings habe ich mich nie daran gehalten“, schmunzelt Bubolz.

Dass er als zielstrebig gilt, überrascht nicht. Zwischen den beiden Weltmeistertiteln hat er seine Diplomarbeit geschrieben. Jetzt steht nur noch die Endnote aus. Dass er mit 13 Semestern nur ein Semester über dem Durchschnitt geblieben ist und dazu noch ein Auslandssemester in Paris verbracht hat, macht ihn ein wenig stolz. „Konsequenz, Ehrgeiz und Organisationstalent sind im Spitzensport Grundvoraussetzung, um überhaupt erfolgreich sein zu können“, erläutert Jochen Zinner, Leiter des Olympiastützpunktes Berlin, der über 100 studierende Spitzensportler in Berlin betreut.

Diese Eigenschaften helfen auch beim Studium. Allerdings benötigen Spitzensportler darüber hinaus Flexibilität, also auch individuelle Prüfungs- und Abgabetermine. Genau deshalb hat die TU Berlin einen Kooperationsvertrag als „Partnerhochschule des Spitzensports“ mit dem Allgemeinen Deutschen Hochschulsportverband, dem Olympiastützpunkt in Berlin und dem Studentenwerk abgeschlossen. „Es geht darum, die sportbedingten Nachteile auszugleichen“, sagt Ulrike Gutheil, Kanzlerin der TU und Patin des Projekts. „Das Studium soll trotz der hohen zeitlichen Belastung des Leistungssports erfolgreich und zügig absolviert werden können.“ Allen Studenten optimale Bedingungen für ein schnelles Studium anzubieten, ist an der Hochschule Chefsache.

Unter anderem stellt die TU Berlin Ansprechpartner zur Verfügung, bietet spezielle Beratungen an und organisiert regelmäßige Treffen, bei denen konkrete Probleme besprochen werden. Auch Kontakte für Praktika werden vermittelt. Außerdem nutzen die Sportler regelmäßig das Fitnessstudio der TU. „So können sie zwischen Lehrveranstaltungen ihr Trainingspensum erfüllen, ohne extra zum Verein oder Olympiastützpunkt fahren zu müssen“, erklärt Doris Schmidt, Leiterin des TU-Hochschulsportes und Koordinatorin der Partnerschaft. Ulrich Bubolz sieht das sehr positiv. Insbesondere Anlaufstellen in den Fakultäten hält er für unerlässlich.

Ebenso wichtig ist es für ihn, Kontakte zu anderen Studenten zu knüpfen. So hat es ihm sehr geholfen, dass er früh eine Lerngruppe gefunden hatte. „Bis zum Ende des Studiums hatte die Gruppe Bestand. Da konnte man sich gegenseitig auf dem Laufenden halten“, hebt er hervor. „Als Einzelkämpfer hat man keine Chance.“

Derzeit sind 23 Spitzensportler an der TU Berlin eingeschrieben. Einige haben Chancen, ein Ticket für die Olympischen Spiele in Peking im nächsten Jahr zu ergattern. Ulrich Bubolz ist ein heißer Kandidat. Seine beruflichen Pläne stellt er zunächst hinten an. „Ich hätte als Trainee jetzt den Berufseinstieg wagen können. Aber der Zeitaufwand ist mit der Olympia-Vorbereitung nicht zu vereinbaren“, zieht er die Grenzen eines Doppellebens.

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