Zeitung Heute : Der Mann, mit dem man spricht

Bremens Bürgermeister Henning Scherf hat den Vorsitz des Ausschusses übernommen. Warum er vielleicht genau der Richtige für diese Aufgabe ist. Ein Porträt

Peter Siebenmorgen

Das Einzige, was man über ihn sagen könne, sei, dass er nett ist, hat Herbert Riehl-Heyse einmal über einen bayerischen Landesminister geschrieben und damit im Grunde ein vernichtendes Urteil über den Mann ausgesprochen. Über Henning Scherf (SPD), Bürgermeister von Bremen und in den kommenden kritischen Wochen Vorsitzender des gemeinsamen Vermittlungsausschusses von Bundestag und Bundesrat, gibt es noch sehr viel mehr Zeugnisse überbordender Nettigkeit als von jenem ehemaligen bayerischen Landwirtschaftsminister. Vermutlich kommt jeder, der mit Scherf zu tun hat, zu dem einen Schluss: Netter geht’s nicht. Nur, dass das in seinem Fall Ausdruck höchster Wertschätzung ist. Eine bessere Voraussetzung für seine Rolle im Vermittlungsschacher gibt es nicht. Wenn ihm nicht, wem dann würde man es abnehmen, ehrlicher Makler unterschiedlicher Interessen sein zu können, sein zu wollen? Auch deshalb wurde Scherf seinerzeit von Gerhard Schröder, der bereits im Frühjahr das dramatische Ende dieses Jahres hatte kommen sehen, umworben, für die Bundesratseite die Vermittlungsführung zu übernehmen. Scherf selbst, der nach einer langen Wanderung über die ideologischen Höhen und durch die alltäglichen Täler der Politik Mitte der neunziger Jahre den aufgeklärten Pragmatismus für sich gefunden hat, will im Übrigen den Erfolg. Nicht etwa, weil aus dem nachdenklichen Protestanten mit der linken Vergangenheit über Nacht ein Macher-, ein Siegertyp geworden wäre oder gar das, was heutzutage – allerdings ohne Artenspezifizierung – gern ein „Alpha-Tier“ genannt wird. Sondern weil er, das nunmehr am längsten dienende Mitglied einer Regierung in Bund oder Land, im Lauf der Jahre einfach begriffen hat, wie trostlos es ist, vom Wünschbaren zu schwärmen, ohne mit einem geschärften Sinn für das Machbare ausgestattet zu sein. So hat er sich, als Chef einer großen Koaliton, seit 1995 drangemacht, die sehr konkreten Probleme seiner Heimat sehr konkret anzugehen. Und so möchte er auch die sehr konkreten Probleme Deutschlands insgesamt ebenso sehr konkret bearbeitet sehen. Schröders Reformkurs ist ihm aus diesem Grund sehr viel sympathischer, als es den vielen anderen (Weg-)Genossen aus den Traditions- oder Ideologieregimentern der Sozialdemokratie gefallen mag. Aber noch wichtiger als die Bewahrung der reinen Kanzler-Lehre ist ihm, dass sich überhaupt etwas in die richtige Richtung bewegt. Scherfs Kompromisshorizont dürfte ziemlich weit gestreckt sein.

Seit Wochen führt er in diesem Sinne Gespräche mit allen am Vermittlungsverfahren Beteiligten. Wo sich ohne weiteres keine Einigkeit abzeichnet, wird er es mit eigenen Vorschlägen zur Güte versuchen, die er in den Sondierungen der Vorwochen immer mal wieder leise angetestet hat. Mit etwas gutem Willen auf allen Seiten müsste am Ende ein achtbares Ergebnis stehen können. Aber Scherf weiß auch, dass die handfesten Machtinteressen auf Seiten der Union eine Einigung nicht einfacher machen – genauso wenig wie die längst erreichte Schmerzgrenze auf sozialdemokratischer Seite bei den Abschieden vom Gewohnten. Mit seiner netten Wesensart kann er ein gedeihliches Klima der Verhandlungen befördern, doch kein Ergebnis erzwingen. Was beim Ringen um eine Vermittlungslösung am Ende der Parteiseele der SPD zumutbar ist, müssen andere Sozialdemokraten entscheiden. Und die ungeklärten Führungs- und Strategiefragen der Union kann kaum jemand besser lösen als, sagen wir beispielsweise, Angela Merkel.

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