Zeitung Heute : Der Mann mit dem richtigen Sound

Schlagfertig und ehrlich – als Tony Blair vor jungen Labour-Parteitagsdelegierten in einer Disko spricht, hat er sie schnell auf seiner Seite. Und das, obwohl viele seine Irak-Politik nicht unterstützen. Das Problem, sagen sie in Blackpool, ist nicht ihr Premier, sondern der Präsident der USA.

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Von Matthias Thibaut,

Blackpool

Tony Blair sitzt auf einem Barhocker neben einer jungen blonden Frau mit sehr roter, sehr weit ausgeschnittener Bluse und strahlt. In der Luft hängt der Geruch von Bier, die Schuhe kleben am Teppichboden. Der „Waterfront Nightclub“ in Blackpool wäre normalerweise nicht die erste Wahl für das Abend-Entertainment des britischen Regierungschefs. Labours Strategen haben Blair hierher geschickt, damit er 300 jungen Labouraktivisten und Parteitagsdelegierten Rede und Antwort steht. Die Vorsitzende des Labour-Studentenverbandes leitet die Diskussion. Blair versucht, den Blick in ihren Ausschnitt zu vermeiden. „Toll, hier zu sein. Richtig New Labour“, sagt er ironisch und blinzelt zur Decke, wo elektrische Sternchen blinken.

„New Labour“ – jahrelang klang der Partei wie ein Schlachtruf. Diese Woche in Blackpool hört man ihn selten. Labour ist zu ihrem schwierigsten Parteitag seit dem Regierungsantritt 1997 zusammengekommen. Überall sind die Probleme zu greifen. Zwei Drittel der Briten haben laut einer gestern veröffentlichten Umfrage das Vertrauen in die Reformkraft der Regierung verloren. Die Gewerkschaften laufen Sturm gegen die Privatfinanzierung von Schulen und Krankenhäusern. Die Partei verliert Mitglieder und ist hoch verschuldet. Zwischen Parteibasis und Führung hat sich eine Kluft aufgetan.

„Schröder ist unser Mann“

Aber über all diesen Problemen steht die eine Frage, die Labour in Blackpool wirklich umtreibt: Wird uns Tony in einen Krieg gegen den Irak führen? Auch in der Disko ist dies die brennendste Frage. „Hello Tony, ich heiße Jodie“, beginnt die junge Frau in Rot. Ob er sich eigentlich darüber im Klaren sei, dass ein Krieg gegen den Irak die gesamte muslimische Bevölkerung in Großbritannien und in der Welt gegen die Regierung aufbringen würde? Und was, wenn Tausende von unschuldigen Kindern sterben?

„Schools and Hospitals First“ steht hinter Blairs Barhocker auf einer roten Tafel – aber der Parteitagsslogan wirkt blass und weltfremd. Vielleicht würde Blair lieber über neue Schulen, Krankenhausreform und Frauenquote sprechen. Aber er weiß, dass er das Thema Irak nicht vermeiden kann. „Okay“, sagt er und steht von seinem Barhocker auf. „Dass wir uns über eines im Klaren sind. Saddam hat diese Waffen wirklich. Und er wird sie auch benutzen.“ Blair spricht eindringlich und schnell. Keine Spur von Unsicherheit. Vielleicht klingen seine Argumente ein bisschen zu glatt, aber er ist schlagfertig und wirkt ehrlich. Immer wieder hat er bei solchen Reden gezeigt, dass er das Publikum auf seine Seite ziehen kann. Vor allem heute muss er das zeigen, wenn er seine große Parteitagsrede im Plenum in Blackpools „Wintergardens“ hält. „Im Augenblick ist Saddam derjenige, der unschuldige Kinder tötet“, sagt Blair. „Ich will keinen Krieg. Es geht auch nicht um einen Krieg gegen Muslime. Als wir in den Kosovo gingen, ging es darum, Muslime vor Christen zu schützen. Wir sagen nur, dass der Willen der UN erfüllt werden muss.“

Der Vergnügungsort Blackpool ist in diesen Tagen auch ein Ort eigenartiger Kontraste. Auf der einen Straßenseite die Spielsäle mit ihrem grellen Neonlicht, den Fish-and-Chips-Buden, den angetrunkenen Mädchen aus Liverpool, die sich mit Bierdosen durch die Menge schieben. Auf der anderen Seite stehen Polizisten mit Maschinenpistolen. In ihren Reflektorjacken spiegelt sich die Promenade-Beleuchtung. Die Flugblätter gegen den Krieg werden nur an die Parteitagsdelegierten verteilt, die man an ihren Konferenzausweisen am Revers erkennt. Blackpools Vergnügungspublikum nimmt von dem Parteitag keine Notiz.

Abseits, hinter einem breiten Sicherheitskordon liegt auch das Imperial Hotel, in dem Blair und die Parteielite abgestiegen sind. Hier liegt den ganzen Tag der Duft von Frühstücksspeck und Kaffee in der Luft. Kamerateams stehen in der Lobby, ein ständiges Kommen und Gehen, auch wenn jede Tasche von Sicherheitsbeamten durchleuchtet wird. Verloren in dem Getümmel sitzt der Labour-Linke Dennis Skinner auf einer Treppenstufe, ein ehemaliger Bergarbeiter, Abgeordneter seit 20 Jahren. „Frieden“, bellt er, „Frieden? Das gibt es nur auf dem Friedhof.“ Bewusst lässt er in der Schwebe, ob er vom Irak spricht oder von den Beziehungen zwischen der Parteibasis und der Labourführung.

Die wenigsten der Labouranhänger, die zu Tausenden als Delegierte in Blackpool sind, wissen, was Tony Blair vorhat. Ein junger Mann verteilt Einladungen zu einer Diskussion über den Krieg. „Wir sind hier, um ihn zu überzeugen, das nicht zu tun“, sagt Malik, ein Pakistani aus Bradford. Über die Fragen des deutschen Reporters freut er sich und strahlt: „Schröder, das ist unser Mann.“

Auch Scott Ritter, der ehemalige UN-Waffeninspekteur, ist hier, er kam direkt von der großen Londoner Anti-Kriegs-Demo nach Blackpool. Nun eilt er am Rande des Parteitags von Termin zu Termin, ein Kronzeuge gegen den „amerikanischen Imperialismus“. Wo er spricht, sind die Bars und Hotellobbys vollgepackt – während Außenminister Jack Straw im Hilton vor halbleerem Saal über die Zukunft der europäischen Gemeinschaft diskutiert. „Dies ist ein entscheidender Augenblick in der Geschichte der Welt“, warnt Ritter. „Wie wir jetzt mit dem Irak umgehen, entscheidet für Jahrzehnte, wie die Welt mit der Dominanz der Amerikaner fertig wird.“ Der ehemalige US-Marinesoldat sagt, er liebe Amerika und würde dafür auch wieder in den Krieg ziehen. „Aber nur im Namen von Recht und Multilateralismus.“

Die Labourabgeordneten und irakischen Oppositionellen in der Bar des Roscrea-Hotels nicken. Auffallend aber auch, wie scharf sie Saddam Hussein angreifen. Er müsse vor einem internationalen Tribunal angeklagt werden, fordern viele Sprecher. „UN-Resolutionen sind leicht gekauft“, warnt der Labour-Rebell Bob Marshall, einer jener 53 Unterhausabgeordneten, die vergangene Woche in der Dringlichkeitsdebatte gegen Blairs Irak-Politik gestimmt haben. „Man erhebt unerfüllbare Forderungen, um dann einen Grund für den Krieg zu haben.“

Aber auch Tony Blair in der „Waterfront“-Disko erhält Beifall. „Seht her. In Bagdad sitzen sie nicht herum und veranstalten Fragestunden zu Saddam“, sagt Blair und macht dann eine Pause, als müsse er Anlauf nehmen. „Wenn ich vor einem Jahr am 10.September gesagt hätte, da gibt es diese Gruppe in Afghanistan, die schreckliche Verbrechen plant – ihr hättet gesagt, wovon redet der eigentlich?“ Das Publikum klatscht.

Eine einfache Frage

Drei Viertel der Labour-Bezirksvereine sind gegen einen Krieg, wenn er nicht von der UN abgesegnet ist. Doch die Resolution, die dem Plenum gestern vom Präsidium vorgelegt wurde, sprach nur von einem Krieg „in Übereinstimmung mit dem internationalen Recht“. Blair will sich von niemand an die Leine nehmen lassen, auch nicht von seiner Partei. Dann stellt einer in der Disko die „ganz einfache Frage“, die allen unter den Nägeln brennt. „Tony, wenn Bush ohne UN-Billigung Krieg macht, was werden Sie tun?“ Blair antwortet knapp: „Wir sind einfach noch nicht an diesem Punkt. Und ich will nicht zu diesem Punkt kommen. Deshalb gehen wir auf unserem Weg weiter – über die UN.“

Labour weiß nicht, wohin sie vom Parteichef geführt wird. Doch noch gibt sie ihm, zähneknirschend, den nötigen Vertrauensvorschuss. „Das Problem ist, dass er sich mit diesem Verrückten in Washington zusammengetan hat“, sagt der Abgeordnete Skinner auf der Treppe des Imperial Hotel. Etwas anders formuliert es der Präsident des Gewerkschaftsdachverbandes. „Unser Premier macht uns keine Sorgen“, ruft Sir Tony Young den Delegierten zu. „Aber ein kleines bisschen Sorgen macht uns dieser Typ auf der anderen Seite des Ozeans.“ Vorerst tappen die Delegierten weiter im Dunkeln. Doch einen Steinwurf entfernt vom Parteitag hat „Petulagro“ ihren Stand. Handleserin und Hellseherin, seit 40 Jahren im Geschäft.

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