Zeitung Heute : Der Mann ohne Leidenschaften

Besonnenheit sticht spät: „Heinzi“ Fischer ist Österreichs neuer Bundespräsident

Markus Huber

Man muss es mögen, auf einer großen Bühne zu stehen, mit einem Mikrofon in der Hand und 700, vielleicht auch 1000 Menschen vor den Füßen, die alle in rhythmischer Wiederkehr einen Namen brüllen – deinen Namen. Es gibt Menschen, die das mögen, im Showgeschäft, bei Deutschland sucht den Superstar und auch in der Politik. Heinz Fischer, der Sieger der österreichischen Bundespräsidentenwahlen vom Sonntag und designierter Bundespräsident, gehört nicht dazu. Es ist Sonntag, weit nach 22 Uhr, und Fischer wird schon zum dritten Mal von seinen Mitarbeitern ins Zelt vor seiner Wahlkampfzentrale geschoben. Der Tag, der ihm den größten Erfolg in seiner politischen Laufbahn brachte, hat Spuren hinterlassen: Fischer sieht müde aus, abgekämpft von den vielen Interviews. Und doch muss er noch einmal auf die Bühne, vor die Menge seiner Sympathisanten, die alle „Heinzi, Heinzi“ rufen. Viel will er nicht mehr sagen, also sagt er nur zwei Sätze: „Ich kann euch eines versichern: So wie ihr schreit, werdet ihr morgen alle Halsschmerzen haben.“ Und da die Menge hysterisch zu lachen beginnt, schiebt Fischer noch einen Satz nach: „Aber vielleicht ist das ja eine Situation, in der sich die Halsschmerzen auch lohnen.“ Noch lauteres Lachen, minutenlanger Beifall.

Man kann spüren, wie unangenehm Fischer die Rolle des umjubelten Siegers ist. Tatsächlich ist es ein wenig sonderbar, dass ausgerechnet dieser Mann nun sechs Jahre lang der ranghöchste Politiker in Österreich sein wird. Seit fast 40 Jahren ist der 65-Jährige in der Politik – erst als Sekretär des sozialdemokratischen Parlamentsklubs, dann als Abgeordneter, Fraktionschef, Wissenschaftsminister und schließlich Parlamentspräsident – und doch war er immer ein Mann der zweiten Reihe. In den 40 Jahren vor seiner Wahl zum Bundespräsidenten hat er es geschafft, kein einziges Mal als Spitzenkandidat in einen Wahlkampf zu gehen, und in den fast 25 Jahren, die er stellvertretender SPÖ-Parteivorsitzender ist, diente er zwar fünf SPÖ-Vorsitzenden, doch den Sprung an die Spitze lehnte er jedes Mal ab. Sogar 1983, als der gewichtigste SPÖ-Kanzler der Zweiten Republik, Bruno Kreisky, zurücktrat und Fischer sein Nachfolger hätte werden sollen. Er wollte nicht. Punkt.

Im Wahlkampf tauchte ein angebliches Zitat des Ex-Kanzlers Bruno Kreisky auf, der dem Vernehmen nach gesagt haben soll: „Aus dem Heinz Fischer wird sicher noch etwas, denn immer, wenn es etwas Wichtiges zu entscheiden gibt, sitzt er am Klo.“ Ob das Zitat stimmt, ist zwar fraglich, denn erstens ist die Quelle dafür ein nicht gerade bestens beleumundeter und zudem erzkonservativer Journalist und zweitens war Kreisky zwar lustig, aber nicht so durchtrieben. Und doch wurde dieses „Zitat“ im Wahlkampf zu einer stehenden Wendung, weil es irgendwie zu Fischer passt. Fischer hat viele Wendungen der SPÖ-Politik mitgemacht und sie unbeschadet überlebt. Von 1983 bis 1986 war er sogar Regierungsmitglied, als die SPÖ mit den Freiheitlichen koalierte. Als 1986 die SPÖ die FPÖ wegen Jörg Haider aus der Regierung schmiss, war Fischer ebenfalls dabei. Er arrangierte sich mit der ÖVP, als die SPÖ mit den Bürgerlichen koalierte, und seitdem die SPÖ in der Opposition sitzt, versucht er sich ebenfalls als oppositioneller Kämpfer. Grundsätzliche Richtungsentscheidungen waren von ihm nie zu erwarten, weder in Interviews, noch in den Sitzungen des SPÖ-Präsidiums. Dort beschränkte er sich darauf, den Elder Statesman zu geben, der sich in Sitzungen als Letzter zu Wort meldet und seine Reden zu einer wohl formulierten Zusammenfassung des bisher Gesagten nützt.

Fischer, der Jurist mit einer Professur an der Innsbrucker Universität, scheint ein Mann ohne Leidenschaften zu sein, wenn man von seinem Faible für Jazz und lange Bergtouren absieht. Er hat keine Ecken und Kanten, doch man muss ihm zugute halten, dass er die nicht auf Anraten eines PR-Beraters weggefeilt hat – er hatte sie nie. Wenn man mit Heinz Fischer spricht, dann tut man das meist in seinem Büro oder in der Bibliothek seiner Privatwohnung in der Wiener Josefstadt, fünf Gehminuten vom Wiener Parlament entfernt. Beides sind Räume für Teetrinker, rauchfreie Zonen mit großen Bildern des österreichischen Aktionisten Hermann Nitsch an der Wand, voll gestopft mit Büchern, vorzugsweise die österreichischen Klassiker wie Robert Musil und Heimito von Doderer. Heinz Fischer spricht immer langsam, so, dass auch langsame Zuhörer seinen komplizierten Schachtelsätzen folgen können. Das Leben ist kompliziert, die Politik ist es auch, und Fischer ist nicht nur ein Mensch, der das weiß, sondern auch einer, der keine Lust darauf hat, Leben und Politik für die Fernsehgesellschaft zu vereinfachen.

Emotionen sind von ihm nicht zu erwarten, weder wenn er über den Wahlkampf spricht – „ Im Großen und Ganzen war er fair und ein schönes Erlebnis“ – und auch dann nicht, wenn er über sein Hobby, den Jazz, redet. Unvorstellbar, dass dieser Mensch vor 35 Jahren beim Sommer der Liebe in Woodstock zugegen war. Was ihn daran fasziniert hat? „Dass es ein wunderbares Jazzfestival war.“ Doch letzten Endes hat ihm genau diese ruhige Ausgewogenheit geholfen, am Ende seiner politischen Laufbahn zum Präsidenten gewählt zu werden. Für viele Wähler war laut Umfragen das wichtigste Argument, Fischer zu wählen, seine Besonnenheit. Ganz im Gegensatz zu seiner Gegenkandidatin sind von Fischer während seiner Präsidentschaft keinerlei Überraschungen zu erwarten.

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