Zeitung Heute : Der Mantel der Geschichtchen

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Von Robert von Rimscha

Rotkohl, Radfahrer, Romeo: Nur drei der vielen Rollen, die Rudolf Scharping schon gespielt hat. Bis Donnerstag. Bis zu jenem Tag, an dem sein Rücktritt längst beschlossene Sache war, an dem nur Scharping selbst trotzige Sätze sprach: Er werde kämpfen, bleiben, weiterregieren. Rudi Ratlos: Das war seine vorerst letzte Rolle. Jetzt ist er entlassen.

Es begann mit einem fulminanten Aufstieg. Der 1947 Geborene wird gleich nach dem Studium der Rechtswissenschaft und Politik Abgeordneter im Landtag von Rheinland-Pfalz. Man schreibt das Jahr 1975. Ein anderer Pfälzer, Helmut Kohl, beginnt gerade seinen Sturm aufs Kanzleramt. Im Mai 1991 ist Scharping Ministerpräsident – nach 44 Jahren CDU-Herrschaft. Helmut Kohl schreitet im Mantel der Geschichte durch die Republik; Oskar Lafontaine hat die Bundestagswahl kläglich verloren. So wird Scharping in Windeseile zum Hoffnungsträger der SPD. Er soll den Anti-Oskar geben: Weniger brillant, bodenständiger, bedächtiger – „Rotkohl“ eben, die glaubwürdige, niemanden erschreckende Alternative zum Kanzler.

1993 wird Scharping Vorsitzender seiner SPD. Erstmals haben die Genossen in einer Urwahl bestimmt, wer sie führen soll. Heidemarie Wieczorek-Zeul, die Vertreterin der Parteilinken, und ein gewisser Gerhard Schröder, der neue Ministerpräsident in Niedersachsen, verlieren gegen Scharping. Die SPD hat gerade den zögerlich-glücklosen Parteichef Björn Engholm überwunden. Da ist Solidität gefragt. Scharping gilt als der verlässlichste unter den Enkeln Willy Brandts. Und der schreibt der Partei den Satz ins Stammbuch, man solle doch bitteschön „den Mainzer nicht vergessen“.

„Ein Politikertypus, der nur auf Lebensstil gründet, ist abgelebt. Das Schillernde ist vorbei“, sagt der Ex-Juso-Chef Scharping nach seiner Wahl. Doch mit den beiden anderen Troikanern Lafontaine und Schröder verliert er gegen Kohl die Wahl 1994. Im November 1995 folgt der härteste Schlag seiner Politiker-Karriere. Lafontaine putscht gegen seinen Vorsitzenden: Die Partei bejubelt Oskars Bekenntnis zur linken Identität; der solide Scharping hat sich als dröge entpuppt. Dem Pfälzer bleibt nur der Posten des Fraktionschefs im Bundestag, ein Amt, das ihm jedoch im Lauf der Zeit ans Herz wachsen wird.

Aus der kurzen Ära seines Parteivorsitzes bleibt ein klares Nein, das er jeder Kooperation mit der PDS entgegenschleudert, außerdem der Spitz „Ziege“. Scharpings neue Rolle ist die des duldsam-treuen Parteisoldaten, der arbeitet statt zu glänzen. Dazu passt sein schwerer Rad-Unfall vom Juni 1996: Etwas unglücklich agiert er eben, hat auch Pech, aber er rappelt sich stets wieder auf.

Noch einmal könnte ihn die Partei zum Kanzlerkandidaten küren, hofft Scharping 1998. Er glaubt, Lafontaine und Schröder würden sich gegenseitig blockieren. Doch Schröder ist populär, nicht aufzuhalten. Nach den quälend langen Oppositionsjahren führt er die SPD zurück an die Macht. Peter Struck, Schröders alter Fahrensmann aus Niedersachsen und nun der Neue im Verteidigungsministerium, wird Fraktionschef; Scharping, mittlerweile ohne Bart, wird auf die Hardthöhe weggelobt.

Als ein Teil seines Bartes noch stand, hatte Scharping nicht nur seine Lieblingsband gefunden, die Softrocker „Pur“, sondern ließ sich auch beim Nachsingen der Refrains filmen. „Hör gut zu, du bist mein Glück, und ich sing’ dir meine Lieder, und ich nehm’ keins davon zurück“, erklang sein Bass. Blicke in sein Privatleben eröffnete Scharping schon, als es Kristina Gräfin Pilati noch nicht gab.

Mallorca, Flüge, Planschfotos: Die letzte Rolle, die Scharping spielte, war „Rudolf, der Eroberer“; das Etikett heftete ihm der „Spiegel“ an. Auf dem Titelbild sitzt er mit Pilati planschend in einem Schutzhelm, Aufschrift: „Make love – not war“. „Bedingt abwehrbereit“ oder „die nackte Kanone“ sind weitere Zeilen, die den Scharping-Textern einfallen. Scharping, der Konstantin-Wecker-Freund, sagt: „Ein Aktenhengst – das war ich nie!“

Andere sagen über seine neue Lebensgefährtin, sie sei eine „Dämonin". Doch Kritik mag Scharping nicht. Er antwortet mit dem Neid-Verdacht: „Ich bin glücklich. Offenbar können das einige nicht vertragen.“ Einige nannten ihn im Sommer 2001 „Minister Liebestoll". Scharping ließ den Westerwald endgültig hinter sich. Früher hatte er eine Familie mit drei Töchtern gegründet und den Fußballverein „Eintracht Lahnstein“ geführt. Beobachter schätzten ihn als „Familienmensch mit patriarchalischen Zügen“ ein. Jetzt sind ihm die Balearen näher. Für eine einzige Nacht mit der Gräfin fliegt er auf Steuerkosten ans Mittelmeer. Formal ist das korrekt, denn eigentlich hat er nur seinen Urlaub unterbrochen. Doch es bleibt – Unmut.

Vor allem aber: Auch politisch läuft einiges aus dem Ruder. Scharping geht die Mammutaufgabe Bundeswehrreform zwar tapfer an und bekommt zunächst auch Beifall. Dann aber häufen sich die Hiobsbotschaften. Da ist der Streit mit der Privatisierungs-Beauftragten Fugmann-Heesing, deren Behörde GEBB kaum Geld einspielt. Da ist das Hickhack um die Finanzierung des Lufttransporters A400M, ein Zwist, der vor dem Verfassungsgericht endet, als Scharping erklären muss, er habe natürlich nicht die Absicht, die Rechte des Parlaments zu missachten.

Da ist, am Mittag des 11. September 2001, eine bizarre Sitzung des Verteidigungsausschusses, vor dem Scharping behauptet, London sabotiere Berlins Mazedonien-Einsatz. Da ist seine Prognose, die Nato werde wegen des Terrors von New York den Bündnisfall ausrufen, als es noch längst nicht so weit ist. Da folgt schließlich seine Brüsseler Ankündigung, die USA würden wohl bald Somalia angreifen. Wer derlei behaupte, sei „ein Depp“, bescheidet der Washingtoner Amtskollege Rumsfeld. Der Chef des Bundeswehrverbands nennt Scharping eine „Witzfigur“. Zwei Studien belegen desaströse Zustände bei der Bundeswehr; das Privatgebaren des Ministers stößt auf immer mehr Befremden. Ausgerechnet der Bodenständige habe die Bodenhaftung verloren, werfen ihm seine Kritiker vor. Der einst zurückhaltende Politiker sei jetzt so extrovertiert und habe jeden Realitätssinn verloren.

Bereits im Dezember 2000, bei einer Dienstreise in den Nahen Osten, werden Beschwerden laut, Scharping und Pilati gingen mit ihrem Privatleben nicht diskret genug um. In der SPD spricht man von Instinktlosigkeit, als das Paar im Januar 2001 bei Alfred Biolek zu Gast ist und außer dem, was Guido Westerwelle „Schnäbeleien“ nannte, wenig Bedeutendes geschieht. Die Strafe ereilt Scharping auf dem Nürnberger Parteitag Ende 2001. Mit nicht mal 60 Prozent, einem miserablen Ergebnis, wird Scharping als Parteivize bestätigt. Was seine Affären angeht, ist zu diesem Zeitpunkt schon klar, dass der Kanzler das Fass für randvoll hielt. Es darf nichts mehr kommen. Gerhard Schröder soll ihn, als neue Pläne für zweifelhaft terminierte Urlaubsflüge bekannt wurden, nur angebrüllt haben: „Wenn du fliegst, fliegst du!“

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