Zeitung Heute : Der Marathon-Mann

Eigentlich hätte Martin Blessing vor vier Jahren zurücktreten müssen. Als Commerzbank-Chef hatte er sich mit dem Kauf der Dresdner Bank schrecklich verhoben. Der Staat musste helfen. Seither ist die Bilanz schlecht, doch der Banker beliebt Wunderkind soll er sein, weil Vater und Großvater Banker waren.

Bestandsschutz. Martin Blessing im 49. Stock des Commerzbank-Towers. Er steht unter Druck, der Finanzminister will Geld zurück und die Aktionäre auch. Foto: dpa
Bestandsschutz. Martin Blessing im 49. Stock des Commerzbank-Towers. Er steht unter Druck, der Finanzminister will Geld zurück und...Foto: dpa

Vom 49. Stock aus kann man weit sehen. Die Stadt liegt als zerklüftete Landschaft 200 Meter tief, bevor sich fern ihre Ränder in Odenwald und Taunus verlieren. Und der Main schlängelt sich als Silberstreifen durch den Überblick, der von einem wie Martin Blessing hier oben erwartet wird. Weit soll er in die Zukunft sehen können, der Commerzbank-Chef, damit man ihm Geld anvertraut. Nun sitzt der mit 48 Jahren immer noch jugendlich wirkende Banker in der Frankfurter Zentrale auf einem Podium. Und erst mal blickt er zurück auf das Geschäftsjahr 2011.

Die Frankfurter Finanzjournalisten kleben an Blessings Lippen, wie sie das immer tun, wenn der seine Bilanzen vorstellt. Einerseits, weil es die Zahlen der Commerzbank sind und also ein spezieller Fall. Andererseits, weil es Blessing ist. Der ist erst recht speziell. Die Augen blinken hinter seiner schmalrandigen Brille, auf der Pressekonferenz ist er an den Punkt gelangt, bei dem es um Weitblick geht. Um die Zukunft: „Stellen Sie sich vor“, sagt Blessing, „Sie haben eine italienische Anleihe, die Sie hier in Frankfurt halten, also einen Vermögensgegenstand in italienischen Euro, den Sie aber in deutschen Euro finanziert haben.“ So etwas haben selbst erfahrene Finanzberichterstatter noch nicht gehört. Italienischer Euro? Deutscher Euro? Ein paar Sätze weiter wird klar, dass Blessing über ein mögliches Auseinanderbrechen der Euro-Zone sinniert und mögliche Belastungen für die Bank. Es ist wieder einmal ein Tabu der Bankerbranche, das er bricht.

Es ist normal, dass der Commerzbank-Chef hier oben einmal im Jahr erläutert, wie das vergangene Jahr gelaufen ist. Aber nicht so normal ist, dass er Mitte Januar schon einmal in den 49. Stock zu einer Pressekonferenz gerufen hatte. Der Druck von mehr als fünf Milliarden Euro lastete auf dem Banker. So viel Kapital fehlte dem Institut nach Ansicht der europäischen Bankenaufseher, um sich gegen weitere Risiken abzusichern. Auch die Commerzbank sitzt auf Milliardenbeständen an Staatsanleihen der Euro-Krisenstaaten. Es sah verdammt so aus, als ob es Blessing und seine Bank nicht allein schaffen könnten. Abermals nach 2008 schien unausweichlich, dass das Institut beim Bankenrettungsfonds SoFFin vorstellig werden müsste. „Ich gehe da nicht noch mal hin“, hatte Blessing den Bedenkenträgern zwar entgegengehalten. Aber wer sollte ihm das glauben? Dann vermeldete er im Januar, dass es mit viel Geschick und nur Bankern und Bankenaufsehern verständlichen Kniffen gelungen sei, ohne den Steuerzahler auszukommen.

Das war ein erstes Puh. Knapp vier Wochen später sitzt der groß gewachsene Schlaks mit dem kahlen Schädel und der Harry-Potter-Narbe auf der Stirn also erneut da, beinahe entspannt. Analysten haben am Vortag vorausgesagt, dass der Schuldenschnitt für Griechenland das Haus 2,2 Milliarden Euro kosten dürfte, die Commerzbank-Aktie war eingebrochen. Nun sagt Blessing, es würden zur Risikoabsicherung „nur“ noch 1,8 Milliarden fehlen. Blessing hat bis Juni Zeit. Er lächelt. Ob es der Stolz der Verzweiflung ist?

Nach Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann ist Blessing der zweitmächtigste Banker des Landes. Vorstandschef der zweitgrößten deutschen Großbank. Herr über 44 500 Mitarbeiter. Doch Nummer zwei ist in diesem Fall relativ. Erst kommt die Deutsche Bank. Dann lange nichts. Dann die Commerzbank. Und der Abstand wird größer. Blessing war im Mai 2008 angetreten, ihn zu verringern. Aber seine Bilanz ist schlecht. Blamabel fast.

Nicht nur, dass die Deutsche Bank weiter enteilt ist. 4,3 Milliarden Euro Gewinn hat sie 2011 verbucht, das ist etwa siebenmal mehr als die Commerzbank, die gerade mal 638 Millionen erwirtschaftet hat. 2007 lag das Verhältnis noch bei 6,5 zu zwei Milliarden. Die Deutsche Bank hat in der Krise ihre Position in der Welt zumindest gehalten. Im Gegensatz zur Commerzbank, die es darüber hinaus heute gar nicht mehr geben würde, wenn der Staat nicht eingegriffen hätte. Berlin hat die Pleite vor drei Jahren verhindert. Mit 25 Prozent plus einer Aktie ist der Bund über den SoFFin an der Bank beteiligt, dazu hält er eine stille Einlage von 1,9 Milliarden Euro.

Das macht Blessing noch ein bisschen spezieller. Er verkörpert jetzt den Typus des privaten Staatsbankers. Wobei er an diesem Gang der Dinge nicht alleine schuld ist. Die Übernahme der Dresdner Bank war beschlossen, als mit der Lehman-Brothers-Pleite die Finanzkrise ausbrach. Da hat ihn im Herbst 2008 das Glück verlassen.

Erst im Mai hatte Blessing die „gelbe“ Bank als Vorstandsvorsitzender übernommen. Von einer „einmaligen Chance“ spricht er am 1. September 2008 im Auditorium der Commerzbank-Zentrale. Gerade hat er den Kauf der größeren Dresdner Bank verkündet, die im Besitz der Allianz ist. Ein Coup, ein Traum für Blessing, mit dem er kurz auch Josef Ackermann verblüfft. Mehr als neun Milliarden Euro will die Commerzbank zahlen. Die bis dahin größte Übernahme in der deutschen Bankgeschichte der Nachkriegszeit ist angeblich genau durchgerechnet. „Blessing ist ein heller, klarer Kopf und scharfer Analytiker“, sagt ein hochrangiger Manager der Bank.

Dieter Hein schüttelt den Kopf. Hein arbeitet für Fairresearch, eine unabhängige Analysefirma in Frankfurt. Er gilt als einer der besten Bankenkenner in Mainhattan. Die Commerzbank verfolgt er seit Jahren, schaut dem Management und Blessing sehr genau auf die Finger. Auch damals, als es um die Übernahme der Dresdner Bank ging. „Die Commerzbank war immer die Nummer drei, hinter der Deutschen und der Dresdner Bank. Da war die Verlockung groß, die Nummer zwei zu übernehmen.“ Ein schwerer Fehler, sagt Hein. Den habe Blessing mitzuverantworten. „Ohne Staatshilfe wäre die Commerzbank Anfang 2009 durch die Übernahme der Dresdner Bank bankrott gewesen.“ Blessing habe die Risiken „sträflich“ unterschätzt. „Das hat hinten und vorne nicht gestimmt.“

Zwei Dinge haben dem Banker seinen Traum vom großen, starken Bankhaus platzen lassen. Die Dresdner war eine Nummer zu groß, auch wenn die Allianz den Preis später auf 5,4 Milliarden Euro reduzierte. Und die Lehman-Pleite Mitte September 2008 im fernen New York machte das Finanzierungskonzept der Commerzbank für die Fusion zunichte. Das war nicht nur schlechtes Timing.

Es zeigte sich vielmehr, dass die Dresdner Bank hinter ihrer glänzenden Fassade alles andere als gesund war. In ihren Büchern verbargen sich gewaltige Risiken, marode Anleihen, die kaum mehr das Papier wert waren, auf dem sie notiert waren. Bis heute hat die Commerzbank diese Lasten nicht komplett abgetragen. Blessing, der Aufsichtsrat, Wirtschaftsprüfer, Anwälte hatten offenbar nicht genau hingeschaut. Oder sehenden Auges die schwierige Lage der Bank ausgeblendet.

Mit dem Ergebnis, dass es seither für die Aktionäre keine Dividende mehr gibt. Bislang musste auch der Finanzminister auf den allergrößten Teil der ihm zustehenden Zinsen von fast vier Milliarden Euro verzichten. Gerade mal eine Milliarde hat Blessing an Wolfgang Schäuble überwiesen. Es gehört zu Chuzpe des Bankers, dass er behauptet, der Steuerzahler habe mit der Bank trotzdem keine Verluste gemacht.

Hein hat damals schon gewarnt. Blessing und Aufsichtsratschef Klaus-Peter Müller hält er vor, dass sie die Aktionäre, also die Eigentümer, nicht gefragt haben. Eine Hauptversammlung zur Entscheidung über die größte Operation in der Geschichte der Bank wurde nicht einberufen. Entsprechend turbulent geht es seit Jahren zu, wenn sich die Aktionäre im Mai in der Frankfurter Jahrhunderthalle treffen. Schimpfkanonaden und wüste Beschuldigungen muss Blessing über sich ergehen lassen. „Hütchenspieler“, „Wertevernichter“, „Schande-Vorstand“ oder „Totengräber“ sind Titulierungen, die sich der Banker anhören muss. Kleinaktionäre haben mit Commerzbank-Aktien ein kleines, etliche auch ein großes Vermögen verloren.

Blessing wirkt in solchen Augenblicken verunsichert und wenig souverän. Er spricht abgehackt, leiert die Sätze herunter. Schweißperlen bilden sich auf der hohen Stirn. Aufsichtsratschef Müller muss ihm mitunter zur Seite springen.

Dabei ist Blessing selbst getroffen. „Die Verluste, die ich auf meine eigenen Commerzbank-Aktien gemacht habe, sind höher als mein Nettoeinkommen der letzten vier Jahre“, sagt er heute. Das ist eine Menge, auch wenn sich Blessing in den letzten drei Jahren mit einem für einen Großbankchef bescheidenen Jahresgehalt von 500 000 Euro begnügen muss. Der Bund als Großaktionär lässt mehr nicht zu. Worüber Blessing sich nicht beschwert. Ist ja auch immer noch eine stolze Summe. Dafür hat Blessing bei der Bank weiterhin das Sagen. Was nicht unbedingt normal ist.

„Eigentlich“, sagt der Analyst Hein heute, „hätte Blessing 2008 zurücktreten müssen.“ Gerüchte gab es. Trotzdem blieb er. Und er begründete es später einmal mit dem Ehrgeiz, die Bankenfusion zu Ende bringen zu wollen. Ganz verdammen will Hein den Schlaks auch nicht. „Operativ ist er schon ein guter Mann.“ Will heißen: Blessing versteht, wie man mit Einlagen der Kunden und mit Krediten Geld verdient. Da sieht seine Bilanz nicht schlecht aus. Da verdient die Bank Jahr für Jahr mehr Geld.

Das Bankgeschäft kennt er von Kindesbeinen an. Der Name Blessing steht für eine der hierzulande einflussreichsten Bankerfamilien: Karl, der Großvater, leitete als Präsident von 1958 bis 1969 die Bundesbank. Vater Werner saß jahrelang im Vorstand der Deutschen Bank. Deshalb war klar: Auch Martin wird Banker. Und so schnell wie er ist in Deutschland kaum einer nach oben gekommen. Vom Wunderkind ist die Rede: Studium der Betriebswirtschaft, Dresdner Bank, mit 31 Partner bei der Unternehmensberatung McKinsey, erneut Dresdner Bank. 2001 mit gerade mal 38 steigt er in den Vorstand der Commerzbank auf, mit 45 Jahren ist er am Ziel, Vorstandsvorsitzender.

Auch privat ist Blessing der Branche verbunden. Ehefrau Dorothee ist Partnerin beim deutschen Ableger der US-Investmentbank Goldman Sachs. Sie ist eine geborene Wieandt. Ihr Vater leitete die Bank für Gemeinwirtschaft, die ehemalige Gewerkschaftsbank. Ihr Bruder zählte lange zu den engsten Vertrauten von Deutsche-Bank- Chef Josef Ackermann und war Chefstratege des Instituts, bevor er an die Spitze der verstaatlichten Münchener Hypo Real Estate rückte.

Blessing selbst ist trotz seiner Musterkarriere nicht so, wie der typische Banker angeblich tickt. Nicht aalglatt, nicht hochnäsig, nicht unnahbar. Privat schottet er sich ab. Man weiß, dass Blessing einige Marathonläufe bewältigt hat. Dass er frühmorgens gerne mit dem Hund eine Runde durch den Wald geht. Oben in Königsstein im Taunus, wo die Familie wohnt. Oder aufs Mountainbike steigt und schon mal den Urlaub an der Algarve verbracht hat. Extravaganz oder das Bankergehabe von Leuten, die im Jahr Millionenboni einstreichen, sehen anders aus.

Genau das, sagen Kollegen und Beobachter, stärke seine Position in der Bank – trotz des offensichtlichen Misserfolgs. Trotz der immer noch schwierigen Lage. Er ist in der Bank präsent, bewegt sich locker und ungezwungen in der Commerzbank-Plaza, dort, wo Commerzbanker das Mittagessen einnehmen oder einen Kaffee trinken. Er hält da und dort ein Schwätzchen, wenn es die Zeit erlaubt. Bodyguards wie bei Ackermann gibt es um ihn herum nicht. Jedenfalls sind sie nicht zu sehen. Blessing schlendert mitunter auch kurz in die Stadt. Unvorstellbar bei Ackermann. Trotzdem lässt Blessing keinen Zweifel: Ich bin der Chef im Haus.

Eines sonnigen Oktobersamstags nutzt Blessing die Gelegenheit, um sich das Occupy-Camp vor der Europäischen Zentralbank (EZB) anzuschauen. Er wolle erfahren, um was es den Aktivisten geht, sagt er. Die wissen nicht, wer da zwischen den Zelten herumstreift.

Ein paar bekommen es ein paar Tage später mit. Blessing setzt sich mit ihnen zum Streitgespräch zusammen. Als bislang einziger Großbanker. Erklärt, hält dagegen, wenn es Kritik gibt. Der Banker respektiert die jungen Leute, aber er macht auch klar: Occupy muss eine Vision entwickeln. „Wenn die neue Bewegung sagt, wir wissen nicht, wofür und wogegen wir sind, fehlt ihr die Agendakraft. Wenn die sich nicht entwickelt, wird sie ein kurzes Zeitgeistphänomen bleiben.“ Man weiß nicht ganz genau, ob er es nicht vielleicht sogar bedauerte.

Trotz aller Probleme und der – wie Banker sagen – schlechten „Performance“ sitzt Blessing fest im Sattel. Die Mitarbeiter rütteln nicht an seinem Stuhl. Auf der Hauptversammlung im Mai aber werden viele Aktionäre erneut über ihn herziehen. Der Wert ihrer Aktien ist weiter geschrumpft, seit Frühsommer 2011 hat die Bank zwei Mal das Kapital erhöht, Anfang März um rund 360 Millionen Stück oder sieben Prozent. Das drückt den Wert jeder einzelnen Aktie weiter.

Blessing hat wenig Spielraum. Der Bund und die Steuerzahler wollen ihr Geld zurück, die europäischen Bankenaufseher fordern mehr Eigenkapital, damit die Banken krisenfester werden.

Und dann ist da noch der freiwillige Schuldenschnitt für Griechenland. Den macht die Commerzbank zwar mit, aber nur unter offenem Protest ihres Chefs. „Die Freiwilligkeit ist ja so, wie das Geständnis während der spanischen Inquisition freiwillig war“, sagte er im Vorfeld der Einigung. Auch wieder so ein typischer Blessing.

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