Zeitung Heute : Der maßlose Mensch

50 Jahre DNS: Wie Informatiker uns berechnen wollen

Bas Kast

Die Suche nach dem, was den Menschen ausmacht – das hört sich nach einer aufwändigen Sache an. Aber vielleicht braucht es dazu gar nicht so viel. Vermutlich hilft es, wenn man ein bisschen genial ist und ein bisschen verrückt. Man braucht Ausdauer. Und, für den Anfang, ein Stück Eisendraht.

Im dritten Stock des Max-Planck-Instituts für molekulare Genetik in Berlin. Ein weißer Flur, leer. Kein Röntgengerät, kein Bunsenbrenner, kein Mikroskop. Auch im Büro des Direktors der Abteilung Bioinformatik, Martin Vingron, 41, nur ein Schreibtisch, Bücherschränke, weiß übermalte Ziegelsteine, rote Stühle. Zwei Computer. Das ist alles. So kann moderne Genforschung aussehen.

Aber wer weiß, denkt man sich, während der Direktor eine einladende Handbewegung macht: Vielleicht war es bei James Watson und Francis Crick nicht viel anders? Damals, vor 50 Jahren, als die beiden Biologen die wohl größte Entdeckung des 20. Jahrhunderts machten. Als sie eine Struktur für unser Erbgut vorschlugen – die Doppelhelix. Ein Bild hält die Entdeckung fest, die beiden Männer, triumphierend neben ihrem selbst gebastelten Modell der DNS: einer Strickleiter aus Eisendraht, Pappe und Schrauben.

Damals hatte sie begonnen, die molekularbiologische Suche nach dem Menschen. Man hatte etwas gefunden, an das wir uns klammern konnten, einen Anfang, einen ersten Faden. Der Schock kam fast 50 Jahre später. Die menschliche DNS wurde entziffert, und es stand fest: Unser Lebensfaden besitzt nur 30000 Gene. „Ein Mensch = zwei Fruchtfliegen“ – eine Botschaft ging um die Welt.

Was jetzt? Jetzt schlägt die Stunde der Bioinformatiker, wie Vingron. Die Entzifferung der Strickleiter hat enorme Datenmengen ausgespuckt. Eine Kette von drei Milliarden Buchstaben. Aber was sagen diese Buchstaben? Wir kennen die Schrift, doch wir können sie nicht lesen. Man hat den Lebensfaden auseinander genommen. Vingron und seine Kollegen setzen das Leben im Computer nun wieder mühsam zusammen. Sie löffeln die Buchstabensuppe aus, die uns die Genomentzifferung hinterlassen hat.

Und ihre erste Erkenntnis lautet: Das, was uns zum Menschen macht, ist nicht die Zahl der Gene. Vingron trägt eine Hornbrille mit kräftigen Gläsern, grünes Hemd, grüne Kordhose, er wundert sich. „Vielleicht war die Suche nach einem Maß von Anfang an ein Fehler.“ Die Suche nach etwas, dass es uns schwarz auf weiß gibt: Wir sind die Besten, das komplexeste Wesen, die Krone der Schöpfung. Zwar hatte kein Forscher wirklich geglaubt, dass wir die Art mit den meisten Genen sind. Aber 30000 – „das war eine lächerliche Zahl“, sagt Vingron. Aber wenn es nicht die Zahl der Gene ist – was zeichnet uns dann aus? Entweder stimmt was nicht mit dem Maß oder mit unserer Anmaßung.

Vingron glaubt, dass beides der Fall ist. Er hat sich auf den Flur gestellt, vor ein Poster mit Mustern, Zeichen, Graphiken, die nur der Eingeweihte deuten kann. Vingron, der Zeichendeuter, zeigt auf einen Genabschnitt AACCCTTG… „Wir suchen nach Regulatorgenen.“ Gene sind Konstruktionsanleitungen für die Bausteine unseres Körpers, für die Eiweiße. Aber nicht alle Gene sind direkt mit dem Bau unseres Körpers beschäftigt. Viele regulieren die Aktivität anderer Gene: Sie schalten Gene an oder aus, es entsteht „ein komplexes Netz von Wechselwirkungen“, dem Vingron versucht, mit Mathematik auf die Spur zu kommen.

Denn es ist dieses einzigartige Netzwerk, das uns zum Menschen macht. Die Regulatorgene bestimmen, wie viel von welchem Eiweiß vorhanden ist. Das heißt: Es könnte die Menge gewisser Eiweiße sein, die uns zum Menschen werden lässt. Die uns sprechen lässt. Die uns Bewusstsein gibt. Die uns vom Affen oder der Banane trennt.

Diese Netzwerk-Vorstellung vom Leben heißt auch: Das Maß, das wir suchen, gibt es vermutlich nicht. Der objektive Beweis unserer Überlegenheit, wir werden ihn vielleicht nie finden. Von seinem Büro aus blickt Vingron auf einen Park mit Bäumen und Villen. „Der Baum da zum Beispiel, sind wir komplexer als er?“, fragt er. Schwer zu sagen, welches Netzwerk von Genen und Eiweißen umfassender ist. Die Netze des Lebens sind anders, welches ist das Herausragendste? „Ein Baum muss sich an alles anpassen.“ Vingron lächelt. „Er kann nicht davonlaufen, wenn es kalt wird, regnet oder stürmt.“

Davor hat der Mathematiker richtig Respekt.

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