Zeitung Heute : Der Maurer und die Muskelmänner

Wie ein Berliner in Serie Krankenkassen betrog

Verena Mayer

Der Mann, der die Berliner Anabolikaszene jahrelang mit verschreibungspflichtigen Medikamenten belieferte, hat selbst nicht viele Muskeln. Bis auf die tätowierte Palme auf dem Unterarm hat Peter H. eigentlich überhaupt nichts an sich, was von seiner traurigen Gestalt ablenken könnte. Dieser Mann ist die Antithese zu einem Bodybuilder, ein zahnloser Dicker mit verstrubbeltem Bart, der einen an einen traurigen Seehund denken lässt. Langsam schlurft er in den Gerichtssaal, wo ihm Dienstagmorgen der Prozess gemacht wird. Allein im Jahr 2002 hat sich Peter H. 158 Rezepte für teure Arzneimittel erschwindelt. Die hat er in Apotheken eingelöst und dann gegen Geld an diverse Bodybuilder weitergegeben.

Der Staatsanwalt verliest eine Anklageschrift, so lang wie die Liste der Nebenwirkungen eines verschreibungspflichtigen Medikaments. H. nickt alles ab.

Maurer hat er gelernt und auf dem Bau gearbeitet. Dann kam die Wende, Peter H. fand keine Arbeit mehr, geschieden wurde er auch. Sein Geld verdiente er mit Betrügereien und Diebstählen. Er fuhr ohne Führerschein und entsorgte gefährliche Abfälle, wo er es nicht durfte. Und dann war da noch der Bruder seiner Frau, sein „Ex-Schwager“, wie Peter H. ihn nennt. Der Ex-Schwager betrieb einen Laden für Bodybuilder-Bedarf in Berlin-Marzahn. Die Staatsanwaltschaft hat beobachten lassen, wer dort ein- und ausging. Das Protokoll weiß von braungebrannten Männern mit kahlen Köpfen und weiten Jogginghosen.

Der Ex-Schwager interessierte sich sehr für Medikamente, vor allem für die, die Peter H. gegen seine Rückenschmerzen nehmen musste. Die kräftigen den Muskelaufbau, der Ex-Schwager fragte Peter H., ob da nicht etwas zu machen sei. Peter H. bejahte und schlurfte los. Er ging zu Ärzten in Marzahn und in angrenzenden Bezirken und sagte, er brauche ein Rezept, sein Hausarzt sei krank. Bis zu drei Arztpraxen schaffte er am Tag. Dort gab man ihm die Rezepte anstandslos, neben dem Medikament gegen Rückenschmerzen ließ sich Peter H. auch ein Asthmamittel verschreiben, das Bodybuilder einnehmen, um die Nebenwirkungen anderer Substanzen zu dämpfen. Nur ein Lungenarzt wollte Peter H. untersuchen. Am Ende unterschrieb auch er das Rezept. Nach 200 Rechnungen erstattete die Krankenkasse schließlich Anzeige.

Was der Grund für die Straftaten gewesen sei, fragt der Richter. „Meine Geschiedene hat Ansprüche gehabt“, sagt Peter H. Man versteht ihn sehr schlecht. „Dabei wollte ich gar nicht heiraten.“ Jahrelang machte er seine täglichen Touren von Arzt zu Arzt, fünf bis sieben Euro bekam er von den Bodybuildern pro Packung für seine Dienste, die körperliche Präsenz des Ex-Schwagers tat wohl ein übriges, um Peter H. bei der Stange zu halten.

Während sich die Richter beraten, geht Peter H. mit hängenden Schultern auf dem Flur auf und ab. Er hat jetzt einen Aushilfsjob als Maurer und eine Menge Schulden. 13 000 Euro muss er der Krankenkasse zurückzahlen. Den Rest holte sich die Kasse bei den Ärzten. Insgesamt beträgt der Schaden 31 000 Euro. Peter H. wird wegen Betrugs zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Das Verfahren gegen die Bodybuilder verlief im Sand, ihnen war nichts nachzuweisen.

„Sie gehören zu denen, die immer als Erste erwischt werden“, wird später der Richter sagen. Peter H. nickt traurig.

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