Zeitung Heute : Der Mensch im Netz der Medien (Kommentar)

Joachim Huber

Morgen geht Berlin online. Die Internationale Funkausstellung beginnt. Morgen bleibt Berlin offline. Morgen beginnt die Internationale Funkausstellung. Beides funktioniert auf dem Messegelände. Im Sommergarten von ARD und ZDF werden die Besucher ihren Fernsehlieblingen zuklatschen, Jürgen Fliege hält Gottesdienst per Talkshow. Pralles Leben,offline. In der "Entertainment World" begegnet die Daddel-Gemeinde ihrer Pixel-Heldin Lara Croft, mit E-Commerce geht sie shoppen. Pralles Leben, online.

Die IFA 99 ist ein elektronisches Wunderland. Noch immer sind herkömmliche Hinweisschilder aufgestellt, aber sie zeigen in virtuelle Welten. Restbestände der traditionsbeladenen "Funkausstellung" mit den klassischen Medien von Radio und Fernsehen treffen auf die "Consumer Electronics" der neuen Medien von Computer und Handy. Kein Treffen feindlicher Brüder. Was ist noch pure Unterhaltungs-, was pure Informations- und Kommunikationselektronik, wenn das Fernsehgerät zum Internet-TV aufgerüstet wird? Die digitale Revolution der Technologie war das Fundament für die multimediale Evolution der Endgeräte. Die einzelne Apparatur wird immer kleiner, leistungsfähiger und (hoffentlich) komfortabler in der Bedienung, umgekehrt wachsen ihre Qualitäten von Anwendung und Mobilität. Möglichst immer und möglichst überall soll sich der Mensch im Netz der Medien bewegen können.

Die IFA versammelt auf einer Rekordfläche von 160 000 Quadratmetern die Rekordzahl von 872 Ausstellern aus 36 Ländern. Eine Leitmesse für die Branche will sie sein, ebenso ein Wegweiser in die Informationsgesellschaft. Die Industrie will herausfinden, was auch der Besucher herausfinden will: Tausche ich meinen Videorekorder gegen den Digital Versatile Disk (DVD) ein, nehme ich die Spiel-Konsole von Sony oder jene von Sega? Spielen soll der vernetzte Mensch, kommunizieren und sich informieren. Das Spielzeug ist Handwerkszeug. Es ist noch nicht ausgemacht, ob die Leitmesse ein Leitmedium krönen wird - und wenn ja, welches. Möglich, dass der PC das Fernsehen ablösen wird, wie das Fernsehen in seiner ökonomischen Wertschöpfung bereits vom Computer überflügelt wurde. 1998, als in der Consumer-Electronics-Branche mehr als 30 Milliarden Mark umgesetzt wurden, waren die TV-Geräte nur noch mit einem Sechstel beteiligt.

Die IFA wandelt sich von der Funkschau zur Multimedia-Messe. Nahezu logisch erscheint die Absage der privaten Fernsehsender - im gewandelten Messe-Umfeld müssen sie die Verdrängung aus dem Zentrum des Interesses fürchten. Die neue IFA annonciert die Erweiterung und die Verschiebung der elektronischen Medien-Gewichte. Das Fernsehen bedeutet asymmetrische Kommunikation, es funktioniert von oben nach unten. Eine neue Generation interaktiver Medien, die sich im Umfeld des Computers entwickeln, stellen eine Symmetrie zwischen Sendern und Empfängern her, deren gesellschaftsverändernde Dimension heute noch nicht absehbar ist.

Die IFA wird vor Augen und Ohren führen, dass wir in einem Übergangsstadium leben, in dem Individualkommunikation, Massenkommunikation und interaktive Mediennutzung nebeneinander existieren. Die IFA fordert heraus, sich in die neue Medienwelt einzufinden. Fähigkeit und Bereitschaft zur Interaktivität werden in nie gekanntem Ausmaß erlauben, Mediennutzung an Lebenswelt, Lebenswelt an Mediennutzung anzugleichen. Der Medien-Individualist steht in der IFA-Tür. Der Medien-Egoist taucht hinter ihm auf.

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