Zeitung Heute : Der Mensch ist entziffert: "Es sind die Fragen nach dem Lebenssinn"

Was bedeutet die Entschlüsselung des Genoms f

Unser Erbgut ist bekannt, wir können im Buch des Lebens lesen. Doch was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Wir haben einem Wissenschaftler, einem Politiker und einem Theologen die folgende Frage gestellt.



Was bedeutet die Entschlüsselung des Genoms für die Gesellschaft?



"Wenn wir in Zukunft Tausende von Genen einer Person mit einem einzigen Test bestimmen können, wird das Konsequenzen haben, die heute noch keiner versteht. Wir haben Vorsorge zu tragen, dass keine genetische Klassengesellschaft entsteht, weil bestimmte Gruppen und Menschen diskriminiert werden. Wir werden wissenschaftlich unterlegen, dass wir genetisch nicht gleich sind, und dafür sorgen, dass trotzdem jeder Zugang hat zu gleichen medizinischen Leistungen. Das politisch zu regeln, bedeutet: Wir haben einen enormen Handlungsbedarf in der Demokratie von Morgen."

A ndré Rosenthal ist Geschäftsführer der Metagen und Professor für Molekularbiologie an der Schiller-Universität in Jena.



"Die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts stellt die Gesellschaft vor die Frage: Was macht Menschsein heute aus? Wo verläuft die Grenze zwischen Kultur und Natur? Am Beginn des 21. Jahrhunderts gibt es wohl keine universale Philosophie, und die Gesellschaft stellt Fragen, nach dem, was möglich ist, was gemacht werden könnte und was unterlassen werden muss. Die Politik muss hierfür den Rahmen setzen und dabei differenziert Chancen und Risiken diskutieren. Einfache Antworten sind mir hierbei suspekt. Bei der Bewertung kommt es immer auf die konkrete Fragestellung an. Auch wird es noch lange dauern, bis wir die Kenntnis über das Erbgut in ein Verstehen der Zusammenhänge umwandeln werden."

Rezzo Schlauch ist Fraktionschef der Grünen im Deutschen Bundestag.



"Die Entschlüsselung des menschlichen Bauplans ist ein weiter markanter Schritt auf dem Weg des Menschen, sich besser kennen zu lernen. Wir wissen nun vielmehr über unsere genetischen Anlagen. Vielleicht können wir eines Tages sogar unsere Erbanlagen manipulieren. Und doch! Die alten Fragen der Menschheit bleiben. Fragen, auf die nicht nur die Naturwissenschaftler, nicht die Ökonomen und nicht die Technlogen alleine antworten sollen, sondern auch die Psychologen, Philosophen und Theologen. Wann beginnt das menschliche Leben? Wer ist der Mensch? Was darf ich tun? Was darf ich hoffen? Wozu sind wir auf Erden? Wieso gibt es das Leid? Gibt es einen Gott, dem sich alles Leben verdankt und in dessen Plan wir eingreifen dürfen? Es sind die Fragen nach dem Lebenssinn. Sie gehen uns alle an.

Sicherlich ist die Entschlüsselung des menschlichen Erbguts eine bedeutende wissenschaftliche Leistung. Dennoch drängt sich ein Dilemma auf. Einerseits will jeder, dass die Medizin dem Menschen dient und zur Heilung und Linderung von Krankheiten beiträgt. Andererseits darf keiner ernstlich wollen, ein menschliches Leben zu opfern, um das Leid eines anderen zu minimieren."

Prälat Karl Jüsten ist "Leiter des Kommissariats der deutschen Bischöfe, Katholisches Büro in Berlin".

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