Zeitung Heute : Der menschliche Körper als Waffe

CHRISTOPH MARSCHALL

Doch in den jüngsten Tagen konnte niemand mehr die Körperlichkeit des Krieges übersehen.In gewissen Maße ist der menschliche Leib sogar in den Mittelpunkt der militärischen Überlegungen geraten.Zunächst als Angriffswaffe: Die Kosovaren, die nach Albanien und Mazedonien flohen, bildeten eine doppelte Nötigung.Würde der Westen, der ihre Vertreibung zwar nicht ausgelöst, aber durch die Luftangriffe beschleunigt hat, sie versorgen können? Nicht geringer ist die Angst um die Stabilität der Nachbarstaaten, die durch Flüchtlinge ebenso wirksam bedroht werden können wie durch einen militärischen Angriff.

Diese Gefahr war kaum erkannt, geschweige denn gebannt, da zeichnete sich die nächste Instrumentalisierung der Flüchtlinge ab - nun als Verteidigungswaffe.Rudolf Scharping erhob die Beschuldigung, die serbischen Truppen hätten Tausende in das Kosovo zurückgetrieben, um sie zu lebenden Schutzschilden für potentielle Bombenziele der NATO zu machen.Warum war die vorauseilende Empörung so groß, obwohl die Militärs bisher kein Beispiel genannt haben, daß die Befürchtung im Kosovo eingetreten sei? Weil Milosevic so gelingen könnte, was Kampfjets und Luftabwehr der Serben nicht zu leisten vermochten: die Waffen der NATO stumpf zu machen? Weil der Gewissenskonflikt, den schon die beschleunigte Vertreibung nach den Luftangriffen ausgelöst hatte, sich nun vollends unerträglich zuspitzt: Daß die NATO durch ihre Intervention zerstört, was sie mit ihrem Eingreifen retten wollte - erst die Siedlungsgebiete und nun das nackte Leben der Kosovaren? Oder werden hier Gefühle jenseits der rationalen Risiko-Abwägung berührt: Daß letztendlich der Körper der einzig sichtbare Träger der Würde des Menschen ist? Sie ist nach westlichem Verständnis das höchste Gut, dem alles staatliche Handeln dient.

Es ist ein Trauma der westlichen Gesellschaften, daß sie menschenverachtenden Regimen in einem Ringen auf Leben und Tod unterliegen könnten, weil sie selbst ihrem Handeln einige absolute Grenzen setzen und die Diktatur diese Ungleichheit der Waffen skrupellos ausnutzt.Daß, zum Beispiel, ein Saddam Hussein oder ein Milosevic eine Abwehrstellung auf Kindergärten oder Krankenhäuser baut, um ein Blutbad zu provozieren, das für seinen demokratischen Gegner zur schlimmsten moralischen Niederlage würde.Es gehört zu den Paradoxien dieses Krieges, daß viele Serben die NATO-Luftangriffe als Barbarei verurteilen und sich zugleich fest darauf verlassen, daß der Westen sich an seine Regeln hält.Nur deshalb können sie sich aus freien Stücken zu lebenden Schutzschilden machen - in T-Shirts mit der makabren Aufschrift "target" (Ziel) auf Donau-Brücken.Ist es für sie eine Mischung aus Kampf und Happening wie hierzulande früher die Sitzblockaden der Friedensbewegung vor US-Raketendepots oder heute der Anti-Atom-Bewegung in Gorleben? Sind es die gleichen Kreise der serbischen Gesellschaft, die mit ihren phantasievollen Protesten gegen Milosevic im Winter 1996/97 die Hoffnung weckten, auch Belgrad werde bald demokratisch.Die Kosovaren hatten keine Chance, ihre Häuser oder Brücken so gefahrlos zu verteidigen.Würden die Serben aufwachen, wenn die NATO Gleiches mit Gleichem vergilt? Das muß sie sich verbieten.Sie muß es ertragen, daß der "körperlose Krieg" Aktionen provoziert, die den menschlichen Körper in einer bisher ungekannten Massivität zur psychologischen Waffe in kriegerischen Auseinandersetzung macht.

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