Zeitung Heute : Der menschliche Makel

Männerphantasien, Attraktivitätsforscher und die Wahl zur „Miss Digital World“: Eine Reise durchs Internet – auf der Suche nach Schönheit

Markus Ehrenberg

Jede Epoche hat ihr Schönheitsideal. Bei den Griechen war das die Venus von Milo, in der Renaissance die Mona Lisa, im 20. Jahrhundert die „Göttliche“ Greta Garbo, später die Sexbombe Marilyn Monroe. Und heute? Ist es Nicole Kidmann? Julia Roberts? Oder sollte man sich – 3-D-Software sei dank – mit den körperlichen Gegebenheiten einfach nicht mehr abfinden? Die Lippen rauer, die Schneidezähner größer, geschwungene Wangenknochen, der Busen straffer, die Beine länger, das Beste von allem – wie hätten Sie es denn gerne? Diesen Träumen lässt sich am besten am Computer nachhängen, am Tisch der Programmierer. Was die alles können, lässt sich bei der ersten Wahl zur „Miss Digital World“ verfolgen.

In dem gerade angelaufenen Schönheitswettbewerb treten am Computer geschaffene Wesen, so genannte Cyber-Models, aus aller Welt gegeneinander an. „Wir suchen das Schönheitsideal unserer Zeit, repräsentiert durch virtuelle Realität“, sagt Franz Cerami, Organisator der digitalen Miss-Wahl, die ihren realen Standort in Turin hat. Angesprochen sind Computerkünstler, Werbefachleute, Filmproduzenten. Sie alle sollen ihre besten virtuellen Models ins Internet stellen, mit Namen, Geburtsdatum, Körpermaßen, Haar- und Augenfarbe. Im Finale im Dezember müssen die Models unter den Augen eines Cyber-Moderatores über einen Catwalk schlendern, den die Programmierer vorher zugemailt bekommen. Die Gewinnerin erhält 5000 Dollar „für das schönste und faszinierendste Cyber-Model“, so Cerami.

Anwärterinnen gibt es genug. Im Internet und in der Unterhaltungsindustrie werden laufend gepixelte Überfrauen à la Lara Croft produziert. Stilbildend ist da aber nicht mehr Hollywood oder Silicon Valley, sondern die japanische Agentur „Beans Magic“ und ihr Besitzer, der Designer Koji Yamagami. In Japan sind Cyber-Girls längst Teil der Pop-Kultur. Der neueste Schönheits-Trend: kleine, „natürliche“ Makel. Weil selbst Kinder durch digitale Trickfilme und Kinoproduktionen („Herr der Ringe“, „Matrix“) an ein Übermaß an Perfektion gewöhnt – und fast schon wieder abgestumpft – sind, versuchen die Computer-Spezialisten, die Perfektion der digitalen Bilder mit Asymmetrien und Lichtreflexen zu brechen.

Wie zum Beispiel mit dem virtuellen Mädchen „Mamegal“, entworfen bei „Beans Magic“, eine der Kandidatinnen für die „Miss Digital World“. Auf den ersten Blick sieht sie mit den dunklen Kulleraugen aus wie eine idealisierte Kindfrau, Typ Lolita. Erst bei näherem Hinsehen erkennt man, was einen an der Kunstfigur so anrührt. Die Stellung ihrer Pupillen ist leicht asymmetrisch. Lichtreflexe auf ihren Schneidezähnen offenbaren hinter dem Lächeln unregelmäßige Rillen auf den Zähnen, darüber sogar kleine Fältchen. Das sieht aus wie das Foto einer echten Person: das perfekt-unperfekte Wesen, kein Abziehbild, keine Männerphantasie – dank Mimik und menschlicher Makel. „Miss“-Konkurrentin „Kaya“ wird es dagegen trotz diverser Hautporen und Sommersprossen schwer haben, auch wenn der Computerkünstler Alceu Baptistao, darauf schwört, eine realistisch aussehende Frau entworfen zu gaben, „die Sängerin oder Schauspielerin werden könnte“.

Ist das das Schönheitsideal im 21. Jahrhundert? Die erste „Miss Digital World“? Bis Ende 2004 haben die Programmierer Zeit, die schönste unvollkommene Frau aus Pixeln zu erschaffen. Vielleicht sollten sie sich von der Webseite www.perceptionlab.com anregen lassen. Dort versucht der Attraktivitätsforscher David Perrett in einem Wahrnehmungslabor zu ergründen, was Männern an Frauen wirklich anziehend finden. Am Computer erstellt er unterschiedliche Gesichter, die von Versuchspersonen beurteilen werden. Perretts Fazit bestätigt den Trend bei den Cyber-Models: Nicht das besonders „aparte“ Gesicht gilt als attraktiv, sondern das durchschnittliche, nicht vollkommene. Männer stehen bei Frauen geschlossen auf Gesichter mit den femininsten Zügen. Je dezenter das Kinn, je höher die Wangenknochen, je voller die Lippen, umso attraktiver.

Mit diesen Vorgaben gehen Programmierer und Künstler an ihre Computer. Man muss sich nur mal in Internet-Galerien umschauen. Dort werden Schönheits-Ikonen wie die Mona Lisa gleich serienweise verfremdet (ein gutes Beispiel: www.florianschneider.com). Während das Schöne im Mittelpunkt der klassische Kunstästhetik stand und dann aus der modernen Kunst eliminiert wurde, kehrt es im Computer-Zeitalter wieder zurück, mit „Mamegal“ und „Kaya“ und mit zig Software-Spezialisten. Übrigens sollen die Final-Teilnehmerinnen bei der „Miss Digital World“ auch sprechen können. Das wünschen sich die Veranstalter. Fehlen nur noch sprechende Computer.

Die Models im Internet:

www.missdigitalworld.com

www.beans-magic.com

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