Zeitung Heute : Der menschliche Makel

DEUTSCHE OPER Regisseur Jan Bosse inszeniert Verdis Oper „Rigoletto“ als eine Kombination aus Psychothriller und Horrorfilm.

UWE FRIEDRICH

Der Buckel des Hofnarren Rigoletto ist ebenso ein Problem wie der Sack, aus dem seine schon längst ermordete Tochter Gilda zum Schluss der Oper krabbelt, um noch eine Viertelstunde ziemlich munter von den nahen Freuden im Himmel zu singen und ihrem Mörder zu verzeihen. „In der italienischen Oper des 19. Jahrhunderts ging es nicht in erster Linie um eine realistische Handlung, schon gar nicht nach den Maßstäben unserer Film- und Fernsehdramaturgie“, betont der Regisseur Jan Bosse. „Der Buckel ist deshalb ein Symbol für das Fremde, für einen Makel. Es ist für mich nicht zwingend, diesen Buckel nachzubuchstabieren, aber ich muss schon etwas finden, um diesen Makel zu zeigen. Es ist ein Hinweis, dass Rigoletto nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich entstellt ist. Es geht um die Rollen, die er spielt, aber auch darum, wo die angenommene Rolle an ihre Grenzen stößt. Einen Buckel kann man nicht kaschieren. Ich finde es allerdings total blöd, wenn ein Regisseur den Buckel zwanghaft vermeidet und Rigoletto plötzlich humpelt oder nur einen Arm hat. Dann sollte man lieber offensiv mit dem Klischee umgehen.“

Schon Giuseppe Verdi wollte keinen historischen Herzog von Mantua und dessen Hofnarren zeigen, als er Victor Hugos Skandalschauspiel „Le roi s’amuse“ zu einer Oper umformte. Mit sicherem Gespür erkannte er, dass sich gerade die Schockeffekte des französischen Grand-Guignol-Theaters sehr gut für die Opernbühne eignen. Auf den Pariser Boulevardbühnen floss damals das Theaterblut gleich literweise, wurden Folterszenen und Vergewaltigungen möglichst drastisch dargestellt, um ein bürgerliches Publikum das wohlige Gruseln zu lehren.

Monster wie wir

„Großes Kasperletheater“ heißt diese Stilrichtung übersetzt, und ebenso wie beim Kindergeburtstag geht es auch in „Rigoletto“ nur sehr bedingt um die psychologische Feinzeichnung der Charaktere. „Die Kunstform Oper hat auch die wunderbare Möglichkeit, große Archetypen zu zeigen, und muss sich nicht in der psychologischen Kleinzeichnung verlieren“, sagt Jan Bosse. „Wie bei Shakespeare treten uns Monstren entgegen, die dennoch sehr viel mit uns zu tun haben. Im ‚Rigoletto’ verkleiden sich alle immer wieder. Die Identitäten werden fließend. Rigoletto lügt seine Tochter Gilda an und sperrt sie ein, um wenigstens ihre Reinheit zu erhalten. Als erbarmungsloser Hofnarr stützt er gleichzeitig das zynische Regime des Herzogs. Wenn wir nun von hoher moralischer Warte sagen, hätte er halt den Job nicht angenommen, ist das allerdings ebenso verlogen.“

Für einen Schauspielregisseur wie Jan Bosse ist es zunächst ungewohnt, mit wie wenigen Worten ein Opernlibretto auskommt. Der Gesprächsanteil einer Handlung kann eingedampft werden, weil die Musik den Großteil des emotionalen Gehalts übernimmt. „Ich habe als Opernregisseur noch immer dieses aufregende Anfängergefühl, das sich im Schauspiel schon lange abgeschliffen hat“, erzählt Jan Bosse. „Das ist alles neu für mich, und ich entdecke die Freiheiten dieser Kunstform. In der Oper muss ich den Mut zum dicken Pinsel haben, gleichzeitig bis in die Nebenfiguren hinein zeigen, dass sie alle in einem Dilemma stecken, das sie verzweifeln lässt. Groteske und Psychodrama treffen gerade in dieser Oper immer wieder aufeinander. ‚Rigoletto’ ist eine Kombination aus Psychothriller und Horrorfilm. Alle Elemente spiegeln einander, die Psyche findet ihre Entsprechung im Kosmos, das erinnert sehr an Shakespeares Dramen.“

Aufschrei des Entsetzens

Wie im vorbürgerlichen Schauspiel geraten im dritten Akt des „Rigoletto“ sämtliche Figuren, der Text und die Musik in einen albtraumhaften Zerstörungssog. Verdis erklärtes Ziel war es, das Publikum mit seinem Überwältigungstheater zu Tränen zu rühren und in einen kollektiven Aufschrei des Entsetzens zu treiben. Wenn das Publikum eine „Rigoletto“-Aufführung ungerührt verlässt, hat der Regisseur eine Menge falsch gemacht, das ist auch Bosse klar: „Das ist schon ein hoher Anspruch. Wir wissen ja alle aus dem Theater und aus dem Kino, wie schrecklich es ist, wenn das nicht funktioniert. Als Zuschauer passiert mir das am ehesten durch zu viel Regie. Wenn ein Regisseur zu ausgeklügelt und zu gewollt originell an ein Stück herangeht. Das klingt jetzt sehr konservativ, und vielleicht bin ich das auch. Verdis Musik ist so genial, dass man sehr schnell geneigt ist, den Kopf auszuschalten. Es wäre sehr schön, wenn wir es schaffen könnten, die Oper gedanklich klug und zugleich sinnlich auf die Bühne zu bekommen.“

Dazu gehört, dass Jan Bosse die handwerkliche Herstellung des Kunstwerks nicht verstecken möchte. Die Erfindung des Orchestergrabens hält er nur bedingt für eine Errungenschaft. Er möchte hingegen allen Zuschauern die Möglichkeit geben, den Musikern bei der Arbeit zuzuschauen und gleichzeitig vom Ergebnis überwältigt zu werden. „Gerade die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Schichten ist ungeheuer faszinierend. Ich sehe den realen Sänger, ich erlebe die Rolle, die er darstellt, zugleich weiß ich, dass er sie bloß spielt, ich höre die Musik und füge alle diese Schichten in meinem Gehirn zusammen. Wenn wir das schaffen, ist Oper die modernste und stärkste Kunstform, die wir haben.“UWE FRIEDRICH

Premiere 21.4., 18 Uhr. Auch 24. und 30.4., 19.30 Uhr; 28.4., 18 Uhr

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