Zeitung Heute : Der Missionar

Aids, Armut, Anfänge von Wiederaufbau: Horst Köhler reist durch Afrika. Und immer geht es um die Frage: Wie macht man Mut?

Axel Vornbäumen

Sie haben ihn vor einer Palme platziert, weil Afrika vor einer Palme am schönsten ist. Gleich werden die Kameras angehen, und Horst Köhler wird Bericht erstatten müssen, wie es bei Nelson Mandela war. Mandela geht noch immer in Deutschland. Sonst geht in Sachen Afrika selten etwas – wenn, dann nur als Kulisse für Katastrophen. Heute Kongo. Morgen Sudan.

Horst Köhler missfällt das. Auch deshalb ist der deutsche Bundespräsident in diesen Tagen durchs südliche Afrika gereist, als Mutmacher, demonstrativ, nach Mosambik, nach Madagaskar und Botsuana, bereit, jede frohe Botschaft ins Gepäck zu nehmen, sei sie noch so bescheiden. Zehn vollgepackte Tage lang hat er sich dafür genommen, immer in Zeitnot von einem Termin zum nächsten rasend.

Ein Missionar ist da on tour, nur dass die, die missioniert werden sollen, daheim hocken, in Deutschland, in Europa, im Westen, dort, wo das Geld sitzt und die Macht, Afrika voranzubringen. „Ich kann noch nicht erkennen“, sagt der Bundespräsident, „dass Europa Afrika ernst nimmt – ich leide ein bisschen darunter“.

Leiden an Afrika, Horst Köhler hat da seine eigene Geschichte.

Doch nun ist er in der Zwickmühle, denn die Botschaft der Bilder, die er von Afrika vermitteln will, soll nicht durcheinander geraten. Das private Gespräch mit Mandela war ihm ein Herzenswunsch. Doch die Bilder von ihm neben dem großen alten Mann könnten andere verdrängen. Er ist auf Staatsbesuch in Mosambik, es ist der erste eines Bundespräsidenten überhaupt. Und er ist in ein Land gekommen, bettelarm und bürgerkriegsgezeichnet, von dem er gerne berichten würde, dass es sich mitsamt seinem problembewussten Präsidenten Armando Emilio Guebuza gerade recht hoffnungsfroh auf den Weg Richtung Demokratie macht. Eine gute Nachricht vom anderen Afrika ist das. Horst Köhler will nicht, dass sie übersehen wird.

Noch laufen die vor der Palme aufgestellten Kameras nicht. Köhler sucht nach Formulierungen für die eigene Ergriffenheit, für die es zwei Stunden zuvor, beim Treffen in Mandelas Privatvilla keiner Worte bedurfte. Gemeinsam mit seiner Ehefrau hatte er da den 87-Jährigen die paar Schritte vom Wohnzimmer zur Tür geleitet, voller Respekt, fast zärtlich, dabei mit seiner Linken nach der Hand von Mandelas Ehefrau tastend, der Witwe des bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommenen ehemaligen mosambikanischen Präsidenten Samora Machel. Nun aber muss er beschreiben, was Mandela für ihn bedeutet, und Köhler sagt: „Er ist eine Persönlichkeit der Weltgeschichte – ich bin tief bewegt.“

Horst Köhler macht in diesem Augenblick etwas, was nicht viele in seinem Rang machen würden – er, der Bundespräsident, ordnet sich unter. Respekt vor Afrika ist das, davor, wie groß Afrika auch sein kann. Vielleicht liegt es nur am grellen Mittagslicht Mosambiks, dass sich seine Augen in diesem Moment noch einmal mit Tränen füllen, so wie zuvor beim Abschied vom winkenden Mandela, aber wahrscheinlich ist das nicht.

Augenhöhe mit Afrika – das ist das Projekt des Bundespräsidenten, er ist bereit, sich dafür zu bücken, „nicht aufzutreten wie Graf Koks“. Das ist mehr, als ein ersatzweise aus dem Schrank geholtes Steckenpferd, weil daheim die eigenen Reformideen partout nicht kompatibel sein wollen mit denen der amtierenden Koalition. Er hält die Zeit für gekommen, „wo man unzweideutig über Eine-Welt-Politik“ reden muss. One World.

Eine Welt. Er weiß, dass dies nicht allzu viele so sehen wie er, auch in Deutschland nicht. Köhler hat ihn zu oft erlebt, den Hochmut des Westens, das zur Schau gestellte Desinteresse gegenüber Afrika. Es hat ihn geärgert, und es ärgert ihn noch heute, wenn er davon erzählt. Er war dabei, bei den Treffen der Großen, während seiner Zeit als Chef des Internationalen Währungsfonds, als die Staaten der südlichen Hemisphäre an den Katzentisch gebeten wurden. Er hat gespürt, wie demütigend das war. Er will etwas gutmachen.

Im Rathaus von Maputo, wo er als „Vorzeigesohn Europas“ den Stadtschlüssel verliehen bekommt, sagt er den Satz: „Ich fühle mich Ihnen verpflichtet.“

Eine Welt. Er hätte auch Vorschläge. Sie haben mit Sinnsuche und Sinnstiftung für stagnierende Gesellschaften zu tun und auch damit, dass er ein verloren gegebenes Afrika für eine „Desavouierung europäischer Humanität und Intellektualität“ hält. Ja, er hat Vorschläge – dass arbeitslose Handwerker aus Deutschland eine Zeit lang nach Afrika gehen könnten, ist nur einer. Horst Köhler kann nicht verstehen, dass sein Vorstoß daheim bislang einzig einen Aktenvermerk als Resonanz hatte – der Hinweis, dass dies, aus welchem Grund auch immer, nicht gehe. Er hält das für altes Denken in neuer Zeit.

Jetzt ist er in Mosambik, in Madagaskar, in Botsuana, und mit der Zuversicht ist das so eine Sache. In Botsuana ist der wirtschaftliche Aufschwung zwar so stark, dass das Land demnächst aus dem Entwicklungshilfeprogramm der Bundesrepublik herausgenommen wird, es ist die älteste und stabilste Demokratie in Afrika, es hat die höchste Kreditwürdigkeit – doch die dramatisch hohe Rate von mehr als einem Drittel von HIV-Infizierten frisst das Land von innen auf. Die Lebenserwartung in Botsuana beträgt 38 Jahre.

Im Princess Marina Hospital in Gabarone, der größten auf Aids spezialisierten Klinik Afrikas, lässt sich Köhler die Station zeigen, wo die Patienten darauf warten, getestet zu werden. Es ist nicht ganz einfach, hier Hoffnung zu verbreiten, doch „der positive Grundton“ mit dem die Ärzte davon berichten, dass sich die Zahlen stabilisieren, dass die Gesundheitsvorsorge sich stetig verbessert, gefällt dem Bundespräsidenten. Und so lobt er auf dem Staatsbankett von Präsident Festus Mogae ausdrücklich nicht nur den Umgang Botsuanas mit den Einnahmen aus seinen Diamantenvorkommen, sondern auch den öffentlich aufgenommenen Kampf gegen das HIV-Virus.

In Mosambik wiederum ist die Armut so gewaltig, dass man sie gar nicht erst mit der international üblichen Richtgröße von einem Dollar pro Tag misst, sondern in Kalorien, weil weite Teile der Bevölkerung nie Geld in die Hand bekommen. Der Haushalt ist zur Hälfte fremdfinanziert und mit 1,8 Milliarden Euro nicht viel größer als der manch mittlerer Großstadt in Deutschland. Das Justizsystem ist eine Menschenrechtsverletzung. Und das benachbarte Simbabwe mit seinem Diktator Robert Mugabe könnte sich zum Krisenherd für das gesamte südliche Afrika ausweiten. Die Zahlen der HIV-Infizierten machen Köhler auch hier Angst, bis zum Jahr 2010 wird hier fast jeder sechste Lehrer an Aids sterben.

Wie macht man Mut?

In der Grundschule „7. April“ in Dondo, in der Provinz Sofala, hat er eine Formulierung gefunden, eine, die ihm gefällt. Die Lehrer, sagt Köhler, seien für ihn „die neuen Helden Mosambiks“. Mehrfach sagt er das, in den spartanisch eingerichteten Klassenzimmern und auf der kleinen Bühne im Innenhof der Schule, wo der Schatten des Mangobaums längst weitergewandert ist, und Köhler nun in praller Sonne Hunderten von Schülern und auch ein bisschen sich selbst Hoffnung machen will.

Er ist entschlossen, Wege nach oben zu weisen, und wenn sie in Trippelschritten gegangen werden, dann soll es ihm, jedenfalls hier, auch recht sein. Im „Sala 10“ der Grundschule „7. April“ übt sogar eine integrative Klasse. Ein gehörloses Mädchen ist dabei, ein sehbehinderter Junge. Die Kinder sind herausgeputzt. Es ist eine Vorzeigewelt, so, wie es sein könnte, alle Tage – und auch dann wäre es lediglich ein Anfang. Die Kinder applaudieren, wenn einem Mitschüler an der Tafel die Rechenaufgabe gelingt. Der Bundespräsident ist angetan und fragt, ob die Lehrerin eine Zusatzausbildung für die Arbeit mit behinderten Kindern erhalten habe. Nein, sagt die, das habe sie sich selbst beigebracht, genauso wie den regionalen Dialekt, weil längst nicht alle Schüler portugiesisch sprechen. Nun gut, heldenhaft auch das.

Wer akribisch sucht, der findet auch in Mosambik das neue Afrika – und wenn es im grell erleuchteten ersten Stock der auf Kleinkredite spezialisierten Bank Socremo in Beira ist. Köhler ist spät gekommen, doch die Vorstellung der „beispielhaften Kunden“ von Socremo will er sich nicht nehmen lassen. Es ist ein Besuch bei Mosambiks Aufbaugeneration, und es ist eine Mischung aus Revolutionsgestik und Gottesfurcht, die den Makroökonomen Köhler da empfängt, ein irgendwie scheues Staunen, was möglich ist, wenn man den Spielregeln der Marktwirtschaft folgt. Vorne, am Mikrofon rasselt Zenaida Fatima Osman ihre Erfolgsgeschichte im Hochgeschwindigkeitsportugiesisch runter. Mehrere Kredite hat die Restaurantbesitzerin in Anspruch genommen, alle in Höhe von ein paar Hundert Euro, nie habe es Probleme gegeben, die Dienstleistungen, die Beratung, die vergleichsweise günstigen Zinsen von fünf Prozent im Monat – „alles wunderbar“. Frau Osman hebt zum Abschluss die linke Faust – „Viva Socremo!“ – „Es lebe Socremo!“. So schnell stürmt die „beispielhafte Kundin“ aus dem Saal, dass Horst Köhler es beinahe verpasst hätte, ihr die Hand zu schütteln.

José Antonio Nambocha folgt, beispielhaft auch er. Er handelt mit Maismehl, hat mittlerweile sieben Angestellte, ein Kleinunternehmer im hellen Anzug. Herr Nambocha schließt seinen kurzen Vortrag mit dem Satz: „Es ist ein Geschenk, dass Gott die Socremo als Instrument zur sozialen Entwicklung bei uns im Lande einsetzt.“ Nun, so kann man das auch sehen. Köhler aber sieht es so: „Es wächst doch was hoch in der Zivilgesellschaft.“

Sicher wächst es. Und nur zu gerne hätte der Bundespräsident, dass die Ansätze des Wiederaufbaus von einem politischen System begleitet würden, das einer Demokratie nahe kommt. Manchmal ist hier die Rhetorik der Machthabenden noch von altbekannter Wolkigkeit. Köhler erträgt sie, nur selten geduldig.

Nicht alles läuft glatt bei zehn Tagen Afrika. Wie auch? Auf Madagaskar geht protokollarisch einiges in die Binsen. Im nordkoreanisch anmutenden Palast von Präsident Marc Ravalomanana klappt die Verleihung der „Sonderstufe des Großen Verdienstkreuzes des Bundesverdienstordens der Bundesrepublik Deutschland“ an Madagaskars Präsident nicht so recht. Das gute Stück mit dem komplizierten Verschlusssystem will sich partout nicht an Ravalomanana anbringen lassen. Es vergehen ein paar peinliche Augenblicke, bis der sich den Orden in die Brusttasche seines Anzugs steckt. Ohnehin bewegen sich derartige Ehrerbietungen in der Grauzone des politischen Anstands. Es ist ein Geben und Nehmen im Wortsinn (auch Köhler wird dekoriert). Von deutscher Seite hätte man es gerne vermieden, zumal Ravalomanana nicht bei jedermann als lupenreiner Demokrat durchgeht.

Auch als Bundespräsident muss man Kompromisse machen. Madagaskars Präsident gewährt Köhler demonstrativ einen Vertrauensvorschuss, gegen alle Bedenken der, wie Köhler es nennt, „Entwicklungsindustrie“, jener Gemeinschaft aus Hilfsorganisationen, die schon „ihre eigenen Gesetze“ habe. Köhler aber imponiert gerade, dass Ravalomanana, ein Mann, der im Alter von 21 Jahren das erste Mal in seinem Leben Schuhe trug, sich gegen den Widerstand der madegassischen Oberschicht nach oben durchgeboxt hat und nun „fast physisch unter der Armut seiner Landsleute leidet“.

Kritik gibt’s dennoch. Hinter verschlossenen Türen, bei einem gemeinsamen Treffen mit Madagaskars Kabinett nimmt sich der Bundespräsident seinen Amtskollegen derart direkt bei den Fragen von Korruption und fairen Wahlen vor, dass nicht wenige den Atem anhalten. Und die Tischrede beim Staatsbankett nutzt er dazu, Madagaskars Präsidenten in Sachen Umweltschutz und Armutsbekämpfung mit kritischem Oberton zu belegen.

Im Zoo von Antananarivo übergibt der Bundespräsident einen Roten Vari, eine bedrohte Lemurenart. Das in Deutschland aufgewachsene Männchen soll für den dringend benötigten Nachwuchs sorgen. Köhler will es als Deutschlands bescheidenen Beitrag zur Erhaltung der Artenvielfalt verstanden wissen. Bevor der Bundespräsident zum Lemurenrundbau des Zoos geht, muss er an den Bildern eines Schülermalwettbewerbs vorbei. Vor einem Bild bleibt er länger stehen. Es zeigt Männer bei der Brandrodung. Einer erschießt einen Adler, einer erschlägt einen Affen. Die Täter lachen. Ihre Gesichter sind Horst Köhler aufgefallen: „Die Leute“, sagt er, „sind ja farblos gemalt.“

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