Zeitung Heute : Der Mittelsmann am Rand

Vielleicht ist es ein Symptom der Krise: Der Chef der Euro-Gruppe war nie so machtlos wie jetzt, da alle Welt vom EU-Gipfel, der heute beginnt, ein überzeugendes Signal für den Zusammenhalt erwartet. An Jean-Claude Juncker kann man erkennen, wie Europa zerfällt.

Streitbarer Kopf. Juncker liebt die raffinierte Replik. Aber wird sie noch genau genug gehört? Er hat manchmal seine Zweifel. Foto: Martin Oeser/dapd
Streitbarer Kopf. Juncker liebt die raffinierte Replik. Aber wird sie noch genau genug gehört? Er hat manchmal seine Zweifel....Foto: dapd

Er muss jetzt vor die Tür. Es war bei einem der vielen Krisengipfel dieses Jahres, als sie dem dienstältesten Regierungschef Europas offiziell das Rauchen im Brüsseler Ratssaal untersagten. Dem tschechischen Regierungschef Petr Necas ging es gegen den Strich, dass der Kollege Jean-Claude Juncker auch während des Arbeitsessens qualmte. Deshalb beschwerte er sich beim Vorsitzenden Herman Van Rompuy. Und der schickte Juncker daraufhin nach draußen.

Juncker vor der Tür, hinaus gebeten, unerwünscht, wenn auch nur als Raucher – es ist auch ein Sinnbild für den machtpolitischen Abstieg dieses Mannes aus einem kleinen Land, der in Europa lange als unerlässlicher Kompromisseschmied und als Makler zwischen den Großen galt. Das war, als die Kleinen den Geist und die Diskussionskultur der Gemeinschaft prägten mit ihrem Wunsch, sie mehr sein zu lassen als ein Gebilde, das Nationalstaatsinteressen ausbalanciert. Mehr ist es jetzt nicht mehr.

Und so ist die Geschichte des luxemburgischen Regierungschefs Jean-Claude Juncker auch die Geschichte eines Nachkriegs-Europas, das langsam in Vergessenheit gerät – ausgerechnet jetzt, da alle Welt von diesem Gipfel, der am Donnerstag in Brüssel beginnt, ein Signal für den Zusammenhalt der Euro-Zone erwartet, kann man an Juncker, ausgerechnet an ihm, dem Chef der Euro-Gruppe, erkennen, wie Europa in Hauptakteure und Marginalisierte zerfällt.

Dabei ist Juncker ein wichtiger EU-Krisenmanager geblieben. Er steht dem formal wichtigsten Entscheidungsgremium in der Schuldenkrise vor, ist dabei, wenn die „Frankfurter Runde“ sich trifft, ein kleiner Kreis von sieben Personen – darunter Kanzlerin Angela Merkel und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy –, die die großen Linien bei der Euro-Rettung vorgeben. Seine Worte haben nach wie vor Gewicht. Wenn er etwa die Drohung der Ratingagentur „Standard & Poor’s“, 15 Länder der Euro-Zone herabzustufen, mit einem „Keulenschlag“ vergleicht, dann ist das eine Nachricht.

Mit Vorschlägen, wie man der Vertrauenskrise im Euro-Raum Herr werden könnte, hält er sich seit einiger Zeit spürbar zurück. Seine Forderung nach Euro- Bonds war von Berlin barsch zurückgewiesen worden. Sie kommen ja eh, wird er sich vielleicht gedacht haben und verlegte sich auf das, was er am besten kann: gewundene, vor Diplomatie strotzende Juncker-Sätze zu formulieren, wenn es kniffelig wird. Als Juncker gefragt wird, ob er den damaligen italienischen Regierungschef Silvio Berlusconi überhaupt noch für fähig halte, die Krise in seinem Land zu lösen, gibt er die Frage mit seiner vertrauten, charmanten Art einfach zurück: „Wenn ich Ihnen die Frage gestellt hätte, und Sie wären ich“, sagt Juncker, „dann würden Sie auch die Frage nicht so beantworten, wie Ihre Frage tendenziell vermuten lässt, dass Sie gerne hätten, dass ich sie beantworten würde.“

Sie liegt ihm, die raffinierte Replik, die nicht nur von der Fähigkeit des Luxemburgers zeugt, in kritischen Situationen abzuwiegeln, sondern auch von einer gehörigen Portion Humor. Dabei gilt Juncker als streitbarer und klarer Kopf, der mit seinen Prognosen oft recht behält.

Welchen Tribut die Krise aber jetzt von ihm fordert, lässt sich schon an den Falten in seinem Gesicht ablesen. Die intensiven Arbeitstage, die selten kürzer als 14 Stunden sind, haben sich tief in seine Züge eingegraben. Bei allem Stress scheint Juncker die Runden der Euro-Finanzminister, denen er als Chef vorsitzt, zu genießen. Dort gehört die Bühne ihm, dort kann er seine sarkastischen Scherze unters Volk streuen. „Ich bin manchmal baff“, sagt einer aus seinem Umfeld, „wie gelassen er bleibt.“

Trotzdem ist Junckers Humor düsterer geworden. Und man kann den Zeitpunkt ganz gut eingrenzen, wann es begonnen hat. Vor zwei Jahren. Da nämlich büßte er seine Schlüsselrolle beim Aushandeln von Beschlüssen auf dem europäischen Kompromissbasar ein. Es war der Moment, als Merkel und Sarkozy im Schatten der heraufziehenden Schuldenkrise anfingen, die Dinge direkt untereinander auszumachen. Sie brauchten den Mittelsmann aus Luxemburg nicht mehr.

Dass er eines Tages derart ausgebootet werden würde, konnte Juncker noch nicht ahnen, als Merkel ihn nach der Bundestagswahl im November 2005 in Berlin empfing. Wer sich heute das Bild von der designierten Kanzlerin und dem Luxemburger Premierminister damals anschaut, glaubt sich in eine andere Ära zurückversetzt. Es herrscht heitere Aufbruchstimmung, beide, der Europa-Veteran und die Europa-Novizin, scheinen sich auf die gemeinsame Zeit zu freuen.

Aber schon damals in Berlin gab Juncker auch eine Warnung ab, mit der er später recht behalten sollte – mit dramatischen Folgen für ihn selbst. Der Luxemburger gab zu bedenken, dass es in Europa keine „Überfokussierung“ auf die deutsch-französische Zusammenarbeit geben dürfe.

Natürlich sprach Juncker in diesem Moment auch in eigener Sache, denn zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits seit einem Jahrzehnt als Regierungschef des kleinen Großherzogtums einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Geschicke Europas genommen – und diesen Einfluss wollte er nicht verlieren. Den Franzosen erklärte er immer wieder in deren Landessprache die deutsche Stabilitätskultur, den Menschen hierzulande versuchte er auf Deutsch die französischen Ideen einer politischen Steuerung der Euro-Zone nahezubringen. Sein Meisterstück gelang ihm 1996, als er beiden Ländern in Anbahnung der europäischen Währungsunion einen Stabilitäts- und Wachstumspakt abhandelte.

Freilich trat Juncker dabei nie als gänzlich selbstloser Makler auf. Dass er die Interessen des Finanzplatzes Luxemburg sehr wohl zu verteidigen weiß, zeigte sich etwa im Frühjahr 2009, als er sich den damaligen SPD-Chef Franz Müntefering im Streit um Europas Steueroasen vorknöpfte. Münteferings martialische Drohung, dass man früher Soldaten in Steueroasen geschickt hätte, konterte Juncker damals so: „Wir waren schon mal besetzt, wir haben unter deutscher Besatzung gelitten.“

Juncker verbindet mit Nazi-Deutschland ein ganz persönliches Schicksal. Sein Vater war nach dem deutschen Überfall von 1940 als junger Luxemburger zwangsweise eingezogen worden und kämpfte, wie es Juncker ausdrückte, „in der Uniform der Wehrmacht auf der falschen Seite“. Umso höher rechnet er es seinem Vater an, dass er ihn im Geist der Versöhnung erzog.

Für jemanden wie Juncker, der wie ein echter Europäer fühlt, wäre es die Krönung gewesen, wenn er Ende 2009 das Brüsseler Spitzenamt des EU-Ratschefs hätte übernehmen können. Aber Merkel und Sarkozy wollten ihn nicht auf diesem Posten sehen und hievten stattdessen den Belgier Van Rompuy – Christdemokrat wie Juncker – auf den Chefsessel. Damit nahm die Kränkung des Luxemburgers ihren Anfang. Es wäre nur eine persönliche gewesen, wenn sein Schicksal nicht symptomatisch für den Weg Europas insgesamt geworden wäre.

Denn anschließend begannen Merkel und Sarkozy, sich als Euro-Manager in Szene zu setzen. „Natürlich ist er angefressen gewesen“, beschreibt einer von Junckers Vertrauten dessen Gemütszustand, als das deutsch-französische Duo etwa beim Strandspaziergang im französischen Seebad Deauville im Herbst vergangenen Jahres den zuvor in großer Runde gefassten Beschluss zu den automatischen Sanktionen für Schuldensünder kippte. Nun werden sie vermutlich trotzdem kommen, wie das bei Junckers Ideen oft der Fall ist. Die Beziehung zur Kanzlerin erreichte kurze Zeit später einen Tiefpunkt, als Juncker ihr im Streit um EuroBonds „simples Denken“ vorwarf.

Seither hat sich Junckers Verhältnis zu Merkel zwar wieder etwas verbessert, aber seine Verbitterung ist geblieben. Juncker gilt in der Europapolitik als Anhänger der sogenannten Gemeinschaftsmethode. Danach beschließen die EU-Institutionen zusammen Gesetze. Informelle Absprachen zwischen den „Großen“ und von den Nationalstaaten aufgespannte Rettungsschirme sind ihm aus Prinzip ein Graus, weil sie die EU zum Vehikel von Einzelinteressen machen. Dabei ist es sein Dilemma, dass er selbst Teil dieser Dynamik geworden ist als Chef eines Gremiums, das eine Gruppe innerhalb der Gruppe repräsentiert – die Euro-Gruppe mit ihren 17 Mitgliedern.

Dass er eine andere Vision von der EU hat als das übermächtige Duo aus Berlin und Paris, ist dabei keineswegs eine Altersfrage. Merkel, Sarkozy und Juncker gehören derselben Generation an. Der Luxemburger ist fünf Monate jünger als die Kanzlerin und zwei Monate älter als der französische Staatschef. So wie Merkel hat er den Karlspreis erhalten für seine besonderen Verdienste um die europäische Einigung.

Und doch gibt es einen Unterschied: Während Merkel und Sarkozy ein eher pragmatisches Verhältnis zu Europa pflegen, war für Juncker die Zukunft des Kontinents immer eine echte Herzensangelegenheit, sie musste es sein. Aufgewachsen an der ehemaligen Bruchlinie zwischen Deutschland und Frankreich, setzte er alles daran, sie zu einer Nahtstelle zu machen. Und Ländern wie Luxemburg, die mit Mühe auf einer Landkarte zu finden sind, genauso viel Gewicht zu geben wie den Großen.

Jetzt, nach all den Kränkungen, ist er vorsichtig geworden und wartet auf Gelegenheiten. „Willkommen im Club“, giftete Juncker zu Beginn der Woche, nachdem Merkel und Sarkozy in Paris ihre Pläne für eine Stärkung der Etatdisziplin auf europäischer Ebene präsentiert hatten. Das sollte heißen: Da, wo Deutschland und Frankreich bei der Reduzierung ihrer Schulden hinwollen, ist das reiche Luxemburg schon längst.

Auf dem Abstellgleis ist Juncker noch lange nicht. Er setzt sich vor dem Gipfel dafür ein, die von Merkel angestrebte EU-Vertragsänderung, mit deren Hilfe Defizitsündern künftig das Fürchten gelehrt werden soll, möglichst begrenzt zu halten – ein Manöver, mit dem Juncker wieder einmal den Schulterschluss mit den Brüsseler Institutionen sucht. So ist Juncker inzwischen eher derjenige, der mit den schweren Güterzügen auf dem Nebengleis unterwegs ist, während andere über die Schnelltrasse donnern.

Tatsächlich ist so viel zu tun, dass nun bis Mitte nächsten Jahres ein Nachfolger gesucht wird, der soll Junckers Job dann aber hauptamtlich machen – dafür steht Juncker selbst, so heißt es, definitiv nicht zur Verfügung. Die vielen Fahrten zwischen Luxemburg und Brüssel, die vielen Nachtsitzungen werden ihm zu viel. Amtsmüde aber sei der 56-Jährige nicht, heißt es. „Er ist ja noch jung.“ Am Freitag hat er Geburtstag. Und vielleicht lassen ihn die Kollegen zur Feier des Tages dann wieder eine Zigarette anzünden.

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