Zeitung Heute : Der Mörder in Jedem von uns

Doris Dangschat

Gerade hat der Sohn seinen Eltern am Telefon gesagt, er habe eine Waffe in der Hand. Dann ist die Leitung unterbrochen. Kurze Zeit später meldet sich die Polizei auf die verzweifelten Rückrufe der Eltern in der Wohnung des Lebensmüden: "Offensichtlich hat ihr Sohn getan, was er ihnen angekündigt hat". So beginnt die letzte Folge "Derrick", die nie gedreht wurde.

Ein würdiger Abgang sollte es sein, fand der 84-jährige Herbert Reinecker, Schriftsteller, Film- und Drehbuchautor, der für rund 350 Sendungen des ZDF die Drehbücher schrieb. "Ich wollte etwas Besonderes machen, etwas, das bleibt. 20 Jahre lang habe ich nach den kleinen, üblichen kriminellen Motiven gesucht. Dabei haben wir ein Jahrhundert erlebt, in dem ganz andere Mordtaten geschehen sind." Um die großen Fragen sollte es in Derricks letztem Fall gehen, um den Kampf zwischen Gut und Böse, um den Mörder in Jedem von uns - so stand es im nie realisierten Drehbuch, das am Montagabend in Berlin in Clärchens Ballhaus verlesen wurde.

Dabei beginnt es wie immer. Es gibt einen Toten, eine Waffe ungeklärter Herkunft, alles sieht aus wie Selbstmord, doch die entsetzte Familie will nicht daran glauben. Autor Reinecker hat nicht auf die gewohnten Zutaten verzichtet, die den Kult-Status der Krimiserie ausmachten - wenige Schauplätze, Beschaulichkeit und hölzerne Dialoge in einer seltsam entrückten Zeit, in der Hausdamen die Tür öffnen und Frauen zuhören oder sagen: "Ich habe Angst vor diesem Mann". Der junge Mann hat im Abschiedsbrief gebeten, Dr. Traut von seinem Tod zu informieren, einen väterlichen Freund, mit dem er nächtelange Gespräche führte. Dieser scheint weder sonderlich überrascht noch traurig über die Nachricht. Derrick, der Bruder des Verstorbenen, Rüdiger und seine ängstliche Freundin Renate (so heißen junge Menschen bei Derrick) gehen zu Dr. Trauts Privatvorträgen und geraten in eine Vorlesung zu keinem geringeren Thema als "Wer ist der Mensch". Ein Foto aus Auschwitz ist dazu auf die Leinwand projiziert, lebensgroß. Der Verdacht bestätigt sich: Dr. Trauts düstere Ansichten über die "Mörderseele", über das Böse in der Welt und in jedem Menschen haben dem jungen Mann den Lebenswillen genommen und in den Selbstmord getrieben, zu dem Traut die Waffe lieferte.

So hätte sich Reinecker den letzten Derrick gewünscht - der große Fernsehmoralist wollte den Zeigefinger heben. Doch das Thema Auschwitz lastet zu schwer auf Derricks Schultern, und wäre doch nur Fernsehunterhaltung. Tappert wollte den Stoff nicht spielen. Gut so.

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