Zeitung Heute : Der Mond liegt im Museum

Wenn Steine vom Himmel stürzen, hat das immer Folgen. Die Dinosaurier haben es nicht überlebt. Und 4000 Planeten-Trümmer sind in Berlins Meteoritensammlung gelandet – aus der ganzen Welt Oft kommen Leute, die denken, sie hätten einen Meteoriten gefunden

Christian van Lessen

Herr Tiburtius sah aus dem Küchenfenster. Es war 8.17 Uhr am 14. November. Oben im dunklen Himmel entdeckte er plötzlich eine helle Feuerkugel, die näher kam. Eine beängstigende Erscheinung. Stürzten da ein explodierendes Flugzeug oder die glühenden Reste eines Satelliten auf ihn zu? Zwei Minuten später hörte er im Garten einen dumpfen Schlag. Mit Herzklopfen rannte der Mann nach draußen. Was war passiert, welches Unglück hätte passieren können?

Was da vor 20 Jahren abstürzte, ist in der Meteoritensammlung des Museums für Naturkunde zu besichtigen. Zwischen den Pappeln des Gartens hatte Tiburtius einen monströsen Stein mit schwarz verbrannter Kruste entdeckt, gut 43 Kilo schwer. Der Brocken hätte beim Sturz auf dicht besiedeltes Terrain Verheerendes anrichten können. Aber er fiel nur in einen kleinen Garten des Örtchens Hohenlangenbeck bei Salzwedel in Sachsen-Anhalt. Der Meteorit, von Forschern sogleich fasziniert begutachtet, heißt seither „Salzwedel“.

Wenn Sterne als Steine vom Himmel fallen, wie vor wenigen Tagen erst über Australien, halten viele Menschen den Atem an. Beim Anblick von Sternschnuppen, den Lichtspielen des Himmels, wünschen sich die Beobachter noch etwas Schönes. Doch wenn die Grüße des Weltalls auf dem Weg zur Erde nicht verdampfen oder verglühen, dann landen sie – was eben nicht ganz ungefährlich ist – auf dem Boden und werden Meteoriten genannt. Im Museum an der Invalidenstraße in Mitte sind bis heute mehr als 4100 Exemplare angelandet. Viele sind ausgestellt, die meisten Meteoriten allerdings aus Platzmangel in Magazinen gelagert. Der 38-jährige Ansgar Greshake ist Leiter einer der weltweit größten Meteoritensammlungen. Öffnet er im Büro die Stahltüren, kann er den Mond in der Hand halten oder auch ein Stück vom Mars. Die Venus fehlt. Sie hat so viel eigene Anziehungskraft, dass sie keine Teile ins All entlässt. Die meisten Meteoriten in der Berliner Sammlung – und überhaupt auf der Erde – sind Reste von Kleinplaneten, den Asteoriden.

Bei ihrer Bahn um die Sonne kollidieren sie mitunter wie Billardkugeln, und wenn sich die Trümmer dann mit der Umlaufbahn der Erde und ihrer Anziehungskraft kreuzen, dann regnet es Steine. Das kommt allerdings nicht allzu häufig vor, zwischen 36 und 116 größere „Meteoritenfälle“ werden jährlich registriert, auf der ganzen Erde mitsamt Wasserfläche. Mit dem Staub von Mini-Meteoriten dürfte die Erde täglich rund 1000 Tonnen schwerer werden. Die klassischen Suchregionen sind weithin geologisch unberührte Orte, wo ungewohnte Steine auch wirklich noch auffallen: die Antarktis etwa, auch Wüstengebiete. In Berlin sei bislang kein Meteorit abgestürzt, sagt Greshake. Aber ganz in der Nähe, in Trebbin bei Potsdam, fiel zuletzt 1988 ein Brocken hinab, zerschlug ein Gewächshaus. Vor drei Jahren stürzte ein Himmelskörper beim bayerischen Neuschwanstein in den Wald. Der Finder, ein Mann aus Brandenburg, stritt lange mit den Staatsforsten, wem der Meteorit gehört. Ein Gericht fand, jede Seite habe Anspruch auf die Hälfte.

Aber fast alle Steine, die im Museum zu sehen sind, haben schon etliche Jahrzehnte auf Erden hinter sich. Sie stürzten zum Beispiel auf Linum, Niederfinow und Neuruppin. Vor hundert Jahren sammelte man Steine, die sich erst im Nachhinein als Meteoriten, als Teile von Mond und Mars herausstellten. Und noch bevor amerikanische Astronauten nach der ersten Mondlandung 1969 Steine auf die Erde mitbrachten, lag der Mond schon im Regal des Museums. Ein wenig glasig, dunkel, Schlieren durchzogen sieht seine steinerne Oberfläche aus. Ganz glatt, wie ein kleines Schmuckstück. Gut 5000 Euro kostet ein Gramm Mond. Gefunden wurde es in Oman, wie auch ein Stück vom Mars.

Die Experten – das zur Humboldt-Uni gehörende Museum ist auch Forschungsstätte – analysieren die Strukturen, erkennen dabei etwa kleine Schmelztropfen und Luftbläschen. Die guten Stücke sind gut 200 Millionen Jahre alt. Der Steinmeteorit „Allende“, in Mexiko gefunden und ein besonderer Stolz des Museums, soll gar 4,5 Milliarden Jahre alt sein. In diesem Stein gibt es „kleine weiße Dinger“, Schmelztröpfchen, die nach Auskunft von Greshake das „älteste Material unseres Sonnensystems“ sind. So harmlos die Meteoriten und ihre Reste hinter Schaukästen und in Regalen auch wirken, sie haben auf der Erde mitunter schlimme Spuren hinterlassen. In Arizona beispielsweise einen Riesenkrater, was allerdings schon 50 000 Jahre zurückliegt. In Deutschland schlugen sie vor rund 15 Millionen Jahren bei Ulm ins Nördlinger Ries ein. Vor allem aber rissen sie in die Halbinsel Yukatan in Mexiko ein Loch. Dort entstand ein Krater von 180 Kilometern Durchmesser, eine globale Katastrophe. Das „Geschoss“ verdampfte. Es kann ein Komet gewesen sein. Vermutlich sind damals – es ist schon 65 Millionen Jahre her – die Dinosaurier ausgestorben.

Auch im Museum für Naturkunde sind die Saurier gerade ausgestorben, zumindest zerlegt, weil die Ausstellungshalle umgestaltet und renoviert wird. Ab 2007 soll sich hier auch die Meteoritenausstellung größer zeigen. Ihre Anfänge gehen auf das Jahr 1781 zurück, als die Mineraliensammlung von Carl A. Gerhard, einem Professor der Bergakademie, erworben wurde. Der zu ihr gehörende Meteorit war der Grundstein der Königlichen Mineralsammlung. Einen weiteren Meteoriten steuerte Anfang des 19. Jahrhunderts der russische Zar Alexander der Erste bei. Er schenkte König Friedrich Wilhelm III. einen Brocken, der 1749 gefunden worden war. Mit der Gründung der Berliner Universität 1810, der heutigen Humboldt- Universität, kamen die Meteoriten in das Mineralogische Museum. Zu den Förderern zählt auch Alexander von Humboldt. Er überließ dem Museum insgesamt neun Meteoriten, die er auf seinen Reisen gesammelt hatte oder geschenkt bekam. Nach ständiger Erweiterung der Sammlung erhielt das Museum für Naturkunde der Humboldt-Universität zwischen 1993 und 1996 einen Schub, als es bedeutende Teile von Meteoriten erwarb, die zuvor in der Sahara gefunden worden waren

Oft kommen Berliner vorbei, die glauben, einen Meteoriten entdeckt zu haben. Sie zeigen schwarze Steine aus Schlacke oder Fels, auch Schutt aus dem Krieg. „Hören Sie auf zu suchen, die Chance für einen Lottohauptgewinn ist größer,“ sagt Greshake dann. Berlin selbst gibt an Meteoriten nichts her. Mit Fachkollegen von der Nasa oder den großen Museen aus Paris und London steht der Mineraloge, der seine Meteoriten-Leidenschaft erst beim Studium entdeckte, in Kontakt. So kommen Meteoriten mitunter per Post zum Begutachten, Forschen, Ausstellen.

Der gebürtige Münsteraner schaut nächtens gern nach oben. Dunkel muss der Himmel sein, am besten sternenklar. Vielleicht ist ja ein Stein dabei, der es zur Erde schafft.

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