Zeitung Heute : Der Mond war sein Schicksal

Drei Jahrezehnte prägte Peter Sartorius die Seite Drei der „Süddeutschen Zeitung“ als Reporter und Redakteur. Drei Mal wurde er mit dem Egon Erwin Kisch-Preis ausgezeichnet. Längst sitzt er in der Jury, die den Preis am Donnerstag vergibt

Norbert Thomma

Eine Reportage ist wie ein Tennismatch: Der erste Satz ist verdammt wichtig, aber er entscheidet nicht alles. Ein langer Atem gehört dazu, ein guter Rhythmus, Tempowechsel. Aber gibt es so etwas wie eine erfolgversprechende Taktik?

Peter Sartorius (Hobbys: Tennis, Laufen) hat das meist so gelöst: Erstmal die Neugierde der Leser wecken, dann das Grundsätzliche erklären, dann (wichtig!) innehalten und auflisten wie ein Buchhalter: Wieviel Zeilen habe ich insgesamt? (Für ein Portrait von Sartorius sagt die Redaktion des Tagesspiegel: 290.) Welche Episoden und Szenen müssen hinein? In diesem Fall wären das: die drei Wochen auf dem Fischdampfer (20 Zeilen), der Mondflug als Durchbruch des Reporters (25), die peinliche Südseereise mit dem Koffer (20) usw. Nun die Sartorius-Frage: Haut das mit dem Budget der Zeilen hin? Mal sehn.

Die Neugierde also. Dafür müsste sich eine kleine Geschichte vom Scheitern eignen. Niederlagen von Erfolgreichen wirken so tröstend für andere. Es war der Frankfurter Flughafen, an dem die journalistische Fantasie von Peter Sartorius zerbrach. Er hatte eine ganze Woche lang eifrig recherchiert, Lotsen, Förderbänder, Kirche, Kantine, Reinigungspersonal, er war die verzweigten Wege entlanggegangen, alle Himmelsrichtungen, alle Etagen, die Menschen waren freundlich und drückten ihm stets neue Papierstapel mit Material in die Hände. Auf der Rückfahrt in die Münchner Redaktion zog der Reporter ein Resümee, und das war kurz: „Da starten und landen viele Flugzeuge.“ Und Sartorius erklärte später seinen Kollegen, diesen Moloch könne man nicht beschreiben, das sei etwas für einen Fernsehfilm. Was blieb, war die Spesenabrechnung. Wochen später erschien in „Geo“ eine Reportage mit dem Titel „Die Startmaschine, Flughafen Rhein-Main“. Peter-Matthias Gaede bekam dafür 1984 den Kisch-Preis. Und Peter Sartorius als Preisträger des Vorjahres musste die Laudatio halten.

Das Grundsätzliche. 30 Jahre lang hat Sartorius für die Seite Drei der „Süddeutschen Zeitung“ gearbeitet, als Redakteur, als Ressortleiter, als Autor. Kein anderer hat diesen lange bewunderten Hort großer Reportagen so geprägt wie er. Als der „Stern“ 1977 zum ersten Mal den Egon Erwin Kisch-Preis auslobte für die beste deutschsprachige Reportage, war Sartorius der Geehrte; er war noch zwei weitere Male unter den Auserwählten, das ist unerreicht bis heute. Nun ist der 66-Jährige seit Anfang des Jahres im Ruhestand, was die „SZ“ zu einer Abschiedsmeldung von fünf Zeilen animierte. Doch er wird heute mit den anderen Kisch-Juroren in Hamburg zusammensitzen, um aus 32 Geschichten die drei besten auszusuchen; am Donnerstagabend werden die Preisträger dann verkündet.

Natürlich interessiert einen, wie „der Meister mit dem Habichtfinger“ (Kurt Kister, „SZ“) so gearbeitet hat. Wie er zurückblickt auf ein langes Reporterleben, das ihn mit dem Hundeschlitten bei minus 30 Grad durch Grönland fahren ließ und ihm in der Südsee vereiterte Beine durch Insekten einbrachte. Wie hat er seinen so ganz eigenen Stil gefunden? Und warum ist er beim „Stern“ nach einer Woche wieder abgehauen?

Spurensuche. Die archäologischen Grabungen nach seiner Arbeit absolviert Herr Sartorius auf dem Bauch liegend. Er robbt durch ein Türchen unter die Dachschräge seiner Wohnung und zerrt einen Obstkarton hervor, den Zitronen und Orangen zieren. Kleine Ringblöcke liegen darin, Dutzende, Hunderte, teilweise mit dünnen Gummis zu Bündeln gepackt. Auf den Deckblättern sind per Handschrift die Themen vermerkt: Hongkong, Eisenach, Golf, Sydney I, Bosnien 96, Las Vegas, Energiekrise – „Wo war das?“ fragt sich Sartorius laut, Nürnberg, Vietnam, Gebirgsjäger, L.A., Steilwandfahrer, Sarajewo III, Asientour… Notizen aus Jahrzehnten. Blaue und rosa Blöcke sind das, meist von der Firma Soennecken, en gros eingekauft durch die „SZ“.

Blättern in Jülich I und Jülich II, voll geschrieben beide im vergangenen Jahr beim Besuch von Deutschlands größter Wissenschaftseinrichtung. Gekrakel mit blauem Kuli, den ersten Eintrag kann der Schreiber selbst nur mit Mühe entziffern: „Großforschung – Schwierigkeit sich zu verkaufen.“ Nach und nach enthüllt sich die Methode Sartorius: Zwei senkrechte Striche bedeuten – Zitat oder Fakt ist wichtig! Eingekreist wird Besonderes („Der Laie blickt ratlos ins Mikroskop mit den Fäden, Punkten, Wolken“). Schönschrift heißt, diese Sätze wurden während des Notierens dem Experten langsam vorgelesen, um Fehler bei der komplizierten Materie zu vermeiden. Grafisch aufs Papier gezeichnete Labyrinthe verweisen auf einen nicht allzu interessanten Gesprächspartner. Könnte es sein, dass diese letzte Entdeckung Herrn Sartorius ein wenig peinlich ist?

Als Fotograf berüchtigt

Viele Fakten, viele Zitate, aber auffällig wenig Szenisches in den Blöcken, kaum Details von Menschen, Maschinen, Räumen. Das liegt an den Fotos. Der Reporter S. hatte stets auch seine Canon dabei und brachte von seinen Recherchen nicht nur Buchstaben, sondern auch Bilder mit. Sartorius sagt lächelnd: „Ich war berüchtigt.“ Das stimmt. Die Begeisterung über seine fotografischen Versuche fiel in der Redaktion deutlich gedämpfter aus als beim Künstler selbst.

Er hat sich davon nicht beirren lassen, warum auch? Er mag seine Fotos als persönliche Erinnerung, sie brachten ihm beim Schreiben Szenen zurück, manche illustrierten seine Geschichten in der Zeitung, und überhaupt ersparten sie ihm endlose Notizen. Nur mal angenommen, sagt Sartorius, ich rede in Hongkong mit 15 Menschen und weiß noch gar nicht, wer in der Reportage vorkommt… Ohne die Fotos gerieten da am Ende alle Gesichter durcheinander. Nun gibt es freilich auch Kollegen, die meinen, dem Schwaben Sartorius sei auch die Extra-Honorierung der Bilder nicht ganz ungelegen gekommen; aber man weiß ja auch, wie gerne Journalisten übertreiben und tratschen.

Würde man jetzt ein paar Mal auf den Auslöser einer Kamera drücken, es wäre Folgendes zu sehen: Ein auf dem Sofa ausgestreckter Sartorius in Jeans und gestreiftem Hemd, die Füße in den blauen Socken vibrieren wie ein schnurrender Kater, die Arme sind hinterm Kopf verschränkt. Irgendwie erinnert der Reporter an den Schauspieler James Stewart, das Stattliche (195 Zentimeter), die langen Cowboybeine, die etwas linkische, hilflose Art. Ein Bild aus dem Fenster zeigt saftig grüne Wiesen und regenverhangen die Berge Heimgarten und Herzogstand, in deren Nähe Kochelsee und Walchensee liegen müssten.

Noch ein paar Fotos aus der Wohnung des Weitgereisten? Bauernmöbel, im Regal eine Rotarmistin aus Porzellan (Shanghai), ein ramponiertes Segelboot (Papua-Neuguinea), eine Vase mit kalifornischer Krüppeleiche, an der spanisches Moos hängt (Nappa Valley), eine weiße Papiertaube (Bosnien), Teile eines Tryptichons (Makedonien)… Auf dem Schreibtisch ein kleiner Globus, den Sartorius mit Fähnchen markieren könnte: etwa 50 in den USA, 20 in Asien, 10 in Afrika, dazu Kanada, Australien, Französisch- Guayana…, alles Fahrten, die bisweilen mehrere Wochen dauerten. Wie viele Fähnchen für den Balkan? Da ist er in den Jahren ’91 bis ’97 ständig hin- und wieder zurückgereist, den Krieg zu schildern.

Das Fischdampfer-Epos

Wenn Peter Sartorius von seiner beruflichen Laufbahn erzählt, dann kommt er immer wieder auf zwei Ereignisse, die er „Bruchstellen“ nennt. Eine davon ist der Fischdampfer, der ihm den ersten Kisch-Preis einbrachte. Drei Wochen schipperte die Schütting damals mit dem Reporter im Nordatlantik, hob Berge von Seelachs und Rotbarsch an Bord, und die Mannschaft schlitzte zappelnde Leiber auf und watete „knöcheltief im stinkenden, lachsroten Gedärmebrei“ (so steht es in der Geschichte). Nun muss man wissen, dass Herr Sartorius zeitlebens von einer Fischallergie geplagt wird. Allein der Geruch bringe ihn zum Würgen, sagt er, noch niemals habe er einen einzigen Bissen davon verschluckt. Für ein Werbeplakat der „SZ“ hat er damals dann doch einen ganzen Lachs tapfer ins Bild gehalten.

Der Artikel „Blindekuh unterm Nordkap“, aus Zeitgründen auf dem Schiff getippt, hatte allerdings einen Fehler – er war zu lang. 15 Blatt. Auf eine Seite Drei passen nur 10 Blatt. Sartorius gab den Text beim Chefredakteur ab, einem U-Boot-Fahrer, und wartete. Die erlösende Reaktion hieß: „Ich gebe Ihnen die Seite 5 dazu.“ Eine Lex Sartorius, der Sprung von der großen Reportage zum Epos.

Die andere Bruchstelle ist romantischer. Es geht da um einen Lokalredakteur von den „Nürnberger Nachrichten“, der sich einen Traum erfüllte. Der „aus purer Lust ein Jahrtausendereignis“ erleben wollte, den Flug der Apollo 11 zum Mond; der sich deshalb 1969 für einige Monate freistellen ließ, um von Kap Kennedy aus einige Regionalzeitungen mit Berichten zu versorgen. Per Lochstreifen wurden diese Berichte übermittelt, ob je etwas davon gedruckt wurde, blieb dem Lokalredakteur unbekannt. Und als er sich auf dem Heimflug der Stadt Frankfurt näherte, wuchs der Gedanke im Kopf: Es war ein Flop, aber schön war’s doch! Der Zöllner schaute dann nach der Ankunft in den Reisepass und sagte: „Ah, Sie kommen aus Houston.“ Houston? Wie konnte der das wissen, wo doch die Ausreise in New York gestempelt war? Der Redakteur traute sich die Frage, warum der Beamte Houston erwähne. „Ich habe doch wochenlang Ihre Artikel in der ,FR’ gelesen.“ Bei dieser Antwort, erzählt heute Peter Sartorius, habe er „ein so großes Glücksgefühl gehabt wie vorher und auch nachher nie wieder“.

Es sind schlank geschriebene Reportagen, die der Jungreporter über die Raumfahrt verfasst hat. Erst später entwickelte sich dieser Stil, der… Um diese Besonderheit zu erklären, taugt ganz gut die Anekdote von einem Redaktionsfest der „Süddeutschen“. Ein Mitarbeiter der Seite Drei verlas diverse Textstellen der anwesenden Autoren Kempski, Riehl-Heyse und Sartorius, und die anderen Kollegen sollten raten, von wem welche Sätze stammen. Die Trefferquote lag bei 100 Prozent. Das mag verblüffen, doch ein Ohrenzeuge kann das Resultat einfach erklären: „Wenn’s lustig war, war’s der Riehl. Wenn einer alle Lampen gezählt hatte, ist es der Kempski gewesen. Und wenn’s eine Weile gedauert hat, war’s der Sartorius.“ Als verbürgt gilt übrigens auch, dass vom Autorentrio sich nur Sartorius bei diesem Quiz amüsierte.

Es müsste nun klar sein, dass Peter S. nicht direkt auf sein Ziel zuschreibt. Vielmehr wirft er Fragen auf, kassiert sie ein, behauptet, widerruft, lässt den Leser an seinen Überlegungen teilhaben, die Gedanken und Sätze mäandern wie ein Bach. Könnte man sagen, Sartorius sei ein formulierender Mäandertaler?

Stopp! Das wird vom ehemaligen Seite-Drei-Redakteur gestrichen! Ein Gag um des Gags willen, da war Sartorius ein „gnadenloser Pointenkiller“, wie er selbst sagt. Denn…

An dieser Stelle bricht der Artikel leider ab, da der Autor das vorgegebene Budget von 290 Zeilen überschritten hat. So bleibt auf ewig unklar, warum Herr Sartorius den „Stern“ nach einer Woche fluchtartig verließ, welche Reporter er derzeit am liebsten liest und für wen er künftig schreiben wird. Die Kunst der exakten Zeilenbudgetierung beherrscht eben nur einer.

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