Zeitung Heute : Der moralische DVD-Player

Keine Gewalt: Eine neue Technik soll anstößige Szenen im Film einfach überspringen

Markus Ehrenberg

Zu blutig, zu brutal, zu viel Gewalt, zu viel Kreuzigung – der neue Jesus-Film von Mel Gibson ist nichts für sanfte Gemüter. Die Sichtweise des eigenwilligen Schauspielers auf die Geschehnisse, die sich vor gut 2000 Jahren in Jerusalem ereignet haben, spart nichts aus. Wer sich deswegen noch nicht in „Die Passion Christi“ hineingetraut hat und sich den Film vielleicht erst in einem Jahr anschauen will, auf DVD, könnte sich dann ein bisschen wundern – weil er einen ganz anderen Film sieht. Einen harmlosen. Und einen viel kürzeren. Dank eines neuen DVD-Players, der automatisch Gewalt- und Sexszenen in Filmen überspringt. Der macht aus „The Passion“ dann „The Passion – light“, das dürften nicht mehr als zehn, 15 Minuten sein. Mel Gibson wird dazu nicht befragt.

Was sich so harmlos anhört, könnte zum Riesen-Zankapfel zwischen Jugendschützern, Herstellern und Künstlern werden. Schluss mit Sex, Schluss mit Gewalt, Schluss mit Kraftausdrücken – der tugendhafte DVD-Player, der Traum aller Eltern. Endlich mal Filme ohne Angst genießen. Kinder auch alleine vor Fernseher und DVD-Player sitzen lassen. In den USA ist das keine Zukunftsmusik mehr. Dort will jetzt die US-Handelskette Wal-Mart einen DVD-Player auf den Markt bringen, der anstößige Inhalte ausblendet. Jesus blutend am Kreuz, der Hulk, der auf Panzer und Menschen tritt, der Junge in „The Sixth Sense“, der Gespenster sieht, Arnold Schwarzenegger, der in „Terminator 3“ nackt in der Wüste steht, die Liebenden und die Ertrinkenden in „Titanic“ – all diese Szenen überspringt der Player. Selbständig. Und zeigt nur Jesus unter seinen Jüngern, den Hulk relativ friedlich, den Jungen im Gespräch mit Bruce Willis und Schwarzenberger von der Brust an aufwärts. Darüber hinaus schaltet der DVD-Player bei allzu gewagten Dialogen stumm.

Spielberg und Scorsese klagen schon

Hat das noch was mit den ursprünglichen Filmen zu tun? Nein, sagt Hollywood. Dort ist man über die Zensur der Filme so erbost, dass namhafte Regisseure wie Steven Spielberg, Martin Scorsese und Steven Soderbergh sowie acht Studios gegen die Firma ClearPlay klagen. ClearPlay entwickelt für PCs schon seit mehreren Jahren die entsprechende Filter-Software, die den tugendhaften DVD-Player erst möglich macht. Die betreffenden Szenen erkennt der Player nicht automatisch. Er orientiert sich an speziellen Schnittlisten, die für jeden Film einzeln erstellt werden müssen. Auf der Website des Unternehmens werden alle derart bearbeiteten DVDs aufgelistet. Wer möchte, kann nur die Gewalt- oder nur Sexszenen herausfiltern oder Szenen mit Drogenkonsum unterbinden lassen – die vier Filter sind beliebig kombinierbar. Die Software lässt sich aktualisieren. Neue Filme wie eben „Die Passion Christi“ können jederzeit zensiert werden. Der DVD-Player mit eingebauter Sexsperre – für nur 80 Dollar.

So weit wollen es Hollywoods Anwälte nicht kommen lassen. Sie werfen dem Hersteller des DVD-Players vor, die Filter-Version produziere unautorisierte und somit illegale Versionen von Filmen. Das sei ein rechtswidriger Eingriff in das Urheberrecht. Außerdem seien die Leute von ClearPlay, die die Filme sichten und den Player programmieren, völlig ungeeignet, die Filme zu schneiden. Stimmt nicht, sagt ClearPlay. Diese Leute seien leidenschaftliche Filmliebhaber. ClearPlay würde sich nie an Filmen versuchen, die es durch das Raster entstellen würde. Zudem greife man das Original nicht an, sondern simuliere nur eine Fernbedienung – auch die müsste illegal sein, wenn es die Software wäre. Und der Konsument? Der würde zwar den Eingriff bemerken, aber sich daran gewöhnen und ihn dann als weniger störend empfinden als den ursprünglichen Inhalt der betreffenden Szene.

Diese Argumente beruhigen die Filmbosse nicht. Sie kommen sich vor wie Mitte des vergangenen Jahrhunderts, als Filme auf unmoralische Szenen gesichtet und abgenommen werden mussten. Die amerikanischen Medien sehen sich ohnehin schon wachsender Zensur ausgesetzt, nicht nur gegen „F…“-Wörter. Konservative Organisationen üben Druck aus, Radiosender werden mit Strafen im sechsstelligen Bereich belegt, DJs gefeuert. Und jetzt ein DVD-Player als Tugendwächter bei Spielfilmen.

Bisher hatte Hollywood noch keinen Erfolg mit der Klage gegen den Hersteller des DVD-Players. Dessen Lobby ist groß. Nicht erst seit Erfurt, der zunehmenden Gewalt in Videospielen und Schul-Amokläufen in den USA richtet sich der Fokus verstärkt auf freiwillige Selbstkontrolle und neue Gesetze, aber auch darauf, was in den Wohn- und Kinderzimmern an Videotheken herumsteht und wie damit umzugehen ist. Und auf die Gretchenfrage. Was ist wichtiger: Jugendschutz oder Urheberrecht? Die Sorge der Eltern oder die Sorge der Regisseure? Die Nachfrage des demnächst auf dem US-Markt erhältlichen DVD-Players ist groß, obwohl die Klage noch läuft. In ein paar Monaten könnte so ein Gerät der Firma Thomson nicht nur bei Wal-Mart, sondern auch in Europa zu haben sein. Die deutsche Filmbranche sieht diese Entwicklung und die damit verbundene Einschränkung der künstlerischen Freiheit mit Sorge. „Was macht das für einen Sinn? So ein zensierter Film wird doch völlig verstümmelt. Es ist viel sinnvoller, Kinder überhaupt vom Sehen dieser Filme abzuhalten, als zum Beispiel ,Apocalypse Now‘ oder ,Stirb langsam‘ alle sechs Minuten zu unterbrechen, weil da Gewaltszenen vorkommen“, sagt Nico Hofmann von der Produktionsfirma „teamWorx“. Der Produzent hat einschlägige Erfahrungen mit der Zensur. Sein Film „Solo für Klarinette“ wurde vom Fernsehen fürs Fernsehen um sechs Minuten gekürzt.

Das schafft dieser neue DVD-Player nun ganz von alleine. Dabei sollte doch mit DVDs alles besser, haltbarer, sehenswerter werden. In jedem zweiten deutschen Haushalt steht ein DVD-Player, es gibt kaum noch Videogeräte, und schon macht das Digitale Ärger, weil es uns die Zensur ins Haus bringt. Im Forum vom Internet-Dienst heise.de fragen sich Filmfans, ob wir nun den „Hulk mit BH“ zu sehen kriegen und was Filme wie „Titanic“ auf der Zensur-Liste zu suchen hätten.

Eines hat man noch gar nicht bedacht. Ein Programm, das dafür sorgt, dass Gewalt und Sex in Filmen gefunden und heraussortiert werden, müsste mit ein paar Handgriffen auch dazu zu bringen sein, nur diese Szenen zu finden und zu zeigen.

Die Zensur-Film-Liste im Internet:

www.clearplay.com

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