Zeitung Heute : Der Morgen danach Ob Karneval, Fasching oder eine lange Nacht im Club: Was man gegen den Kater tun kann.

Daniel Erk

Aschermittwoch, heißt es, ist alles vorbei. Beinahe wenigstens, der eine oder andere wird sie noch spüren, die Folgen der letzten, exzessiven Tage der Karnevalszeit: Am Morgen danach, wenn der Alkohol seine benebelnde Wirkung verliert, kein Schlaf mehr die Sinne betäubt, wenn sich jeder Sonnenstrahl wie ein Laser direkt in das Gehirn zu bohren scheint, jedes Geräusch wie das Aufkreischen einer Kreissäge klingt und der Grundton der Welt ein holperndes Brummen ist.

„Alkoholisches Post-Intoxikations-Syndrom“ nennt der Mediziner die Folgen der Alkoholvergiftung, deren Begleiterscheinungen – Schwindel, Kopfschmerzen, Übelkeit – scheinbar zum exzessiven Zechen gehören, wie der Alkohol zum Karneval. Vom Kater spricht dagegen das betroffene Volk und meint dasselbe.

Nervengift Alkohol

Doch während die praktischen Konsequenzen jedes Wochenende wieder in zahlreichen Selbstversuchen nachgewiesen werden, liegt die Theorie, wie es zum Kater und seinen Leiden kommt, auch nach Jahrtausenden, in denen sich Menschen mit Alkohol betrunken haben, noch immer im Dunkeln. Eine allseits anerkannte Kausalkette, wie die fiesen Schmerzen unter der Schädeldecke entstehen, gibt es nicht – Erklärungsansätze bieten die Experten auf dem Gebiet der Crapulogie, wie die Katerforschung in der Fachsprache heißt, dafür gleich mehrere.

Der Kater setzt ein, wenn wir den Höhepunkt des Abends längst hinter uns gelassen haben und sich der Alkoholspiegel im Blut wieder auf Normalniveau einpendelt. Die Betäubung durch das Nervengift Alkohol lässt nach, die Schmerzen setzen ein.

Eine Hauptursache dieses Unwohlseins, ist die gesteigerte Diurese, die Harnausscheidung. Alkohol hemmt das Hormon Vasopressin, das normalerweise den Flüssigkeitshaushalt im Körper reguliert und dafür sorgt, dass der Körper nicht dehydriert, also austrocknet. Im angetrunkenen Zustand funktioniert dieses Wasserrückhaltesystem nun nicht mehr und während wir uns wundern, weshalb wir schon wieder den Gang zur Toilette antreten müssen, schwemmt der Körper wichtige Mineralien wie Natrium, Kalium, Kalzium und Magnesium aus. Neben diesem Elektrolytemangel muss der Körper auch noch den Flüssigkeitsverlust kompensieren und holt sich diese zurück – unter anderem aus dem Gehirn, das durch den Flüssigkeitsverlust seinerseits erst schrumpft – und später schmerzt. Aber auch der Alkohol bzw. dessen Abbauprodukt machen dem Körper schwer zu schaffen.

Durch Mund und Magen-Darm-Trakt gelangt der Alkohol in die Leber. Wichtigste Aufgabe der Leber ist es nun, das Nervengift Alkohol zu neutralisieren. Zuerst tritt ein Enzym an, die so genannte Alkohol-Dehydrogenase (ADH), und verwandelt den Trinkalkohol Ethanol in Acetaldehyd. Dieser Stoff wiederum wird durch ein weiteres Enzym – das Aldehyd-Dehydrogenase (AIDH) – zu Essigsäure verwandelt, also unschädlich gemacht und abgebaut. Das Problem hierbei: Acetaldehyd ist giftig, der Körper beginnt zu schwitzen und zu erröten, ein Gefühl der Übelkeit setzt ein.

Noch ein weiterer Bestandteil des Alkohols, die Fuselalkohole Amylalkohol, Propanol, aber allen voran Methanol, sollen die Leiden des neuen Morgens weiter verstärken. Wie diese Fuselöle zum Kater führen und warum sie die bei verschiedenen Getränken und Trinkern in verschiedener Intensität tun – darüber herrscht noch Unklarheit.

Gesichert scheint hingegen, dass auch der Abbau und das Abbauprodukt des in Kleinstmengen in sämtlichen Getränken vorhandenen Methanols den Kater verstärken. Methanol wird wie Ethanol von den Enzymen ADH und AIDH abgebaut. Der Unterschied: Die beiden Enzyme widmen sich zunächst dem Ethanol, ehe sie sich dem Methanol zuwenden. Und: Die Abbauprodukte des Methanols – Formaldehyd und Ameisensäure – sind hochgiftig. Da sie gewissermaßen erst später dran sind, die Leber hat ja noch zu tun, den Körper aber in höherem Ausmaße belasten, könnte dies die Zeitverzögerung des alkoholischen Post-Intoxikations-Syndroms erklären. Denn das trifft uns ja erst Stunden nach dem Exzess mit voller Wucht.

Wenn die Sonne wieder aufgeht

Neben der bio-chemischen Ursachensuche für den Kater lassen sich eine Reihe weiterer Erkenntnisse festhalten, die dem Befinden am Morgen nach der Feier in die Parade fahren: Eine unheilige Allianz aus verbrauchter Luft, Schlaf- und Bewegungsmangel und dem üblicherweise geänderten Schlafrhythmus setzen dem Körper des Trinkers weiter zu – und das rächt sich, wenn die Sonne wieder aufgeht, es an der Tür klopft oder gar der Wecker klingelt.

Doch wen interessiert das schon vor dem Rosenmontag? Wer macht sich am Abend davor einen Kopf über die Crapulogie? Die Reue kommt immer erst hinterher – mit dem Kater.

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