Zeitung Heute : Der Münchner Uni-Assistent Florian Schiel stürmt mit frechen E-Mail-Erzählungen die Bücher-Verkaufscharts

Herr Schiel[sind Sie ein Bastard?]

Florian Schiel (37) mailt Geschichten über die Streiche des Herrn Leisch, genannt "Bastard" ( www.bastard.de , an eine ständig wachsende Fangemeinde. Seine Bücher stürmten an die Spitze der Charts von amazon.de . Er arbeitet am Institut für Phonetik und sprachliche Kommunikation der Ludwig-Maximillians-Universität in München. Mit Florian Schiel sprah Andreas Krieger.

Herr Schiel, sind Sie ein Bastard?

Nur ein bisschen. Fragen Sie meine Studenten und Kollegen.

Ihr Bastard ist der Schrecken der Uni: löscht die Festplatten der Studenten, terrorisiert Sekretärinnen, vernichtet Kopierer, versteckt Diplomarbeiten.

Er hat nur eins im Sinn: Gemeinheiten. Die Aufgabe des Bastards ist das gleichmässige Verteilen von Bosheiten an der Uni.

Sein Nachname Leisch ist die Umkehrung von Schiel. Ist der Bastard Ihr Spiegelbild?

Ich würde das nicht von der Hand weisen. Die Geschichten orientieren sich stark an meinen Erfahrungen im Uni-Alltag. Allerdings überzeichne ich sie so extrem, dass sich keiner angesprochen fühlen muss. Ich bin zum Glück kein gefrusteter Assi, der sich seinen Hass gegen Studenten, Professoren und den Rest der Welt von der Seele rotzt. Ich schreibe einfach gerne.

Und die Studenten lesen Sie gerne.

Meine Homepage, auf der man das kostenlose E-Mail-Abo bestellen und alte Geschichten lesen kann, wird pro Monat fast achttausend Mal angewählt.

Warum ist Ihr Bastard so ein Erfolg?

Weil uns Computerbenutzern der Frust über diese vermaledeite Maschine in den Knochen steckt. Der Bastard setzt sich über alle diese Hindernisse elegant hinweg, indem er den Spiess umdreht. Er verwendet den Computer, um andere zu ärgern. Ich glaube, dass jeder von uns schon mal gerne mithilfe des Superuser-Passwortes eine Datenbank plattgewalzt hätte.

Seit fünf Jahren veröffentlichen Sie Geschichten im Internet.

Bei meinem Aufenthalt als Gastwissenschaftler am International Computer Science Institute in Berkeley stiess ich auf Simon Travaglias Satiren über den "Bastard Operator from Hell", einen chaotischen Systembetreuer, der das Rechenzentrum einer Universität auf den Kopf stellt. Ich übersetzte die Geschichten ins Deutsche und stellte sie ins Internet. Höllischer Humor und High-Tech - die Mischung kam an. Allerdings erforderten Travaglias Satiren zu viel technisches Wissen. So begann ich selbst Bastard-Geschichten zu schreiben, über die man auch ohne Informatik-Diplom lachen konnte, eben der "Bastard Ass(istant) from Hell" - kurz "B.A.f.H."

Bald entstand um Herrn Leisch herum Personal - wie in einer Soap-Opera.

Ja, die Sekretärin Frau Bezelmann, die Posaune spielende Wissenschaftlerin Marianne und O., der Assistent ohne Eigenschaften, die "Reisenkostenstelle from Heaven" und der "Bastard Banker from Hell" sind Bestandteil jeder Story. Die Geschichten über den "B.A.f.H." waren in den Newsgroups, in denen ich sie veröffentlichte, ein so grosser Erfolg, dass ein Ein-Mann-Verlag es wagte, sie als Buch herauszubringen.

Sie haben noch nie Werbung für Ihre Bücher gemacht. Im Juli 1999 rasten Ihre beiden ersten Bücher trotzdem auf Platz eins und zwei der Verkaufs-Charts von amazon.de. Wie haben Sie das geschafft?

Als wir den zweiten Band rausgebracht haben, hat amazon.de für einen Tag das Buch auf seiner Homepage gefeaturet. Ein Online-Nachrichtendienst schrieb eine gute Buchbesprechung. Das reichte. Plötzlich standen meine Bücher an der Spitze der amazon.de-Charts.

Der Buchhandel im Internet funktioniert also.

Vor allem bei Büchern, die ein Publikum haben, das sich für Computer interessiert.

Als literarisches Medium scheint das Internet dagegen gescheitert zu sein. Einst haben Sie Ihre Geschichten ausschließlich ins Netz gestellt, heute veröffentlichen Sie richtige Bücher.

Wer vom Schreiben leben möchte, muss traditionelle Wege beschreiten. Ich werde aber weiterhin wöchentlich eine neue Geschichte versenden. Das ist eine gute Gelegenheit, die Leser bei der Stange zu halten.

Ihr neues Buch besteht wieder aus einer Auswahl Ihrer besten Geschichten.

Es ist allerdings der letzte Bastard-Band. Ich möchte nicht nur Uni-Satiren schreiben.

Was sonst?

Krimis. Ich werde demnächst unter Pseudonym einen Thriller veröffentlichen. Es geht um einen Spracherkennungs-Forscher, der von einem irrem Konkurrenten verfolgt wird. Mit großem Showdown in der Wüste.

Demnächst werden Ihre Bücher auch ins Englische übersetzt.

Ja. Ich würde es gerne selber machen, aber dazu fehlt mir leider die Zeit.

Ist das Internet das Medium für Nachwuchsautoren?

Warum nicht? Der Knackpunkt ist immer die Mund-zu-Mund-Werbung. Werbung im eigentlichen Sinne muss ich im Internet nicht machen. Am Anfang hoffte der Verlag hundert Bücher zu verkaufen. Heute reden wir über Zehntausende. Diese Entwicklung ist schon faszinierend.

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