Zeitung Heute : Der Mut der Minderheit

In Südosteuropa kämpfen demokratische Aktivisten und Bürgerinitiativen gegen die Altlasten

Caroline Fetscher

Selbst Donald Duck in den Heftchen am Kiosk in Zagreb oder Dubrovnik hat heute einen neuen Namen. In Kroatien heißt er Pasko Patak, in Serbien und Bosnien noch Paja Patak, derselbe Name auf den diese auch bei südosteuropäischen Kindern beliebte, universell verbreitete Disneyfigur vor den Zerfallskriegen des ehemaligen Jugoslawien hörte. Aber heute mag keiner mehr „Serbokroatisch“ sprechen oder „Serbokroate“ sein, wie zu Zeiten des alten Jugoslawien und noch bis zum Aufstieg Slobodan Milosevics, der den Nationalismus der Teilstaaten anheizte. Ex-Jugoslawiens Teile sind nun autonome Länder, in denen es oft noch ein Wagnis bedeutet, die Sprache oder den Dialekt eines Nachbarn zu sprechen, Länder, in denen umgetauft und umbenannt wird, was an früher erinnert. Neue Identitäten werden so bewusst konstruiert, ethnische Unterschiede rückblickend geschrieben. Neue Folklore wurde erfunden, alte Lieder wurden ausgegraben, nationalistische Parteien gewählt, um sich von „den Anderen“ abzugrenzen. Unter den Jugendlichen ist der Trend in die Emigration ungebrochen: „Die meisten Studenten wünschen sich nichts mehr, als nach der Ausbildung ins europäische Ausland zu gehen oder nach Amerika“, stellt der Kroate Ivo Banac fest, luzider Historiker und liberaler Politiker, der lange Jahre an der Universität Princeton lehrte. Das gilt nicht nur für Kroatien, sondern auch für Serbien und Bosnien Herzegowina.

Im bosnischen Städtchen Tuzla erfand der beliebte Bürgermeister Jasmin Imamovic, ausgebildeter Jurist, zugleich auch Schriftsteller und Politiker, eine Initiative, die diesen Trend umkehren soll. „Nova Energija BiH“ – Neue Energie für Bosnien Herzegowina, hat der asketisch wirkende, integre Sozialdemokrat sein Projekt getauft, der im Oktober 2004 mit 63 Prozent der Stimmen in sein Amt gewählt wurde. Aus aller Welt will er die im Exil lebenden jungen Akademiker, Geschäftsleute und Künstler in einem Netzwerk zusammenbringen und zur Rückkehr animieren. Hundert von ihnen, Ingenieure und Künstler, Pharmazeuten und Computertechniker, Modemacher und Juristen aus zehn Ländern lud er Anfang August 2005 nach Tuzla zu einer bisher einzigartigen Konferenz. „Jasmin Imamovic ist ein Original. Quirlig, sympathisch, offen, geistreich, humorvoll, Kettenraucher“, schildert ihn der österreichische Verleger Lojze Wieser, in dessen Verlag Imamovics Roman „Verschwunden in die Dunkelheit“ auf deutsch erscheinen soll. Er fügt hinzu: „Während des Krieges hat er als Vizebürgermeister von Tuzla mit durchgesetzt, dass es in Tuzla keine so genannte ethnische Säuberung gab – eine immense Leistung!“

Auf der „Energija“-Konferenz in Tuzla sollte ausgelotet werden, wie im Inland entstehen kann, woran man hier schon glaubt: Hoffnung, Arbeitsplätze, schöpferische Lösungen für die Gegenwart und Zukunft. Eröffnet wurde die dynamische Versammlung von Selma Prodanovic, die in Wien bei der Firma „Brains Work“ das Projekt „Kreative Industrien Österreichs“ leitet, das Stipendien an begabte junge Leute vergibt. An Leute wie den 26-jährigen Jurastudenten Muhamed Mesic in Wien, der neben dem Studium zwei Dutzend Fremdsprachen gelernt hat. „In Österreich sind kreative Wirtschaftszweige eine Wachstumsbranche“, erklärte Selma Prodanovic, „und hier in Bosnien brauchen wir dringend Professionalisierung im Management, im Marketing – und langfristige Businessstrategien.“ Viele der jungen Auslands-Bosnier klagten auf der Konferenz über die „bürokratische Mauer“, die ihnen in dem postsozialistischen Land bei der Rückkehr begegnet. „Voller Ideen und Kenntnisse kommt man wieder und kann dann wenig bewegen“, bedauert der Jungakademiker Sead Alimajstorovic, der wieder in Großbritannien lebt. Edina Husanovic, die am Londoner College of Fashion studiert, bedauerte etwa das mangelnde Interesse ihrer Landsleute an Kunst und Kultur: „Hier in Tuzla hat sich das geändert – ich wünsche mir, dass sich das aufs ganze Land ausweitet.“ Auch Jasmin Imamovic hofft „dass der Funke von Nova Energija auch auf andere Städte überspringt“. Es geht darum, sagt er, „nicht zu weinen, sondern etwas zu unternehmen.“ Unterstützt wird seine Initiative von einer norwegischen Organisation, die das BIT-Zentrum in Tuzla mitträgt: BIT steht für Business, Innovation and Technology. Imamovic hat für seine Philosophie und seine Stadt eine eigene Formel gefunden: Die „drei T-Strategie“ für Tuzla. Danach steht das T für Toleranz, Talent und Technologie. Rekorde brach der Bürgermeister beim Bau und bei der Entwicklung von Infrastruktur, Parks, Gebäuden, der Schaffung neuer Arbeitsplätze. Außerdem gründete er eine Autorenkonferenz und rief den großen Romanpreis für Südosteuropa ins Leben.

„Nova Energija BiH“ brachte nun schon Netzwerke der im Ausland lebenden Bosnier zustande, „in Skandinavien, in England, in Österreich“, erklärt Imamovic stolz, „und nächstes Jahr werden viele aus Amerika kommen.“ Realist der er ist, räumt er aber auch ein: „Die Reformen hier gehen nicht schnell genug. Der Daytoner Vertrag bescherte uns einen hybriden Staat, in dem vieles noch ethnisch-nationalistisch läuft, und wir haben es schwer, unseren multiethnischen Ansatz zu verteidigen.“

Doch Gegenbewegungen zum ethnischen Nationalismus, dem giftigen Erbe des Konflikts, gibt es auch in den Nachbarstaaten. Seit die kriegerischen Exzesse vor zehn Jahren mit dem Daytoner Abkommen endeten – und im Kosovo vor sechs Jahren mit der Uno-Resolution 1244 – fühlen sich mehr und mehr Demokraten in allen ehemaligen Teilrepubliken Jugoslawiens ermutigt, das Vergangene klar zu sehen, neue Brücken zu bauen. „Unsere Arbeit“, sagt die Theaterregisseurin und Dramatikerin Ana Miljanic, Mitte dreißig, brillant denkende und ebenso schnell sprechende Mitarbeiterin des Belgrader „Zentrums für kulturelle Dekontamination“ (CZKD), „richtet sich auch gegen den Kitsch, gegen das politische und kulturelle Spiel mit Halbwahrheiten, mit Mythen, mit Lügen.“ Mitten im Belgrader Botschaftsviertel liegt das CZKD, in einem Bau aus den zwanziger Jahren, ausgestattet mit bescheidenem Theatersaal, kleinem Café und einem halben Dutzend Büros, in denen Tag und Nacht gearbeitet wird. Hier organisierte das CZKD schon in der Ära Milosevics seinen „dekontaminierenden“ kulturellen Widerstand. Miljanic, die ein erfolgreiches Theaterstück über Hannah Arendt verfasste, hat nach dem Krieg in den USA studiert, aber sie flog über den Atlantik zurück, um in Serbien gegen die Nebel des Nationalismus anzuarbeiten. Für das zeitkritische Drama „Pornography 1, 2…4“ führte sie auf dem diesjährigen Belgrader Sommerfestival Regie.

Auch an der großen Srebrenica-Konferenz im Belgrader Sava-Centar hat die unerschrockene Miljanic mitgearbeitet. Dort trafen sich Menschenrechtler unter dem Motto „Srebenica – Jenseits aller Zweifel“. Eine couragierte Aktivistin, Natasa Kandic vom Humanitarian Law Center in Belgrad, einer Bewegung engagierter Juristen, hatte den Stein ins Rollen gebracht, flankiert von der ebenfalls unermüdlichen Aktivistin Sonja Biserko, die beim Helsinki Komitee für Serbien engagiert ist. Gemeinsam mit dem CZKD und dessen Leiterin Borka Pavicevic luden die Belgraderinnen Frauen aus Srebrenica ins Land der Feinde: Frauen, die beim Massaker der serbischen Soldateska im Sommer 1995 ihre Kinder verloren haben, ihre Brüder, Ehemänner, Väter, Großväter, Onkel, Neffen, Cousins. Seit fünfzehn Jahren hatte keine der Frauen Serbien betreten. Nun waren sie hier, um zu berichten, was ihnen im Namen „Großserbiens“ widerfahren war. Flankiert von den Zeuginnen saß Kandic auf dem Podium, gesammelt, angespannt aber ohne Angst.

In der UNO-„Schutzzone“ Srebrenica starben über 8000 Zivilisten, Jungen und Männer, allesamt bosnische Muslime, im Sommer 1995 im Kugelhagel eines von Serben organisierten Massenmords. Ziel der „ethnischen Säuberung“: Der östliche Teil Bosniens sollte „serbisiert“ werden, „gesäubert“ von Menschen anderer Religion und, so glaubten die Täter, anderer „Rasse“. Nach Belgrad ins große Kongress- und Einkaufszentrum, umgeben von einem Cordon schützender Polizeikräfte, hatten das dortige „Humanitarian Law Center“ eingeladen, gemeinsam mit sieben weiteren NGOs, wie dem „Zentrum für kulturelle Dekontamination“ unter der Leitung der unerschrockenen Borka Pavicevic. Federführend war Natasa Kandic. Sie hatte kurz zuvor jenes spektakuläre Video ans Licht gebracht, das Mitglieder der serbisch-paramilitärischen Einheit „Skorpione“ von ihrer Exekution jugendlicher Bosnier aus Srebrenica gedreht hatten. Am 1. Juni 2005 diente der grauenvolle Film als Beweisstück im Prozess gegen Slobodan Milosevic in Den Haag.

Nicht mehr zu leugnen wurde mit diesem Beweis, was Serbiens Regierungen bisher abstritten: Auch Soldaten aus Serbien selbst, nicht nur bosnische Serben, gehörten in Srebrenica zu den Todesschwadronen. Im vollen Saal 1B der Sava-Zentrums sprachen an diesem 11. Juni die Frauen aus Srebrenica über ihre Erlebnisse vor und während des Massakers. Mit dem Einverständnis der Zeuginnen führte Natasa Kandic dort Serbiens Öffentlichkeit das vollständige Skorpione-Video „Treskavica Juli 1995“ vor. Natasa Kandic, schmal und zart mit nachdenklichem Blick aus klaren Augen, fürchtet die Konsequenzen solcher Aktionen nicht. Man nennt sie „Hure“ oder „Hexe“, sie bekommt Hasspost und Bombendrohungen. Vergeblich wurde ihr Personenschutz angeboten. Kandic lehnt das ab: „Ich weiß, was ich tue“, kommentiert sie. „Sie weiß auch, dass sie auf der Abschussliste radikaler, nationalistischer Elemente in Serbien steht“, sagt eine ihrer Mitstreiterinnen, „das Risiko geht sie ein, denn ihr geht es mehr um die Wahrheit, nicht um sich selbst.“ Ohne die Wahrheit, sagen diese Aktivistinnen, gibt es keine Aussöhnung zwischen den ehemaligen Teilstaaten Ex-Jugoslawiens.

Kaum ein Name steht mehr für dieses alte Jugoslawien, als der des ehemaligen Staatschefs des blockfreien Landes, Josip Broz Tito. Svetlana Broz trägt diesen Namen, doch ohne Allüren und Stolz. In Belgrad kam sie 1955 als das jüngste Kind von Zarko Broz zur Welt, des ersten Sohnes von Josip Broz Tito und Zlata Jelinek. Die echte Tito-Enkelin Svetlana Broz, die heute in Sarajevo lebt, hat ihr eigenes Projekt zur Aussöhnung: Sie will einen „Garten der Gerechten“ anlegen, nach dem Vorbild der Gedenkstätte Yad Vashem: Für jeden, der während der „ethnischen“ Konflikte kompromisslos und selbstlos, unter Einsatz seines Lebens anderen geholfen hat – Kroaten, Serben, Bosniaken – soll dort ein Baum gepflanzt werden, der seinen Namen erhält. Broz’ Projekt eines „Svjetski park pravednika u Sarajevu“ ist seit dem 4. September 2001 offiziell registriert als Teil der Internationalen Bewegung für die Gärten der Gerechten (www.gariwo.net). „Es soll ein Monument für den freien Willen des Einzelnen werden“ wünscht sich Svetlana Broz, „des Einzelnen, der die Entscheidung treffen kann, sich gegen die Manipulation der Masse zur Wehr zu setzen, und trotz Propaganda, Kompromissdruck und Brainwashing menschlich bleibt.“

Wer die Gerechten sein können, die einen Platz im Garten verdienen, davon haben Broz und ihre Mitstreiter sehr klare Vorstellungen. Als Kardiologin kam Svetlana Broz, die in Belgrad Medizin studiert und nebenbei als Journalistin gearbeitet hatte, während des Krieges nach Sarajevo. Die junge Mutter zweier Kinder, die sich selbst keiner „Ethnie“ zurechnen wollte und will, nicht nur, weil ihre Familien aus vielen Landesteilen stammt, behandelte in der von serbischem Militär belagerten Stadt Herzpatienten, und hörte dabei deren Geschichten. „Wieder und wieder war ich überwältigt von dem, was ich da zu hören bekam“, berichtet die so ausgeglichene wie resolute Frau mit dem kurzen, blondierten Haar. Schon die Verbindung zu bosniakischen, serbischen oder kroatischen Nachbarn aufzunehmen, die bei den „eigenen Leuten“ offiziell als persona non grata galten, konnte im kriegsgerüttelten Bosnien lebensgefährlich sein. Svetlana Broz hörte von Leuten, die ihren Nachbarn heimlich und monatelang Brot, Medikamente, Zigaretten, Wasser oder Brennholz brachten, wenn die in Not waren. Geschichten, in denen Freunde und Nachbarn die Söhne oder Töchter der „Anderen“ in Sicherheit brachten, ihnen Schutz und Obdach oder Papiere besorgten – und sie hörte Hunderte solcher Geschichten. Mehr, als sie je gewagt hatte zu glauben.

So beschloss sie, 1993 und mitten im Krieg 1993, ausgerüstet mit Tonband und Notizbuch über die Dörfer zu fahren, und möglichst viele dieser Begebenheiten zu dokumentieren, so lange sie lebendig in Erinnerung waren. Als sie mehrere tausend Stunden solcher Stimmen auf ihren Tonbändern hatte, und damit begann, sie in ihrem Büro in Belgrad in ihren Computer zu tippen, um eine Buchpublikation vorzubereiten, geschah eine Katastrophe: Unbekannte brachen bei ihr ein, zerstörten den Computer und alles andere Material. Broz sah darin die Handschrift von Nationalisten, die nicht zulassen wollten, dass die Geschichten so vieler „Verräter“ öffentlich wurden. Ihrer Verzweiflung zum Trotz zog sie aufs Neue los, um weitere Berichte zu sammeln. „Dieselben Leute mochte ich nicht ein zweites Mal fragen, es wäre für sie eine zu große seelische Belastung gewesen“, sagt die Ärztin, die inzwischen viel von seelischen Traumatisierungen verstand. Also machte sie sich auf die Suche nach anderen. „Verblüffend war es: Ich fand immer mehr und noch mehr Leute mit solchen Erlebnissen von Zivilcourage und Subversion!“ Unter dem naiv anmutenden Titel „Dobri ljudi u vremenu zla“ – Gute Menschen in schlechten Zeiten – gab sie das Buch 1999 in Sarajevo heraus. Im vergangenen Jahre ist es auf Englisch erschienen (www.goodpeopleeviltime.com), einen deutschen Verlag wünscht sich Broz bis heute vergebens. „Gerade in Deutschland wären solche Berichte so wichtig. Leider findet man eher mit Gräuelgeschichten einen Verleger, als mit solchen über gute Samariter“, gibt Broz ohne Illusion zu Protokoll. „Wir können von standhaften Leuten mit Zivilcourage mehr lernen, als von den Verbrechern.“ Ihr Rat gilt auch den Medien und deren Haltung zu Konflikten. „Es ist ja vollkommen richtig“, sagt sie „über Grauenhaftes und Untaten zu berichten. Aber fragt doch auch die Überlebenden, wie sie heil herausgekommen sind. Es gibt Opposition, es gibt gegenseitige Hilfe: Wenn die Welt das nicht erfährt, dann erfahren es auch die Konfliktparteien nicht, die einander oft nur noch über die Medien wahrnehmen. Und all das ist auch Teil der Geschichte.“ Sie lächelt und fügt hinzu: „glücklicherweise“.

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