Zeitung Heute : Der Mut der Nobodys

Der Tagesspiegel

Von Moritz Kleine-Brockhoff, Jakarta

Staatsanwalt Ketut Murtika ist nervös. Wenn er beim Sprechen den Kopf hebt, schaut er nicht zur Richterin, sondern zu den 60 Journalisten, die das Osttimor-Tribunal verfolgen. Die Mappe mit der Anklageschrift wackelt, seine Hände zittern. Beim Verfassen konnte kein Präzedenzfall helfen, erst 2000 wurde ein Gesetz verabschiedet, das in Indonesien Tribunale für Menschenrechtsverletzungen ermöglicht. „Der Angeklagte Abilio Soares ist schuldig, weil er keine Maßnahmen ergriffen hat, die Verbrechen seiner Untergeordneten zu stoppen“, sagt der Staatsanwalt. Soares war von 1994 bis 1999 Gouverneur von Osttimor, damals hatte Indonesien die Inselhälfte noch besetzt. Nachdem die Osttimoresen 1999 ihre Unabhängigkeit gewählt hatten, töteten die Besatzer 1000 Menschen und vertrieben 600 000.

Als Murtika die Massaker aufzählt, schaut Ex-Gouverneur Soares auf den Boden. Es geht um Kirchen, in denen Flüchtlinge erschlagen wurden und um Überfälle auf die Häuser eines Unabhängigkeitsaktivisten und des Friedensnobelpreisträgers Bischof Carlos Ximenes Belo. Minutenlang liest der Staatsanwalt die Namen der Menschen, die dabei getötet wurden. Dann eine Pause. Außer dem Klackern des Ventilators ist es still.

Auf der Zuschauerbank hustet ein Mann. Eurico Guterres hat die Arme vor der Brust verschränkt. Er war 1999 in Osttimor Chef der Aitarak-Miliz. Bald muss auch Guterres auf dem Anklagestuhl Platz nehmen. Nach und nach werden Verfahren gegen 18 Männer beginnen, auch drei Generäle der indonesischen Armee werden sich verantworten müssen. Guterres glaubt, dass niemand hätte angeklagt werden dürfen: „Das Gericht ist eine Farce. Das Spektakel ist Indonesien aufgezwungen worden von der internationalen Staatengemeinschaft.“ Guterres meint damit die USA, die 1999 ein Waffen-Embargo gegen das indonesische Militär verhängt haben. Es soll erst aufgehoben werden, wenn die Täter zur Rechenschaft gezogen wurden.

Als der Staatsanwalt fertig ist, fragt die Richterin den Ex-Gouverneur: „Haben Sie die Anklage verstanden?“ „Nein“, sagt Soares. Einer seiner zehn Anwälte spricht. Juan Felix Tampubolon, der teuerste des Landes, sagt, dass er nicht auf die Anklage erwidern könne, weil die Gesetze Indonesiens widersprüchlich seien. Das Parlament solle sie überprüfen. Die Richterin vertagt die Verhandlung auf die kommende Woche.

Innerhalb weniger Monate hat Indonesien das Tribunal aus dem Boden gestampft. Die auf die Schnelle eingesetzten Staatsanwälte sind Nobodys, die meisten Richter sind Unidozenten, die einen Crashkurs in Menschenrechten bekamen. Der 63-jährige Amiruddin Aburaera etwa hält sonst Juravorlesungen, Richter war er zuvor nie. Er ist mutig, im vergangenen Jahr wurde in Jakarta ein Richter erschossen, weil er ein Bestechungsangebot ablehnte. „Mich hat man noch nicht versucht zu bestechen“, sagt Aburaera. Er hat neun Kinder und verdient 300 Euro im Monat.

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