Zeitung Heute : Der Nachbar des Königs

Henrik Ibsens letzte Wohnung – heute Museum – zeugt von später Anerkennung in Norwegen

Rolf Brockschmidt

Die Nachbarschaft ist exquisit. Denn gegenüber dem Wohnhaus von Henrik Ibsen befindet sich der Schlosspark. In diesem Eckhaus an der Abinggata/Henrik Ibsens gate, die im vergangenen Jahr zum 100. Todestag des Dichters ihren Namen erhielt, wohnte Ibsen von 1885 bis 1906. Und er, der zu seinem Heimatland Norwegen ein schwieriges Verhältnis hatte, schaute täglich aus dem Fenster in Richtung Schloss und konnte sehen, ob der König anwesend war.

Der Jahrestag wurde auch zum Anlass genommen, das Ibsen-Museum umzugestalten. Dem Publikum wird nun zum einen eine große Ausstellung geboten, die sich mit Ibsens Leben und Dichtung beschäftigt und zum anderen die originalgetreu restaurierte Wohnung samt Mobiliar des Dramatikers. Besonders beeindruckend ist das prächtige Arbeitszimmer. An den zwei Schreibtischen, die sofort ins Auge fallen, hat Ibsen seine beiden letzten Stücke geschrieben.

Ibsen entstammte einer der vornehmsten und ältesten Familien Norwegens. Im Alter von acht Jahren zog sich seine Familie aufs Land zurück, nachdem der Vater, ein wohlhabender Kaufmann, Bankrott anmelden musste. Isoliert von der Stadtgesellschaft wuchs Ibsen auf. Schon früh beschäftigte er sich sehr ausgiebig mit altnordischer Geschichte und Volkskunde. Für ein norwegisches Nationaltheater, um dessen Aufbau er sich bemühte, schrieb er jedes Jahr ein Stück. Obwohl er die ersten großen Erfolge hatte, kehrte er 1864 seiner norwegischen Heimat, in der er eigentlich tief verwurzelt war, den Rücken, denn er fühlte sich verkannt und angefeindet. 27 Jahre verbrachte er in Italien und in Deutschland im freiwilligen Exil, bevor er 1871 in seine Heimat zurückkehrte, und zwar als Theaterdirektor an seine alte Wirkungsstätte. 27 Orden aus aller Welt zeugen von der weltweiten Anerkennung, die er inzwischen genoss. Er blieb trotz allem ein scheuer Mann, der die Gesellschaft mied.

Doch seine Wohnung spiegelt seinen Ruhm wider: 350 Quadratmeter zu dem damals enormen Mietpreis von 2500 Kronen jährlich. Die Ausstattung ist eine Mischung aus Luxus und Kargheit. Sein Lieblingswohnzimmer war das Eckzimmer, das Fenster zu beiden Straßen hatte. Offizielle Besucher wurden im blauen Salon empfangen, einem Raum von geradezu aristokratischer Pracht, in dem mit vergoldeten Möbeln und Spiegeln fast ein höfischer Stil gepflegt wurde. Auch ein Bechstein-Piano gehört zur Einrichtung, obwohl weder Henrik noch seine Frau Suzannah Piano spielen konnten.

Geradezu spartanisch mutet das holzgetäfelte Esszimmer mit nur vier Stühlen an. Die Familie speiste meist allein. Auch die sich anschließende Bibliothek ist mit relativ wenigen Büchern ausgestattet. Sie wurden vor allem von seiner Frau genutzt, die ihm gerne vorlas. Dafür war das Badezimmer mit einer holzvertäfelten Badewanne wiederum der letzte Schrei. Denn Ibsen liebte es, zwei Mal am Tag ein Bad zu nehmen.

Gleich neben der Wohnung ist die Ausstellung zu sehen. Sie kann man auch separat über eine Wendeltreppe betreten. Die Atmosphäre lässt an einen Bühneneingang denken: Theaterplakate zieren die Wände und oben betritt man durch einen Vorhang die Räume mit rotem Boden, in den viele Karikaturen unter Glas eingelassen sind. Ibsens Lebensstationen werden beschrieben, man sieht seine Reisetasche, seinen berühmten Mantel nebst Zylinder, aber auch einen Schlüssel, den ihm der König 1902 persönlich überreichte, damit der schon erkrankte Dr. Ibsen – auf diesen Ehrentitel legte er höchsten Wert – im abgeschlossenen königlichen Park gegenüber spazieren gehen konnte. Das war ein nicht zu unterschätzendes Privileg.

Ibsen galt als ein Mann strikter Regeln. So begann er seine Arbeit um 9 Uhr und beendete sie Punkt 11 Uhr 30 – zur Not mitten im Satz, um ins Grand Café zu gehen. Dort erwartete ihn sein „persönlicher“ Kellner. „Man hat nach Dr. Ibsen die Uhr gestellt“, erzählt der Manager heute über den berühmtesten Gast des Hauses und fügt bedauernd hinzu: „Er hat niemals hier gespeist, sondern lediglich ein Spatenbräu getrunken, das für ihn extra aus München kam.“ Um 17 Uhr besuchte Ibsen das Café wieder und studierte die internationalen Zeitungen. Auch diese wurden eigens für ihn importiert. „Es war seine Methode, um am Fenster, geschützt vor der Welt, mit der Welt Kontakt zu halten“, sagt der Manager. Ibsen war wohl Oslos erste Touristenattraktion. Die Leute schauten mittags durch die Scheibe, um den berühmten Gast zu sehen. Ein kleiner Tisch mit Zylinder, gravierter Namensplakette und Zeitungen erinnert an ihn. Heute kann man hier – vielleicht nach dem Museumsbesuch – diverse „Ibsen-Menus“ zu sich nehmen.

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