Zeitung Heute : Der nackte Erfolg

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Deutsch-deutsche Eiszeit:Es ist die alte Ost-West-Geschichte. Anni Friesinger (Inzell) gegen Claudia Pechstein (Berlin-Marzahn). Und natürlich hat wieder einmal der Westen triumphiert. Aber das Glamour-Girl aus Bayern hat nicht nur auf Schlittschuhen gewonnen. Von Martin Hägele

und Bernd Matthies

Die Dramaturgie: perfekt. Siege im olympischen Aufgalopp, Favoritenstatus, gepflegte Nacktfotos. Dann zwei Niederlagen, keine Medaille, Zoff im Zicken-Apartment. Die Krise! Und dann der erste Höhepunkt im olympischen Jahr der Anni Friesinger:Gold mit Weltrekord. Fast schon der Spannungsgipfel, auch wenn sie gegen ihre ewige Rivalin Claudia Pechstein am Sonnabend noch das finale 5000-Meter-Duell zu bestehen hat.

Doch es kann, wie man im modernen Hollywood-Marketing-Deutsch wohl sagen würde, nur eine geben, und das wird, daran ist nach nach dem glanzvollen Sieg am Mittwoch kein Zweifel mehr erlaubt, Anni Friesinger sein. Denn niemand liebt ewige Sieger oder ewige Verlierer.Es kommt vielmehr auf den Spannungsbogen an, das Boris-Beckerhafte im Sportler, Himmel und Hölle, verwirrte Gefühle und verworrene Reden, emotionale Zentnerlasten, die unter den Augen vieler Millionen Fernsehzuschauer zu Boden donnern. Bei Anni Friesinger war offenbar noch mehr überschüssige Energie im Spiel. „Ja, mir ist ein Stein vom Herzen gefallen“, sagte sie im Fernsehen, „und der ist explodiert.“ Tränen über Tränen.

Das sind die großen Sachen, aus denen sich Quoten und Werbeverträge nach Belieben machen lassen, nicht so langweilig wie die ganz normalen Gefühle der Rivalinnen, die allenfalls emotionale Mittelgebirgshügel erklimmen wie die Erfurterin Sabine Völker:Sie sei stolz darauf, wenn sie für ihr Heimatland Thüringen gewinnen kann. Claudia Pechstein, die Dritte im Trio, diejenige, die stets so computerhaft ihre Runden zieht, hat nicht einmal diesen Zufluchtsort. Sie mag ihre Siege, wenn sie will, dem Bezirk Marzahn-Hohenschönhausen widmen, aber wer könnte damit schon etwas anfangen?

Es ist, natürlich, wieder einmal die alte Ost-West-Sache. Das Glamour-Girl (West) mit eigener Homepage, auf der die Fans Autogrammkarten bestellen können, Anni mit nackten Schultern in Startposition, Anni frontal mit Tattoo und gepierctem Bauchnabel, ein Popstar im Wartestand. Auf der Ost-Seite die schüchternen, schweigsamen Nur-Sportler aus den Leistungszentren Berlin und Erfurt, die außerhalb der Eisbahn kaum zu existieren scheinen und deren Lebensziele die Gründung einer Familie und die Wiederaufnahme des Studiums der Ingenieurökonomie sind. Claudia Pechstein hat 25 Jahre lang im Sportforum Hohenschönhausen trainiert, und es scheint, als habe die reale Tristesse dieser spätsozialistischen Kufenschmiede auf ihr Seelenleben abgefärbt. Klischees, gewiss – doch die Schlagzeilen der Boulevardpresse erheben sie wieder einmal zur unumstößlichen Wahrheit.

Anni Friesinger hat ein riskantes Spiel mit sich spielen lassen, ein Spiel nach den Regeln der Marktwirtschaft und der Massenmedien. Dafür muss man geeignet sein, hübsch aussehen, fix reden können und es ertragen, dass man fortan von den anderen Sportlern geschnitten wird. Anni Friesinger ging das Risiko ein, und als sie vor der in solchen Situationen neuerdings unausweichlichen Entscheidung stand, sich nackt fotografieren zu lassen, da spielte sie mit, posierend im Stil einer griechischen Viertelgöttin mit gestemmtem Schlittschuh und Lichteffekt, die Nase im Profil keck vorgereckt. Dazu noch ein paar markante Sätze wie „es gibt nichts Knackigeres als einen Eisschnelllauf-Hintern“, und fortan waren da nur noch zwei Möglichkeiten:den Absturz zum Eis-Luder, schlimmer:zur „Eis-Naddel“, oder den Aufstieg zur schönen Olympiasiegerin.

Sie hat nun, Schicksal einer Großen, gleich beides erlebt, eine Berg- und Talfahrt der Gefühle, wie sie selbst im Olympiazirkus selten ist. Und erst jetzt, mit Gold um den Hals, kann sie es sich leisten, vorsichtig auf Distanz zu gehen zu dem Pressezirkus, der sie nach oben befö rdert hat, keine Fragen mehr zu beantworten nach dem zwei Nummern zu kleinen Ballkleid, das sie zur Proklamation der deutschen Sportler des Jahres getragen hat, nichts mehr zu sagen zu dem „Zicken-Zoff“ im Olympischen Dorf:„Hört mir auf mit diesem Scheiß.“Jeder Fernsehzuschauer konnte sehen, dass sich die Rivalinnen keineswegs persönlich näher gerückt waren am Abend des großen Rennens, es gab nichts außer einer distanzierten Umarmung mit Sabine Völker auf dem Siegertreppchen, Claudia Pechstein hielt noch größeren Abstand. Wie es sich gehört, können die Fans nun weltweit Kontakt halten mit der Olympiasiegerin. Das Magazin „Max“, das bereits die heiklen Fotos um die Welt schicken und den Ruf des Busen-Luders begründen half, leistet logistische Unterstützung, solange die Zeit zum Füllen der eigenen Homepage fehlt. Der Einfachheit halber gleich per e-mail fortgeschickt, irgendwann nachts zwischen Party und Schlaf : „Den heutigen goldigen Abend habe ich wahnsinnig genossen. Es hat mich auch unheimlich gefreut, wie meine Freundinnen und Freunde hier mit mir gefiebert haben. Nun gehe ich aber schlafen. Ich muss schließlich am Samstag fit sein für die 5000 Meter. Da will ich noch einmal persönlichen Rekord laufen. Das Eis ist hier so geil schnell, vielleicht ist eine Zeit unter sieben Minuten drin. Gute Nacht, liebe Grüße nach Deutschland, viel Spaß bei der Arbeit und: Liebe Max–Leser, Danke fürs Daumendrücken.“

Nun wüssten die Leser sicher gern mehr über das Privatleben der „Eiseiligen“(Max), doch darüber schweigt die Website diskret, obwohl sich eine Aktualisierung anböte. Ihr Trainer Markus Eicher hat es kürzlich vor der Presse überdeutlich angedeutet:„Entspannen, entspannen, entspannen, habe ich zu ihr gesagt. Und wenn du Entspannung bei ihm finden kannst, dann geh zu dem belgischen Eisläufer.“ Der belgische Eisläufer, so scheint es, ist ein Holländer, und zwar Bart Veldkamp, der 10000-Meter-Olympiasieger von Albertville, der vor den ewigen Ausscheidungsstreitereien in seinem Team nach Belgien ausgewichen war und der am Mittwoch im Innenraum des Olympic Oval von Salt Lake City zu sehen war, obwohl er dort nichts zu schaffen hatte. Seine Neigung zu den flinken Kolleginnen ist bekannt, denn er war eine Weilemit der holländischen Weltklasseläuferin Marianne Thomas liiert; Anni Friesinger wiederum war lange zusammen mit dem Holländer Ids Postma, dem sie auch ihre guten Holländisch-Kenntnisse verdankt. Über die Trennungsgründe schweigt sie sich aber aus. So darf nach Belieben spekuliert werden, ob die Fotos dabei eine Rolle gespielt haben oder nicht. Veldkamp, der mögliche Neue, hat vor den Spielen die goldene Regel verkündet, er brauche vor großen Wettbewerben „bloß keinen Stress mit Frauen“.

Das ändert sich vermutlich Sonnabend, wenn Anni Friesingers letztes, das 5000-Meter-Rennen, gelaufen ist. Attackieren will sie, das hat sie versprochen, „aber auf rein sportlichem Gebiet“. Das Genaddel und Geluder will sie hinter sich lassen, nicht mehr drüber reden mit der Souveränität einer Olympiasiegerin. Danach wird es um viel Geld gehen, um Sponsoren und Werbepartner, Fernsehauftritte und Autogrammstunden, um Verträge mit den Großen, Umsatzträchtigen, die ohnehin gute Erfahrungen mit Wintersportlerinnen gemacht haben.

Und wenn der Erfolg der Max-Veröffentlichungen nicht völlig täuscht, dann werden sie auch dort ihren glamourösen Auflagenbringer nicht einfach wieder ziehen lassen. Den einen oder anderen Wettkampf wird Anni Friesinger zwischendurch aber noch gewinnen müssen. Notfalls eben gegen Claudia Pechstein.

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