Zeitung Heute : Der nächste Feind

Ruth Ciesinger

In Japans Gewässern ist ein unbekanntes U-Boot gesichtet worden, dann aber verschwunden. Was wäre an politischen Folgen zu erwarten, wenn sich bestätigen sollte, dass es ein chinesisches U-Boot war?

Das U-Boot vor der Insel Okinawa ist zu schnell wieder abgetaucht, als dass man es mit Sicherheit sagen könnte. Doch aus Japans Verteidigungsministerium drang die Nachricht, es sei ein chinesisches Atom-U-Boot gewesen. Das wäre von Peking eine gezielte Provokation – und ziemlich kontraproduktiv. Beide Staaten würden es zwar nicht zu einer militärischen Eskalation kommen lassen. Doch Japan hätte einen Grund mehr, sich politisch stärker den USA anzunähern. Und Peking und Tokio sind zwar die beiden großen Rivalen im ostasiatischen Raum, aber gleichzeitig auf Kooperation miteinander angewiesen.

Das betrifft vor allem die Wirtschaftsbeziehungen. Während die Chinesen einen ihrer größten Absatzmärkte in Japan haben und darüber hinaus Entwicklungshilfe von Tokio bekommen (was Peking gern verschweigt), produzieren japanische Firmen zu kostengünstigen Bedingungen auf dem chinesischen Festland. Auf politischer Ebene bereiten nukleare Krisenszenarien wie das mit Nordkorea beiden Staaten Kopfschmerzen, und dieser Konflikt kann, wenn überhaupt, nur zusammen gelöst werden. Doch die gemeinsamen Interessen haben bisher nicht gereicht, das politische Verhältnis von Peking und Tokio zu stabilisieren.

Zwar pflegt man seit Anfang der 70er Jahre offiziell diplomatische Beziehungen. Aber China hat die japanische Okkupation aus dem Zweiten Weltkrieg nicht vergessen, und Japan fürchtet um seine Vormachtstellung in der Region. Zu den Problemen aus der Vergangenheit gesellt sich der Wettbewerb um natürliche Rohstoffe. Was das U-Boot betrifft, vermutet deshalb der Asienexperte Hanns Günther Hilpert von der Stiftung Wissenschaft und Politik, könnte dies mit dem seit Jahren schwelenden Streit um die Inselgruppe Senkaku zusammenhängen. Auf den Inseln, die einst zu China und nun zu Japan gehören, werden Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas vermutet. Sowohl Peking als auch Tokio und Taipeh beanspruchen für sich die Förderrechte.

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