Zeitung Heute : Der nächste Klick

Gesucht und gefunden – was Google mit dem Videoportal Youtube vorhat

Kurt Sagatz

Google übernimmt für 1,3 Milliarden Euro das erfolgreiche Videoportal Youtube. Wie mächtig wird Google mit dem Zusammenschluss?


Wer im Internet gefunden werden will, hat sich daran zu orientieren, wie Google das Netz durchsucht. Mit der Übernahme von Youtube, einem der bekanntesten Vertreter des neuen interaktiven Standards „Web 2.0“, sorgt die Suchmaschine nun dafür, dass dieser Einfluss auch in Zukunft erhalten bleibt.

Die Erfolgsgeschichte der Community mit den kostenlosen Videofilmchen ist durchaus mit der von Google vergleichbar. Das Unternehmen aus dem Silicon Valley, das Google nun für umgerechnet 1,3 Milliarden Euro gekauft hat, schaffte es in weniger als zwei Jahren an die 14. Stelle der am meisten besuchten Internetseiten weltweit. Rund 70 Millionen Besucher zählt die Video-Gemeinde im Monat, wobei jeden Tag rund 70 000 neue Videos die Gäste bei Laune halten. Größtenteils handelt es sich um Mitschnitte aus dem Fernsehen. Zum Beispiel wird gezeigt, wie sich US-Vizepräsident Dick Cheney in „Meet the Press“ über Bob Woodwards Enthüllungsbuch ärgert. Aber auch viele selbst gemachte Videos im Stil der Internet-Tagebücher werden nach der Youtube-Devise „Broadcast Yourself – Sende selbst“ ins Netz gestellt. Damit wird der Internetnutzer selbst zum Programmdirektor, der darüber entscheidet, was er wann und wo sehen möchte. Und Google ist nun Intendant dieser neuen Sendeanstalt.

Wer über Macht redet, gelangt bei Youtube schnell zu den Politikervideos. Einerseits stellen amerikanische Volksvertreter ihre Wahlwerbespots inzwischen selbst über die Videoportale zur Verfügung. Andererseits nutzen sie das Internet als Rapid-Response-Medium, mit dem in kürzester Zeit auf den politischen Gegner reagiert werden kann. Jede blamable Rede des Konkurrenten findet sich so Minuten später im Internet.

Allerdings gelingen nicht alle Versuche, das Internet für die eigenen Zwecke einzusetzen. Das musste unlängst der hessische Landesverband der NPD feststellen. Weil sich die Partei in den deutschen Medien nicht richtig dargestellt sah, hatte sie ihre eigene Nachrichtensendung produziert und über Youtube ins Netz gestellt. Jedoch ohne großen Erfolg: Nach massiven Protesten der Youtube-Nutzer wurde die von den Rechtsextremisten erstellte Sendung wieder vom Server genommen. Macht ist im Internet eben ein äußerst relativer Begriff, denn zu fast jedem Thema ist die Konkurrenz immer nur einen Mausklick entfernt.

Aber auch die Bedeutung der Inhalte verändert sich ständig. Das mussten die TV-Sender MTV und Viva erfahren, die bei der Vermarktung von Musikvideos inzwischen vom Internet abgelöst wurden. Musik- und Filmfirmen werfen Youtube dabei eine Verletzung von Urheberrechten vor, weil auf dem Portal auch von Nutzern eingestellte Videoraubkopien abgerufen werden können. Parallel zur Übernahme durch Google hat sich Youtube am Montag den Zugriff auf Clips der Musikkonzerne Sony BMG und Universal Music gesichert und mit dem US-Fernsehkonzern CBS eine Vereinbarung unterzeichnet. Viele der Urheberrechtsprobleme, die als Damoklesschwert über der Videocommunity schwebten, sind damit erst einmal gelöst. Branchenexperten warnten allerdings auch, Medienfirmen könnten die Übernahme durch Google als Einladung für Klagen betrachten.

Einen Zweck hat der Deal, der über die Neuausgabe von Google-Aktien finanziert wird, bereits jetzt erfüllt: Er sorgt dafür, dass Google die Fantasie der Börsianer weiter beflügelt. Mit kostenlosen Diensten wie Google Earth oder dem regionalen Suchangebot Google Maps ist das den Strategen um die beiden Gründer Larry Page und Sergey Brin bisher gut gelungen.

Für Google ist dabei weniger entscheidend, ob sich der Kauf von Youtube kurzfristig rentiert. Es geht darum, sich eine Option auf die Zukunftsmärkte des Internets zu sichern. Eine Möglichkeit läge im Werbegeschäft: Beide Webseiten könnten verbunden werden. Wer beispielsweise nach Reiseangeboten bei Google sucht, könnte direkt auf Werbevideos bei Youtube verwiesen werden. Insgesamt würde dadurch die Macht von Google nicht wirklich größer, die Freiheit der Internetnutzer ist nicht bedroht. Schließlich profitieren sie ebenfalls davon, wenn Google durch den Zukauf von Youtube bereit für die Zukunft ist. Denn das Unternehmen sorgt vor, dass sich bei veränderten Märkten das wirtschaftliche Potenzial nicht verkleinert.

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