Zeitung Heute : Der nächste Putin

Der Ex-Agent Sergej Iwanow wird als künftiger Präsident gehandelt. Wohin steuert Russlands Führung?

Elke Windisch[Moskau]

Russland sucht noch immer nach dem tieferen Sinn der personellen Umbesetzungen, mit denen Wladimir Putin am Donnerstagabend überraschte: Sergej Iwanow wurde von seiner Funktion als Verteidigungsminister entbunden und zum Ersten Vizepremier ernannt. „Einfacher“ Vizepremier ist Iwanow, Jahrgang 1954 und wie Putin in St. Petersburg geboren, bereits seit November 2005. Viele sehen darin eine Aufwertung Iwanows. Russische Medien sind da vorsichtiger: Putin, so der Tenor, habe mit Iwanows Erhöhung die Kronprinzen lediglich im Range gleichgestellt. Neben Iwanow wird vor allem Dmitrij Medwedjew als möglicher Erbe gehandelt, den Putin schon November 2005 zum Ersten Vizepremier machte.

Beide, schreibt die „Iswestija“, seien jetzt chancengleich beim Rennen um den Kreml. Am 2. März 2008, wenn Putin nicht mehr kandidieren darf, würde es in Russland absolut freie Wahlen geben. Zur Auswahl stünden allerdings nur zwei Kandidaten des Kremls, die jetzt ihre Qualifikation für das höchste Staatsamt öffentlich unter Beweis stellen sollen.

Putin selbst will sich erst in der heißen Phase des Wahlkampfs festlegen, welchen der beiden er unterstützt. Um ihnen gleiche Startbedingungen zu ermöglichen, meint die Wirtschaftszeitung „Kommersant“, werde der Kreml ihnen auch gleiche Medienpräsenz zuschanzen. Medwedjew, 42, konnte sich als Koordinator nationaler Programme für Bildung und Gesundheit bereits als sozialer Wohltäter profilieren. Iwanow, der bisher für die Koordinierung der Rüstungsindustrie zuständig war, soll künftig vor allem in der Wirtschaftspolitik Punkte sammeln.

Punkte hat Iwanow in der Tat bitter nötig. Zwar steht er als Ex-Kundschafter bei Putin, der inzwischen fast alle Schlüsselpositionen mit Ex-Tschekisten (Geheimdienstleuten) besetzt hat, in höherer Gunst als sein eher liberaler Rivale Medwedjew. Anders als dieser steht Iwanow auch vorbehaltlos hinter dem autoritären Staatsmodell Putins und teilt dessen Visionen von einer Rückkehr Russlands zur außenpolitischen Größe der Sowjetunion. Die russische Öffentlichkeit allerdings macht Iwanow vor allem für die zahlreichen Skandale in der Armee verantwortlich – vor allem für die Misshandlungen von Rekruten, die häufig tödlich enden.

Hinzu kommt, dass Iwanow nach außen hin mit seinem streng gescheitelten, blonden Haar wie ein Apparatschik ohne jegliche Ausstrahlung wirkt. Im privaten Gespräch entpuppt sich der gelernte Übersetzer aber als durchaus witzig und bemüht, seine Zuhörer zu fesseln. Vor allem westliche Gesprächspartner sind von seinem fließenden Englisch angetan, das noch aus seiner Zeit als Agent in Großbritannien stammt. 1983 wurde er wegen einer Spionageaffäre ausgewiesen – ein Umstand, der ihm als möglicher Präsident nicht gerade dienlich sein dürfte.

Auch die meisten Politologen sind der Meinung, für eine Entscheidung über die Nachfolge Putins sei es momentan noch zu früh, die Kandidatenliste daher noch nicht komplett. In der Tat: Hoffnungen auf den Chefsessel darf sich auch ein Mann machen, dessen Beförderung zum Vizepremier am Donnerstag im Ausland fast komplett unter den Tisch fiel: Sergej Naryschkin. Der 52-Jährige, bisher Chef des Apparats der Regierung, soll künftig auch für Außenwirtschaft zuständig sein.

Naryschkin, den Putin als Vizebürgermeister in St. Petersburg kennenlernte, gilt als rechte Hand von Premier Michail Fradkow und als dessen potenzieller Nachfolger. Da der Regierungschef die Nummer zwei der Hierarchie ist, gilt das Amt als Optionsschein für den Einzug in den Kreml.

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