Zeitung Heute : Der nächste Schritt: ein explizites Inflationsziel

Der Präsident der US-Notenbank Philadelphia plädiert für ein höheres Maß an geldpolitischer Offenheit

Anthony Santomero

Tag für Tag treffen Menschen reihenweise wirtschaftliche Entscheidungen. Auch wenn uns das nicht immer so bewusst ist – all diese Entscheidungen sind unmittelbar an unsere Zukunftserwartungen geknüpft. Als Individuen entscheiden wir über den Anteil, den wir vom Einkommen sparen, basierend auf unseren Erwartungen hinsichtlich unserer weiteren Karriere, der Rendite unseres Aktienpakets, und der Dauer unseres Rentnerdaseins. Als Geschäftsleute entscheiden wir über die Erweiterung unseres Unternehmens basierend auf Erwartungen hinsichtlich der weiteren Nachfrage, der künftigen Unternehmenskosten und finanziellen Rahmenbedingungen.

Im Laufe der Zeit haben Wirtschaftspolitiker der Bedeutung von Zukunftserwartungen mehr Aufmerksamkeit geschenkt und genauer analysiert, wie Erwartungen ökonomisches Handeln und damit auch wirtschaftspolitische Entscheidungen beeinflussen. Die Einführung einer permanenten Einkommensteuersenkung kann zum Beispiel dazu führen, die Erwartungen an das verfügbare Einkommen zu steigern. Das führt zu einer stärkeren Ausgabensteigerung als temporäre Steuersenkungen. Andererseits wird eine kurzfristige Steuervergünstigung mehr Wirkung zeigen, um Ausgaben für Fabriken und Produktionsmittel zu beleben, denn Unternehmen wissen, dass sie schnell sein müssen, um diese Gelegenheit nicht ungenutzt verstreichen zu lassen.

Was die Geld- und Währungspolitik betrifft, zielt die US-Notenbank (Federal Reserve, Fed) auf die Schaffung von geldpolitischen Rahmenbedingungen ab, die ein maximales, nachhaltiges Wirtschaftswachstum fördern. In dieser Hinsicht ist eine stabile Preispolitik unerlässlich. Das bedeutet, nicht nur kurzfristig die Inflation gering zu halten, sondern auch die allgemeine Erwartung einer langfristig niedrigen Inflationsrate zu sichern. Schließlich beeinflussen Erwartungen über das künftige Inflationsniveau heutige Entscheidungen von Verbrauchern und Investoren. Fundierte Zukunftsaussichten ermöglichen rationale Entscheidungen und eine größere Zuversicht bei Entscheidungen. Außerdem kann dadurch die Geldpolitik effizienter auf kurzfristige Wirtschaftsstörungen reagieren. Letztendlich führt all das zu einem stärkeren und stabileren Wirtschaftswachstum.

Die Bedeutung niedriger und stabiler Inflationserwartungen ist der Fed (wie anderen Notenbanken auch) erst durch bittere Erfahrungen richtig bewusst geworden. In den frühen siebziger Jahren nahm die Inflation zu, und die Fed versäumte es, ihre Rolle als oberste Hüterin der Preisstabilität zu spielen. Die öffentlichen Inflationserwartungen wurden instabil. Inflation und Inflationserwartungen trieben sich gegenseitig in die Höhe. Die Wirtschaftskraft ließ nach. Die Fed sorgte sich um die kurzfristige Schwächeperiode, versäumte es jedoch, grundsätzliche politische Weichen zu stellen, um solche destruktiven Zyklen zu unterbinden und langfristig dauerhaftes Wachstum wiederherzustellen. Erst 1979 ging die Fed zu einer Geldpolitik über, die restriktiv genug war, um die Inflation wieder unter Kontrolle zu bringen – und zwar auf Kosten einer lang anhaltenden Rezession.

Während der gesamten 80er und 90er Jahre hat die US-Notenbank beständig sowohl die Inflation als auch die Inflationserwartungen in den Vereinigten Staaten reduziert und damit erfolgreich ein stabiles Preisklima geschaffen. Mit dieser Preisstabilität kamen auch zwanzig Jahre Stabilität insgesamt, wie sie noch nie dagewesen war, sowie starkes Wachstum in Geschäftstätigkeit.

Zu Beginn dieses Jahrzehnts wurde die amerikanische Wirtschaft durch eine Reihe schwerer Schocks erschüttert und glitt in die Rezession ab. Aber auf Grund niedriger Inflation und solide verankerter niedriger Inflationserwartungen hatte die Fed den Spielraum für eine aggressive Reaktionen und senkte den Leitzins auf das niedrigste Niveau seit 41 Jahren, nur ein Prozent. Die privaten Haushalte nutzten die niedrigen Zinsen und kauften wie nie zuvor Häuser und langlebige Konsumgüter. Das hat die Rezession in der Breite wie in der Tiefe gemildert und seitdem ein positives Wachstum ermöglicht; Unternehmen bekamen auf diese Weise Zeit für eine Erholung und Anreize zu neuen Investitionen.

Ich betrachte die Bereitschaft der Verbraucher während der jüngsten Flaute als Beleg dafür, dass sie sowohl das zwischenzeitliche Schwächeln der Wirtschaft als auch die Fed-Politik lediglich als zeitweilige Abweichungen vom langfristigen Trend nachhaltigen Wachstums und einer Geldpolitik der Preisstabilität bewertet haben. All das beweist, dass die Schaffung eines stabilen Preisklimas die antizyklische Politik einer Notenbank stärkt.

Jetzt, da die US-Wirtschaft den Weg von Rezession über Erholung zu solidem Wachstum gegangen ist, bewegt sich die Fed weg von einer Haltung des fördernden Eingriffs zu einer angemessenen Neutralität. Dadurch erkennt die Notenbank an, wie wertvoll eine Angleichung der Markt-Erwartungen hinsichtlich der künftigen Geldpolitik an die eigenen Erwartungen ist.

Während Tempo und Struktur der Notenbank-Eingriffe den Anforderungen der jeweils aktuellen Situation gehorchen müssen, ist es doch das Ziel der Fed, möglichst Überraschungs-Aktionen zu meiden, die die Erwartungen der Öffentlichkeit verunsichern. Zum Beispiel ist die Fed so transparent wie möglich über ihre Entscheidungsprozesse. Dementsprechend sind Informationen über die Ziele der Notenbankpolitik, deren Einschätzung der jeweiligen Wirtschaftslage und ihre strategische Ausrichtung in immer stärkerem Maße öffentlich zugänglich. Wenn etwa die Fed den Leitzins ändert, können die Finanzmärkte die Folgen der weiteren Zinsentwicklung ebenso realistisch einschätzen wie die zu erwartende Reaktion der Wirtschaft auf eine als Änderung empfundene Fed-Politik. Eine solche Wende in den Markterwartungen hat wiederum sofortige und angemessene Änderungen anderer Zinsen zur Folge. Die Erwartungen der Finanzmärkte an die künftige Notenbank-Politik verstärken also den Effekt einer Leitzinsentscheidung auf die Wirtschaftleistung.

Kurzum: Je realistischer die Markt-Erwartungen an künftige Notenbank-Eingriffe sind, desto effizienter wird die Geldpolitik.

Im Laufe der letzten Jahrzehnte hat die US-Notenbank enorme Fortschritte gemacht, was die Klarheit ihrer Ziele und die Disziplin bei der Verfolgung dieser Ziele betrifft. Heute wird schneller und genauer als früher über geldpolitische Schritte informiert. Wenn die Ziele und Vorhaben der Notenbank transparenter und bekannter sind, werden größere Erwartungsschwankungen in Bezug auf künftige Änderungen in der Geldpolitik in der Öffentlichkeit vermieden.

Natürlich können die Erwartungen der Öffentlichkeit immer unvorhersehbaren Schwankungen unterliegen und damit ein instabiles Element ins Wirtschaftsleben einbringen. Auch deshalb haben sich manche Wirtschaftswissenschaftler in letzter Zeit für die Festlegung eines ausdrücklichen Inflationsziels durch die Notenbank ausgesprochen. Sie vertreten die Ansicht, dass dies die Transparenz der Fed-Geldpolitik verbessern würde. Tatsächlich ist das der nächste sinnvolle Schritt in der Weiterentwicklung der US-Geldpolitik, und würde die Vorteile der gegenwärtigen stabilen Preissituation noch stärker und nachhaltiger zur Geltung bringen.

Ich glaube, dass ein Wechsel von der jetzigen Politik eines impliziten Inflationszieles zu einem System mit explizitem Ziel große Vorteile hätte, und die Kosten wären minimal, wenn wir die Wende konstruktiv einleiten. Klare Informationen über die politischen Ziele der Fed sowie über deren Einschätzung der jeweiligen Wirtschaftslage und über ihre strategische Ausrichtung können die Erwartungen der Finanzmärkte nur stabilisieren und die Zinshöhe am Markt besser in Einklang bringen mit der angemessenen Notenbank-Politik.

Es hat fast eine Generation gedauert, bis das öffentliche Vertrauen in ein stabiles Preisniveau wieder hergestellt war. Offene Inflationsziele könnten dieses Vertrauen weiterhin stärken. Aber der Schlüssel zu einer stabilen Erwartungshaltung liegt in dem Nachweis einer stabilen Leistung: permanentes Konzentrieren auf die eigenen politischen Ziele, konsequentes Festhalten daran und offenes Kommunizieren dieser Ziele.

Der Autor ist Präsident der regionalen US-Notenbank von Philadelphia

Aus dem Amerikanischen von Karen Wientgen

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