Zeitung Heute : Der Natur begegnen

Nicola Kuhn

Wie eine Mutter die Stadt erleben kann

Jan und Josefine besitzen als Dreijährige bereits eine beachtliche Bibliothek, mindestens drei Regalmeter voll. Ganze Abteilungen bilden sich da heraus: Hasenbücher, Liederbücher, Einschlafbücher. Den Schwerpunkt aber bilden die Bauernhofbücher. Arme Stadtkinder – kennen Schaf, Pferd, Kuh eigentlich nur aus der Lektüre. Um dieses Defizit auszugleichen, haben wir unsere jüngsten Ferien aufs Land verlegt. Nix Balearen, nix Sonnenschein, beseelt sind wir trotz trübem Novemberwetter in die Westprignitz gereist: Natur, wir kommen!

Die begegnete uns sogleich in Gestalt von Esther, dem Hofhund. Mit einem Satz retteten sich Jan und Josefine in unsere Arme. Diese Größe waren sie trotz Bekanntschaft mit Berliner Straßenkötern nicht gewöhnt. Da fiel die Begegnung mit Edith, der Hauskatze, schon entspannter aus. Jan kreischte zwar immer „Huh, ein Gespenst!“, wenn er sie sah, seine Zwillingsschwester aber traute sich sogar, ihr Fell zu streicheln – bis Edith mal die Krallen zeigte. Dafür machte Eberhard, der Esel, die Krisen mit Esther und Edith wieder wett; nichts schöner als Ausritte auf seinem warmen, weichen Rücken. Die führten runter zum herbstlichen Rambower Moor, wo einem jeden Städter das Herz aufgehen muss: leuchtend bunt gefärbte Bäume, neblige Schleier über dem Sumpf und ganze Kranich-Geschwader, die sich in der Dämmerung laut trompetend niederlassen.

In diesen Momenten waren sogar Jan und Josefine eins mit der Natur, auch wenn sich Jan immer noch ängstlich nach Esther umschaute, ob die nicht schon wieder ihrem neuen Lieblingsfreund folgte. Unerwidert blieb diese Hundeliebe nicht. Am letzten Abend legte sich Jan in einem unbeobachteten Moment auf Esthers Lagerstatt und tapste dem Rollenspiel ganz hingegeben sogar in den Wassernapf. Die ultimative Drohung „Gleich kommt Esther!“ hatte sich damit erledigt. Seitdem gibt Jan auch zu Hause gern den Hofhund, wiegt den Kopf hin und her und leckt sich schmatzend die Lefzen. Die schrecklich-schönste Erinnerung an unsere Landpartie hängt jetzt über seinem Bett – als Fotografie. Das ist mindestens so sicher wie ein Bilderbuch.

Das Rambower Moor befindet sich zwei Autostunden von Berlin entfernt, inmitten des Naturschutzparks Elbtalaue.

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