Zeitung Heute : Der Nebelwerfer

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Stammtischtiraden und Horrorbildershow: Slobodan Milosevic zieht vor dem Den Haager Tribunal alle Register. Seine Verteidigung ist der Angriff, und die Vorwürfe gegen ihn sind „Ozeane der Lügen“. Viele fragen sich: Glaubt er das alles wirklich selbst? Von Caroline Fetscher, Den Haag

Wie viel Zeit ihm noch bleibt, will der Angeklagte am Freitagmittag wissen. Ungnädig sieht er aus, missbilligend. Er ahnt, dass Richter Richard May mit der gewohnten höflichen Schärfe reagieren wird. Und so geschieht es. Doch immerhin erhält Slobodan Milosevic für den kommenden Montag noch einmal eineinhalb Stunden zugestanden, um seine Sicht der Dinge hier vor dem Den Haager Jugoslawientribunal vorzutragen. „Sie werden dann insgesamt zehn Stunden Zeit gehabt haben“, sagt Richter May trocken.

Milosevics hat seine Chance jetzt oder nie. Denn nur zu Beginn dieses Prozesses hat er das verbriefte Recht, Erklärungen abzugeben. Im weiteren Verfahren wird er nur noch in Kreuzverhören mit Zeugen oder als Zeuge im eigenen Fall sprechen dürfen.

Wie sehr er ein Mann des Augenblicks und der Präsentation ist, wird vielen Prozessbeobachtern erst hier richtig klar. Mit seinen Wortkaskaden überfordert er die Dolmetscher, die ihn simultan ins Englische, Französische, Bosnisch-Kroatisch-Serbische und Albanische übersetzen müssen. „Langsamer bitte, denken Sie an die Dolmetscher“, mahnt Richter Richard May mehrmals, bis der Ex-Präsident sich sogar einmal selbst unterbricht, um den Übersetzern eine Atempause zu gönnen. Seine Worte sollen ja nicht verloren gehen.

Geschickt verfolgt Milosevic eine Doppeltaktik. In Verbalattacken gegen die Nato, die ehemalige US-Außenministerin Madeleine Albright, gegen die UCK und viele weitere Feinde Serbiens sowie seiner Person schildert er die Perfidie dieser Leute. Im zweiten Teil legt er Fotos vor, auf denen verstümmelte und verkohlte Tote zu sehen sind, eingebrochene Hausdächer und bombardierte Brücken. Überall in Serbien habe die Nato ihr Unwesen getrieben. Hier sind die Beweise: „Kriegsverbrechen, Verstöße gegen die Genfer Konvention, gegen die Menschenrechte“ will Slobodan Milosevic erkennen. Nach jedem Foto ergeht das Kommando an den Gerichtsdiener: „Weiter! Weiter! Das nächste! Weiter!“ Er hat wieder so etwas wie Befehlsgewalt.

In einer Mischung aus Stammtischattacken und Horrorbildershow setzt Slobodan Milosevic auf den Boulevardzeitungseffekt: Zerschlagene Schädel in Nahaufnahme, nacktes totes Mädchen mit Verwundungen – so erhalten forensische Fotografien einen nahezu obszönen Charakter. Sie werden zur Manipulationsmasse, zur Ablenkung von den Beschuldigungen gegen den Angeklagten. Die Raffinesse der Drehungen und Wendungen des Angeklagten scheint unerschöpflich. Hier fühlt er fühlt sich zu Hause: in der Zone der Manipulation.

Ein „Ozean aus Lügen“ seien die Vorwürfe der Anklage. Auf der Landkarte des Prozesses zeichnet Slobodan Milosevic nun seinen eigenen Ozean nach – und bewegt sich darin wie ein Fisch im Wasser. Auch wenn er, in einer weiteren Wassermetapher, ein anderes Bild von sich entwirft. „Ich soll an einem Wettschwimmen über 100 Meter teilnehmen, und dabei sind mir Hände und Füße gefesselt“, klagt der Ex-Prä sident empört. Ihm stehe nichts weiter zur Verfügung als ein öffentliches Telefon im Gefängnis, die Gegenseite sei überall am längeren Hebel. Sie verfüge über Medien, Geld und Macht. Er, Slobodan Milosevic, als der tapfere David, der Goliath bekämpft: So will er sich sehen. Und so will er gesehen werden. Insbesondere von seinen Landsleuten zu Hause. Er macht das exzellent. Als Populist und Nebelwerfer tritt er auf, als Rhetor und Blender.

„ Was für ein Tribunal ist das hier, wo die USA, Frankreich und andere ausgenommen werden?“, wirft er dem Richter ungehalten vor. „Sie sagen, ich sei am Kopf der Befehlskette gewesen“, fährt er fort, „das Gericht soll all diesen Lügen aufsitzen.“ Und was die Anklage betrifft: Die zeige Videos von Lagern, die es nie gab. Die Bilder aus Bosnien etwa sollten abgemagerte Männer hinter Stacheldraht zeigen – „in Wahrheit standen die vor dem Stacheldraht. Es wurde so gedreht, dass es aussah, als seien sie dahinter.“

Dem Gericht legt Slobodan Milosevic nahe, die Ankläger schlicht und einfach zu entlassen. „Ich wende mich an die professionelle Öffentlichkeit: Anwälte dürfen nicht schweigen, wenn Unrecht geschieht!“ Und dann stößt der Angeklagte in rasender Geschwindigkeit eine Reihe von Namen aus: Clinton, Blair, Chirac, Kinkel, Schröder, Kohl, Scharping, Dole, das Team der Vereinigten Staaten in Dayton – sie alle will er als Zeugen hier vorladen lassen.

Mit zynischem Amüsement schildert Milosevic die Nato-Bombardierung der Chinesischen Botschaft in Belgrad im April 1999, einen Vorfall, an den die Nato ungern erinnert wird. Sie hatte damals zu Protokoll gegeben, sich im Zielort geirrt zu haben. „Viele westliche Diplomaten und Spione gingen dort ein und aus und schickten Berichte nach Hause, in denen sie sogar Teppiche und Teetassen genau beschrieben. Die wussten ganz genau, wo die Chinesische Botschaft lag.“

Dann nimmt er die randlose Brille ab, und schwenkt sie in Richtung Publikum. „Hunderte von Malen haben wir auf CNN die Bilder der von den Talibanen zerstörten Buddha-Statuen gesehen – ich kritisiere das gar nicht. Es war ein Akt der Barbarei.“ Aber, so redet er weiter, „wo waren die Bilder der tausenden zerstörten serbisch-orthodoxen Kirchen?“ Nicht nur während der Bombardierung durch die Nato, sondern auch unter den Augen der UN-Truppe seien grauenvolle Verbrechen an den Serben verübt worden, sagt er. Feinde, Lügen, Terroristen, Verschwörer – der Ozean ist gigantisch.

Anthony Borden, balkankundiger Mitarbeiter des Londoner Instituts für Kriegs- und Friedensberichterstattung, sagt: „Jetzt bekommt die ganze Welt einen brachialen kompletten Einblick in die Gehirnwäsche, mit der die Serben zehn Jahre lang leben mussten.“ Und viele in Den Haag fragen immer wieder: ob Milosevic das alles selbst glaubt? Vielleicht kennt nicht einmal er die Antwort.

Schon vor Prozessbeginn, am Dienstag, trommelten seine Anhänger zum „Komitee zur Verteidigung von Slobodan Milosevic“ in Amsterdam die Öffentlichkeit zusammen. Was als Diskussionsveranstaltung zwischen Gegnern und Befürwortern des Tribunals von der renommierten niederländischen Tageszeitung „NRC Handelsblad“ gedacht war, ein Abend im getäfelten Versammlungssaal an der Keizersgracht, endete fast mit einem Punktsieg für den Fanclub des Ex-Präsidenten. Der kanadische Anwalt Christopher Black, Sprecher des Komitees aus altlinken Amerikanern und Westeuropäern, sowie ewig gestrigen Serben, trat an gegen den Völkerrechtler Frits Kalhoven von der Universität Leiden. Etwa 250 Interessierte waren erschienen, vor allem, um Black zu hören. Der Anwalt erzählte dem Publikum vom Elend des Angeklagten in seiner Zelle, wo er, Black, ihn nun nicht mehr als Rechtsberater empfangen dürfe. Das ist richtig. Seit Black handschriftliche Notizen von Milosevic als „Interview“ an die Presse weiterreichte, hat Black sein Besuchsprivileg verloren. Für ihn aber ist das nur ein weiterer Beweis dafür, dass das Tribunal ein „Propagandainstrument“ ist, eines der USA und Deutschlands im Wesentlichen, um deren Pläne zur Zerschlagung Jugoslawiens und zur Diskreditierung von dessen Führung zu verschleiern. Black erntet viel Applaus und scheint mit sich zufrieden. Kalhoven, auch Vorsitzender der UN-Kommission zur Untersuchung von Menschenrechtsverletzungen in Jugoslawien, rudert gegen Blacks Rhetorik vergebens an.

Jared Israel, ein US-Journalist mit Missionsdrang, der ebenfalls dem Komitee angehört, ergreift das Mikrofon. Er wettert und zetert. Vorn im Saal sitzt auch Michael Wladimiroff, holländischer Anwalt und als einer von drei „amici curiae“, Freunden des Gerichts, vom Tribunal bestellt, den Richtern Argumente gegen die Anklage zu liefern, da Milosevic auf einen Rechtsbeistand bisher verzichtet. „Was fällt Ihnen ein, den Mann zu vertreten?“ brüllt der füllige Journalist Wladimiroff an. „Er hat sie nicht darum gebeten! Er will sie nicht!“

Zwei Tage lang hatte die Anklage zu Prozessbeginn Gelegenheit gehabt, ihre 66 Anklagepunkte vorzutragen. Zwei Tage skizzierte das Team von Carla del Ponte in Beispielen und mit Dokumenten seine Beweisführung. Auch hier kamen Videorekorder und Overhead-Projektor zum Einsatz, aber in erster Linie ging es um Sprache. Ankläger Geoffrey Nice erzä hlte exemplarisch drei Geschichten von Opfern der Kriege, gewiss mit Pathos, aber auch mit der Prise britischer Zurückhaltung, die dem Pathos den angemessenen Klang verleiht. Nice hatte auf etwas gesetzt, was Slobodan Milosevic nicht einmal imitieren kann: Mitgefühl.

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