Der neue Airbus ist zu schwer : Voll fett

Wenn die Räder vom Boden abheben, empfinden selbst die polyglottesten Vielflieger zuweilen einen Hauch von Ehrfurcht. Man muss nicht gleich an Absturz denken – aber dass diese mehrere hundert Tonnen schweren Großraumjets überhaupt fliegen, ist eigentlich ein Wunder und jedenfalls keine Selbstverständlichkeit.

Das erfährt gerade auch Airbus wieder. Den Riesenflieger A 380 samt seinen Schlafzimmern und Lounges flügge zu machen, war schon schwer genug. Der Zeitplan für die Auslieferungen wurde gerade zum wiederholten Mal verschoben. Jetzt macht der zweite Hoffnungsträger des Konzerns für die Langstrecke ähnliche Probleme: „Die A 350 hat ein Gewichtsproblem“, berichtet das „Handelsblatt“ unter Berufung auf Branchenkreise. Das Gewicht liege trotz der neuartigen Kohlefaserhülle um mindestens acht Tonnen über Plan. Zudem seien Probleme bei der Geräuschdämmung und der elektronischen Abschirmung der Kabine noch ungelöst. Bis Jahresende müsse das anders werden, auch wenn die ersten Maschinen erst Mitte 2013 ausgeliefert werden sollen, heißt es aus Toulouse. Einen ersten Entwurf hatte Airbus vor zwei Jahren verworfen, weil man ihn im Vergleich mit dem „Dreamliner“ von Boeing als nicht konkurrenzfähig einstufte.

Doch auch Seattle hat Probleme. Der Zeitplan für die neue Traum-Boeing musste schon drei Mal verschoben werden, der Erstflug soll nun Ende 2008 stattfinden. „Ich erwarte keine weiteren Überraschungen“, sagt der für das Projekt zuständige Manager Pat Shanahan. Allerdings – das Wesen der Überraschung ist, dass sie nicht erwartet wird.

Die Russen sind diesmal einen Schritt weiter. Das erste seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion gebaute russische Passagierflugzeug hat gerade seinen Erstflug absolviert, nur ein halbes Jahr nach dem ursprünglichen Termin, und Hersteller Sukhoi will im übernächsten Jahr die Produktion des „Superjets 100“ starten.

Ein Partner bei dem Projekt ist Boeing – Inzucht ist das Wesen dieser kapitalintensiven Branche. So produziert die frühere Boeing-Tochter Spirit in Wichita im US-Bundesstaat Kansas Teile nicht nur für den „Dreamliner“, sondern auch für den A 380 von Airbus. Und China, wo Airbus mit örtlichen Partnern ein Endmontagewerk errichtet, kündigte jüngst ein eigenes Flugzeugprogramm an. Für den fetten A 350 ist das alles keine Lösung. Bei Übergewicht hilft nur Abspecken. Hoffentlich überwinden die Ingenieure den Jo-Jo-Effekt. Sonst wird aus Ehrfurcht vor der Technik echte Flugangst. mod

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