Zeitung Heute : Der neue Größenwahn

Von wegen Nullwachstum in Deutschland: Die Menschen werden immer länger. Nur die US-Amerikaner schrumpfen.

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Von Adelheid MüllerLissner Wohlstand ist, wenn viele in die Breite gehen. So viel ist bekannt, schließlich wird Übergewicht als neue Plage der Menschheit zurzeit überall diskutiert. Weniger bekannt ist aber, dass der Mensch auch immer größer wird, je besser es ihm geht – sagen zumindest die Auxologen, die Wissenschaftler, die sich mit dem menschlichen Wachstum beschäftigen. Die Körpergröße einer Bevölkerung sei ein wichtiger Wohlstandsindikator, sagt der Münchner Wirtschaftshistoriker John Komlos – aussagekräftiger gar als das Bruttosozialprodukt. Schon 1829 hatte der französische Gesundheitsstatistiker Louis Villermé festgestellt: „Armut erzeugt kleine Menschen.“

Die deutschen Männer sind in den vergangenen 100 Jahren 13 Zentimeter größer geworden, die Frauen neun, sagt die Biologin Holle Greil von der Uni Potsdam, die seit Jahrzehnten anthropometrische Daten auswertet. Nach Angaben des Statistischen Bundesamtes misst der Herr heute genau 1,77 Meter, die Dame 1,65. Vergleicht man nur die Jungen, wird der Unterschied zu früher besonders deutlich: Ende des 19. Jahrhunderts maß ein junger Mann 1,67 Meter – heute 1,80 Meter.

Dahinter steckt die so genannte „säkulare Akzeleration“ – das beschleunigte Längenwachstum, womit gemeint ist, dass die Wachstumsschübe im Lauf der Zeit immer früher einsetzen. Der vorpubertäre Schub zum Beispiel, der dazu führt, dass Mädchen Jungs zeitweilig überflügeln, begann 1989 noch mit neun Jahren, zehn Jahre später schon mit acht. Holle Greil kann beweisen, dass sich sogar die Wiedervereinigung ausgewirkt hat – auf ostdeutsche Kinder, natürlich. Die größten Sechsjährigen waren 1989 noch 2,7 Zentimeter kleiner als 1999.

Entscheidend für die Länge, die ein Mensch als Erwachsener erreicht, sind mehrere Faktoren, unter anderem die Gene. Sie geben allerdings nur eine Art Fenster vor – das tatsächliche Ergebnis kann davon dann um bis zu 20 Prozent abweichen – nach oben und nach unten. Ob dieser Rahmen ausgeschöpft wird, entscheiden die übrigen Umstände, im Mutterleib, in den ersten Lebensmonaten bis hin zur Pubertät. Besonders wichtig sind nach heutigem Wissensstand die Bedingungen in den ersten beiden Jahren. Was gibt es da zu essen, und wie gut ist die medizinische Betreuung? Und zwar für alle. Denn es hebt den Durchschnitt in einer Gesamtbevölkerung nur unwesentlich, wenn es lediglich der kleinen Gruppe von Wohlsituierten gut geht.

So sind zum Beispiel die Jahrgänge, die Ende des Zweiten Weltkriegs geboren wurden, im Schnitt etwas kleiner als die vor oder nach dem Krieg Geborenen.

Warum aber der Mensch wächst, wenn er besser „gefüttert“ wird, welche Nährstoffe genau es sind, die ihn wachsen lassen, das ist den Wissenschaftlern immer noch ein Rätsel. Es gibt da die Eiweißtheorie: Der Genpool ist gleich geblieben, also muss es am Lebensstil liegen. Vergleicht man, was die Menschen vor 150 Jahren gegessen haben mit der Gegenwart, dann ergibt sich vor allem ein Plus an eiweißhaltigen Speisen: Fleisch oder Milchprodukte wie Käse (ob es da einen Zusammenhang gibt mit der Größe der Holländer, die durchschnittlich 1,84 Meter messen?). Bewiesen ist das aber nicht, genauso wenig wie die Vermutung, dass auch Bewegung einen Anreiz für Wachstum liefern könnte – und ein Mangel demnach ein Hemmnis.

Einen schönen Hinweis auf die Bedeutung von körperlicher Gesundheit auf die Größe, sagt Wirtschaftshistoriker Komlos, liefere übrigens die Tatsache, dass die Amerikaner zwar dicker – aber auch kleiner werden. Kein Wunder: 40 Millionen haben keine Sozialversicherung, und in der Lebenserwartung steht die Supermacht nur an Stelle 28.

Das Potenzial der Körperhöhe scheint aber langsam ausgeschöpft, meint Holle Greil. Seit 1995 werden jedenfalls die Erstklässler nicht mehr größer, dafür im Schnitt dicker. Aber Größe wird ja ohnehin nicht allein in Zentimetern ermittelt. Das berühmte Dichter-Denkmal vor dem Theater in Weimar etwa lässt Schiller und Goethe gleich groß erscheinen – obwohl Schiller seinen Dichterfreund mit 1,85 Meter deutlich überragte. Beliebte und geachtete Persönlichkeiten werden von Mitmenschen eben größer geschätzt. Auch das haben Wissenschaftler ermittelt.

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