Zeitung Heute : Der Neue ist Brite

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Der Koffer, aus dem der künftige Generaldirektor der Staatsbibliothek zu Berlin, Graham Jefcoate, im vergangenen Jahr gelebt hat, steht seit rund zwei Jahrzehnten in Berlin. 1979 hatte der 28-Jährige den sicheren Posten in seiner Heimatstadt London verlassen, um Auslandserfahrungen zu sammeln. Dabei war seine Wahl ganz bewusst auf West-Berlin gefallen. Er wollte selbst erfahren, wie es sich in dieser Stadt inmitten der DDR lebte. Damals hat er die Staatsbibliothek schätzen gelernt. Seit der deutschen Wiedervereinigung verfolgt er auch die Entwicklung der Staatsbibliothek Unter den Linden aufmerksam.

So war es nur folgerichtig, dass sich Jefcoate um den Posten des Generaldirektors bewarb, als ein Nachfolger für Antonius Jammers gesucht wurde, der Ende Februar in den Ruhestand tritt. „Berlin ist“, so Jefcoate, „ein so bedeutender Ort in Europa und die Staatsbibliothek an diesem Standort eine so bedeutende Institution, dass ich mir nicht vorstellen kann, warum sich der bibliothekarische Nachwuchs nicht danach drängelt, in diesem Haus zu arbeiten.“ So ist ihm der Talentpool der Staatsbibliothek mit seinen vielen jungen Mitarbeitern wichtig, denn diese Arbeit sei nur im Team zu bewältigen. Unter diesem Aspekt habe er auch an der Auswahl seiner Stellvertreterin, Barbara Schneider-Kempf, mitgewirkt. Sie wird im April die Nachfolge von Günter Baron antreten.

Die Tatsache, dass ein Engländer als sein Nachfolger ausgewählt wurde, erklärt der scheidende Generaldirektor Jammers kurz und bündig: „Er war der Beste.“ Der neue Mann an der Spitze sei für die Stabi eine große Chance. Zwar sei es noch nicht selbstverstä ndlich für Bibliotheken, ihre Mitarbeiter über Sprachgrenzen hinweg auszuwählen. Aber im 21. Jahrhundert sollte das kein Thema mehr sein.

Zukunftsaufgabe Digitalisierung

Mit besonderem Engagement will sich Jefcoate der Digitalisierung widmen, für die er aus seiner bisherigen Tätigkeit an der British Library Erfahrungen mitbringt. Die moderne Bibliothek werde zunehmend zu einer „hyb.riden Bibliothek“, in der neben den klassischen Medien, wie Bü chern und Handschriften, digitalisierte Informationen für den Benutzer aufbereitet würden. Seine erste Dienstreise wird Jefcoate deshalb in dieser Sache nach Leiden führen. Bei aller Begeisterung für die neuen Medien, ist Jefcoate auch ein leidenschaftlicher Liebhaber des Buches. Er wird sich daher auch mit besonderem Nachdruck der Erhaltung und Sicherung der alten Bestände widmen. Das sei eine Sisyphusarbeit. Der Bedarf allein für die Restaurierung beschädigter Bestände beträgt mindestens 125 bis 150 Millionen Euro. In der Vergangenheit, meint Jefcoate, habe man einen Nachteil darin gesehen, dass Deutschland statt einer Nationalbibliothek fünf Standorte habe. Hier bahne sich ein Umdenkungsprozess an. In London werde das deutsche Modell mit zunehmendem Interesse betrachtet. In der British Library zeigt sich, dass eine einzige Bibliothek den Anforderungen einer Nationalbibliothek kaum gewachsen ist. Schließlich will der künftige Generaldirektor den Benutzer wieder mehr ins Zentrum der Arbeit stellen. Das sei in den vergangenen Jahren zu kurz gekommen, weil so viele Entwicklungsaufgaben zu erfüllen gewesen seien. Dabei denkt er allerdings vor allem an Benutzer, die dort forschen wollen. Die Stabi werde zwar intensiv von den Studierenden der Berliner Hochschulen genutzt. Das sei jedoch nicht die Klientel, um die sie sich vor allem zu bemühen habe.

Lieblingsthema Buchhandel

Graham Jefcoate ist 1951 in Edmonton nördlich von London geboren. Sein Studium der englischen Literatur und der Bibliothekswissenschaft hat er in Cambridge und London absolviert. Nach Aufenthalten in Berlin und Wien 1979 und 1980 arbeitete er an der Universitä t Münster. 1988 kehrte er an die British Library zurück. Sein Forschungsinteresse gilt vor allem dem englischen und deutschen Buchhandel im 18. Jahrhundert und der Geschichte der britischen und deutschen Bibliotheken. So betreute er für das „Handbuch deutscher historischer Buchbestände in Europa“ den Band Großbritannien.

Seine große Leidenschaft ist das Reisen. Jefcoate ist fasziniert von fremden Ländern und Kulturen. Mit seiner Entscheidung, an die Staatsbibliothek zu Berlin zu kommen, kann er diese private Leidenschaft auch in den Beruf einbringen: Er wird sich intensiv den Kontakten mit den Ländern Osteuropas widmen, die sein Vorgänger geknüpft hat. Berlin, so Jefcoate, steht im Zentrum Europas, zwischen Ost und West. Und es sei die Aufgabe der Staatsbibliothek zu Berlin, die Verbindung mit zu gestalten. Nach dem Informationsbesuch in Leiden wird ihn daher eine größere Dienstreise nach Moskau führen. Anne Strodtmann

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