Zeitung Heute : Der neue Job für Gewerkschafter

ALFONS FRESE

In den 16 Jahren Kohl schien der Standort Deutschland für die Arbeitnehmer unattraktiv geworden zu sein: vermeintliche Attacken auf soziale Besitzstände, Umverteilung von unten nach oben, mickrige Einkommenszuwächse und weniger Arbeitsschutz.Das alles ist nun Geschichte.Rot-Grün korrigierte die Sozialgesetze, insbesondere die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall und den Kündigungsschutz.Mit der angestrebten Begrenzung von Billigjobs und Scheinselbständigkeit liegt Bonn ebenfalls auf Gewerkschaftslinie.Die Zufriedenheit im Arbeitnehmerlager vollendet schließlich die diesjährige Tarifrunde.Das propagierte Ende der Bescheidenheit ist erreicht, die meisten Arbeitnehmer bekommen zwischen drei und vier Prozent mehr Lohn.Allein - die rechte Freude will nicht aufkommen.Partizipieren die rund sechs Millionen Menschen ohne reguläre Arbeit an den Erfolgen der Gewerkschaften? Und welche Zukunft haben überhaupt diese Gewerkschaften, die in den vergangenen Jahren knapp ein Drittel ihrer Mitglieder verloren haben?

"Neues Handeln.Für unser Land." Unter diesem nebulösen Motto steht der 1.Mai 1999.Dahinter verbergen sich überkommene Vorstellungen von der Rolle des Staates, der - zumal unter rot-grüner Führung - doch bitte die Arbeitslosigkeit bekämpfen und gleichzeitig die sozialen Sicherungssysteme unberührt lassen solle.Die jüngsten Forderungen des DGB, mit öffentlichen Investitionen rund 500 000 Arbeitsplätze zu schaffen, belegen den ungebrochenen Glauben an die Wirksamkeit alter Instrumente.Den weltweiten Trends in der marktwirtschaftlichen Ökonomie, die sich unter den Stichworten Deregulierung, Privatisierung und Liberalisierung zusammenfassen lassen, können die Gewerkschaften mit solchen Programmen jedenfalls nicht trotzen.Vielmehr spiegelt der Glaube an die Möglichkeiten der Politik die eigene Hilflosigkeit angesichts der Massenarbeitslosigkeit und der veränderten Erwerbsarbeit wider.Die Arbeit der Zukunft wird gekennzeichnet sein durch die Aufhebung fester und dauerhafter Arbeitsbeziehungen, durch eine erhöhte Mobilität der Arbeitnehmer und durch die Notwendigkeit des lebenslangen Lernens.Im deutschen Verbändestaat regelt die grundgesetzliche Tarifautonomie das Recht von Gewerkschaften und Arbeitgebern, die Arbeitsbedingungen kollektiv zu vereinbaren.Doch wie treffsicher sind Verabredungen und Tarife für viele, wenn sich die Arbeitswelt individualisiert? Wenn sich also Erwerbstätige zunehmend als Gestalter ihres eigenen Lebensentwurfs jenseits kollektiver Vorgaben verstehen - wozu dann noch Gewerkschaften?

Bei der Fortschreibung des Konsensmodells, auf dem der wirtschaftliche Erfolg der Bundesrepublik beruht, können die Gewerkschaften eine wirksame Größe bleiben.Insbesondere bei der Lösung des Beschäftigungsproblems.Denn die Massenarbeitslosigkeit ist im wesentlichen struktureller Art: Weil der Arbeitsmarkt so reguliert ist, gibt es zu wenig Jobs.Eine Flexibilisierung dieses Arbeitsmarktes ist unabdingbare Voraussetzung für eine erfolgreiche Bekämpfung der Arbeitslosigkeit.Mehr Flexibilität meint das schnelle und adäquate Reagieren auf Veränderungen, auf die veränderten Wünsche der Kunden, auf neue Technologien.Dazu gehören wechselnde Tätigkeiten und schwankendes Einkommen.So verstandene Flexibilität geht jedoch einher mit dem Wandel und zum Teil der Auflösung traditioneller Schutznormen.Daß dies so ist, zeigt eben auch der geradezu verzweifelte und vergebliche Versuch der Bundesregierung, mit dem 630-Mark-Gesetz und der Regelung der Scheinselbständigkeit solche Schutznormen zu revitalisieren oder zu konservieren.Aber dennoch: Flexibilität und soziale wie individuelle Sicherheit sind kein Gegensatzpaar.Vielmehr erfordert größere Beweglichkeit der Erwerbstätigen ein Mindestmaß an Sicherheit, um Akzeptanz zu schaffen; Sicherheit also als Voraussetzung für Flexibilität.An der Ausgestaltung dieser Sicherheit mitzuwirken - insbesondere im Tarif- und Arbeitsrecht und beim Umbau der Sozialsysteme -, ist die Aufgabe der Gewerkschafen in den kommenden Jahren.Neues Handeln ist gefragt.

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