Zeitung Heute : Der neue Lehrer nach sechs Jahren

Der Tagesspiegel

Von Uwe Schlicht

„Wat is een Dampfmaschin? Een Dampfmaschin, det isn Ding, det hat vorne a Loch und hinne a Loch. Vorn, da jeht der Dampf rin, und det hinnere Loch, det kriejen wer später.“ Der didaktisch etwas hilflose Versuch des Physiklehrers in dem Film „Die Feuerzangenbowle", die Aufmerksamkeit der Abiturienten zu gewinnen, scheitert. Die Oberschüler lachen und wenden sich dem Skatspiel zu.

Was Schüler lernen, hängt in hohem Maß von der Fähigkeit der Lehrer ab, einen guten, auf das Alter abgestimmten Unterricht zu geben. Dass es hier in Deutschland Probleme gibt, zeigen die internationalen Vergleiche der TIMS-Studie in Mathematik und Naturwissenschaften und der Pisa-Studie der OECD im Leseverständnis.

Eine Reform der Lehrerbildung ist überfällig. Darüber sind sich die Experten einig, aber die Wege dahin sind lang und verworren. Die Kultusminister wollen etwas anderes als der Wissenschaftsrat. Am radikalsten war bisher der Vorschlag des Wissenschaftsrats: Das Studium der künftigen Lehrer soll in einen Bachelor-Teil und einen Master-Teil untergliedert werden. Im ersten Teil werden allein zwei Fächer studiert, zum Beispiel Geschichte und Englisch, aber keine Pädagogik.

Erst im anschließenden Masterstudium kommt die eigentliche Vorbereitung auf den Lehrerberuf hinzu: mit der Didaktik, den Erziehungswissenschaften, der Psychologie und vor allem einem Kerncurriculum für den Lehrerberuf. Was mit den bisher verlangten zwei Staatsexamina geschehen soll, ließ der Wissenschaftsrat offen.

Sein Vorschlag stieß vor allem deswegen auf Kritik, weil die Schulpraktiker es für völlig verfehlt halten, wenn im Bachelor-Studium auf die künftige Arbeit des Lehrers überhaupt kein Bezug genommen wird. Von daher wird der jüngste Vorschlag aus Rheinland-Pfalz, den jetzt Wissenschaftsminister Jürgen Zöllner vorgelegt hat, auf mehr Akzeptanz stoßen. Das ist kein Vorschlag aus der Provinz – die Chancen stehen gut, dass das Konzept von Zöllner Schule machen wird. Gehört doch Zöllner zu den Vordenkern der Sozialdemokraten in der Hochschulpolitik.

Nach dem Konzept aus Rheinland-Pfalz soll es eine Einteilung des Studiums in einen sechssemestrigen Bachelor-Studiengang und einen anschließenden zwei- oder viersemestrigen Master-Studiengang geben. Aber von Anfang an wird die Lehrerausbildung mit der praktischen Berufserfahrung verzahnt, und zwar in einer Weise, dass durch eingebaute Schulpraktika am Ende die bisher zwei Jahre dauernde Referendariatsphase auf 12 Monate verkürzt werden kann.

Bisher war der Praxisschock für angehende Lehrer ein Problem. Als Referendare wurden sie im Extremfall mit der ganzen Palette eines kritischen, sich verweigernden Schülerverhaltens konfrontiert.

Nach dem Modell, das künftig in Rheinland-Pfalz umgesetzt wird, müssen die angehenden Lehrerstudenten bereits vor Studienbeginn ein Orientierungspraktikum von vier bis sechs Wochen Dauer absolvieren und ein weiteres sechswöchiges Praktikum kurz vor dem Abschluss im sechsten Semester auf sich nehmen. Von daher haben die Studienseminarleiter von Anfang an gemeinsam mit der Hochschule eine Gesamtverantwortung für die Ausbildung. Ihre Einwirkung ist nicht mehr auf das Referendariat begrenzt.

Die Begegnung mit der Schulwirklichkeit beschränkt sich keineswegs auf die beiden Praktika. Während des gesamten Bachelor-Studiums werden den Studenten schulpraktische Studien in Hauptschulen, Realschulen oder Gymnasien auferlegt, damit sie die unterschiedlichen Rahmenbedingungen kennen lernen. Das Master-Studium konzentriert sich dann neben der vertieften Fachausbildung auf die eigentliche Vorbereitung für die Grundschulen, Hauptschulen, Berufsschulen und Gymnasien.

Das Master-Studium dauert unterschiedlich lang. Für die künftigen Lehrer an den Grundschulen, Hauptschulen und Realschulen sind zwei Semester im Masterteil vorgesehen, für die Gymnasiallehrer und die Lehrer an den berufsbildenden Schulen werden vier Semester angesetzt. Damit verfolgen die Schulpolitiker zugleich ein weiteres Ziel: eine spürbare Verkürzung des Lehrerstudiums auf vier oder fünf Jahre. Bisher dauerte das Studium der Grundschullehrer und Hauptschullehrer elf Semester, der Gymnasiallehrer acht Jahre und der Berufsschullehrer sieben Jahre .

Nach dem ersten Staatsexamen, das sich in einen Masterteil gliedert, der unter Verantwortung der Hochschulen steht, und in einen Teil, den die Schulbehörde verantwortet, folgt das von 24 auf 12 Monate verkürzte Referendariat. Es schließt erneut mit einem Staatsexamen ab.

Das Modell bietet gute Chancen für eine Umorientierung: Nicht von Anfang an muss die Entscheidung für den künftigen Lehrerberuf getroffen werden .Ebenso wird es Quereinsteigern, die zunächst Chemie und Biologie studieren und ihre Liebe zum Lehrerberuf entdecken, eine Chance bieten, die Pädagogik und Didaktik spätestens im Masterabschnitt nachzuholen. Für Minister Zöllner steht fest: Dieses Modell laboriert nicht länger an Symptomen , sondern es geht um ein „völlig neues System der Ausbildung".

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