Zeitung Heute : Der neue US-Präsident: Ein kleiner Sieger und ein großer Verlierer

Malte Lehming

Natürlich wollte er anders gewinnen, wollte am frühen Morgen des achten November in seiner texanischen Heimat eine markante Jubelrede halten, wollte als eindeutiger Sieger unangefochten dastehen und dann zweieinhalb Monate Zeit haben, um eine neue Regierung zu bilden. All das hat nicht geklappt. Und George W. Bush weiß das.

Er weiß, dass er sein neues Amt weniger dem Wählerwillen verdankt als der Tatsache, dass die Mehrheit des Supreme Court in Washington aus Richtern besteht, die von Repubikanern ernannt worden waren. Deshalb weiß er auch, dass er vorsichtig sein muss. Sein Lächeln darf nicht triumphierend wirken, sein Verhalten nicht selbstherrlich. Bescheiden, moderat, zurückhaltend muss er rüberkommen. Wenn der künftige, der 43. Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika also, wie auch am späten Mittwochabend wieder, seine drei mittleren Finger ganz kurz zum V-Zeichen erhebt - das ist im Wahlkampf zu seinem Markenzeichen geworden -, dann mutet plötzlich selbst diese kleine Geste etwas frechforsch an.

Es ist spät geworden an diesem Tag, dem letzten, dem entscheidenden dieser fünf Wochen dauernden Wahl. Um Punkt 22 Uhr kommt George W. Bush an der Seite seiner Frau Laura, der neuen First Lady, in das Repräsentantenhaus von Austin / Texas. In der Mitte des Saales steht ein riesiger, prall geschmückter Weihnachtsbaum mit einer großen roten Binde. "Friede, Hoffnung, Freude" steht darauf. Das hätte der Untertitel von Bushs Rede sein können. Schließlich ist der Haupttitel bereits vergeben. Er heißt "Versöhnung".

Die Umarmungs-Symbolik fängt schon mit der Ortswahl an. Denn das Repräsentantenhaus von Texas wird von Demokraten dominiert. Und ein Demokrat, der Sprecher des Hauses, Pete Laney, ist es auch, der Bush an diesem Abend begrüßt. Enge Freunde seien sie, sagt Laney. Und Texas werde, seit Bush Gouverneur ist, seit sechs Jahren also, über die Parteigrenzen hinweg regiert. Wenige Minuten später wird Bush dieses Stichwort aufgreifen. Immer und immer wieder. Dagegen verblasst der Rest seiner Rede. Er beschwört den "Geist der Zusammenarbeit", um zu tun, "was richtig ist für die Menschen".

George W. Bush appelliert an "gemeinsame Werte" und "gemeinsame Grundlagen", will "gemeinsame Ziele" formulieren, in seiner Arbeit "überparteilich" sein. Gleich drei Mal kommt das Wort "überparteilich" in seiner 15-minütigen Rede vor. In Abwandlungen sogar noch öfter. "Ich wurde nicht gewählt, um einer Partei zu dienen, sondern einer Nation", sagt der 54-Jährige mit klarer, fast pastoraler Stimme. "Der Präsident der Vereinigten Staaten ist der Präsident jedes einzelnen Amerikaners, unabhängig von seiner Rasse oder seiner Herkunft. Und ob Sie nun für mich gestimmt haben oder nicht: Ich werde mein Bestes tun, um Ihrer aller Interessen zu vertreten, und ich werde dafür arbeiten, dass Sie mich respektieren."

In diesem Moment scheint alles vergessen, der Streit, die Verletzungen, die Rivalitäten. Es ist eine Situation, wie man sie aus Tierfilmen kennt. Da rennen zwei Steinböcke stundenlang mit ihren Schädeln aufeinander ein, dass es kracht. Sonst machen sie nichts. Aber dieses ständige Krachen der Köpfe flößt dem menschlichen Zuschauer einen ungeheuren Respekt ein. Dann plötzlich ist alles vorbei. Einer der beiden Steinböcke geht langsam weg. Der andere übernimmt das Territorium, doch man sieht ihm weder Genugtuung noch Stolz an.

Den Anfang und das Ende seiner Rede widmet Bush dem Steinbock, der eine Stunde zuvor das Terrain verlassen hatte: Al Gore. Im Wahlkampf, in drei großen Fernsehdebatten und in den fünf Wochen seit dem siebten November haben sich die beiden bekämpft und belauert. "Wir hatten dasselbe Ziel, und unsere Gefühle waren identisch", sagt Bush. "Vizepräsident Gore und ich haben unser Herz und unsere Hoffnung in die Kampagne gesteckt. Wir haben alles gegeben. Ich verstehe, wie schwierig dieser Augenblick für ihn und seine Familie sein muss." Man kann sich Bush an diesem Abend wie eine Statue vorstellen mit Hunderten von Armen, die in alle Richtungen weisen. Selbst in seine Gebete schließt er den Rivalen ein. "Ich bitte Sie alle, für Vizepräsident Gore und dessen Familie zu beten. Ich glaube fest daran, dass wir uns mit Gottes Hilfe als eine ungeteilte Nation nach vorne bewegen können."

Aber wo ist vorne? Das bleibt vorerst im dichten Nebel. Ganze 15 Zeilen lang sind die inhaltlichen Ausführungen Bushs. Die Erziehung und das Schulsystem stehen ganz oben, gefolgt von dem Ziel, die Steuern für alle zu senken sowie das soziale und medizinische Netz zu reformieren. Nein, seine erste Rede als künftiger Präsident dient nicht dem Zweck, eine neue Politik zu formulieren. Das wäre auch überflüssig. Denn mit der Politik seines Vorgängers, Bill Clinton, ist die Mehrheit der Amerikaner vollkommen einverstanden. Bush will vor allem die Spaltung überwinden, die sich durch das Land zieht. Er will die Blockaden aufbrechen, die Wut vergessen machen, die sich während der vergangenen Wochen angestaut hatte. Und die Enttäuschung.

"Einige Menschen haben mich gefragt, ob ich etwas bedaure, und ich bedaure etwas", hatte Al Gore eine Stunde zuvor in Washington gesagt. Er ist, da es nur einen kleinen Sieger gibt, der große Verlierer. Und er versteckt seine Enttäuschung nicht. "Ich bedaure, dass ich nicht die Gelegenheit bekommen habe, mich in den nächsten vier Jahren für das amerikanische Volk einzusetzen, besonders für die, die das Gefühl haben, dass ihre Stimme nicht gehört wird. Ich höre Euch, und ich werde Euch nicht vergessen."

Gore wird begleitet von seinem Vize Joseph Lieberman und von seiner Familie - seine Rede hatte er mit Hilfe seiner Töchter formuliert. Sie haben die Worte gefunden, mit denen Gore nun zur Versöhnung und zur Einheit auffordert. "Ich rufe alle Amerikaner auf - und ich ganz persönlich all diejenigen, die an meiner Seite gekämpft haben -, uns vereint hinter unseren nächsten Präsidenten zu stellen. Das ist Amerika. Wir bekämpfen uns untereinander, wenn es um viel geht, aber wir kommen wieder zusammen, wenn die Auseinandersetzung vorüber ist." Sogar witzig ist Gore an diesem Tag seiner Niederlage. "Ich habe vorhin mit George W. Bush telefoniert, ihm gratuliert und dann versprochen, ihn diesmal nicht zurückzurufen", formulierte er in Anspielung auf die chaotische Wahlnacht des siebten November, in der er das Eingeständnis einer Niederlage eine Stunde später wieder revidiert hatte. So viel Selbstironie wird belohnt: Als Gore nach sieben Minuten fertig ist, feiern Anhänger auf der Straße minutenlang den Verlierer wie einen Sieger: Mit Sprechchören wie "Gore in four" fordern sie, er möge in vier Jahren noch einmal antreten.

Vielleicht war Gore niemals besser als an diesem Abend. Er, der sonst als Rechthaber verschrien ist, verlor kein Wort mehr darüber, wie eng das Rennen war oder dass er, in absoluten Zahlen gemessen, die meisten Stimmen bekommen hatte. Er wirkte entspannter und menschlicher denn je - so wie ihn sich die Demokraten immer gewünscht hatten. Wenn sehr ehrgeizige Menschen einen Moment lang zum Innehalten gezwungen sind, können sie sehr sympathisch sein. Dann zitiert er seinen Vater. Der habe einmal gesagt, dass eine Niederlage ebenso wie ein Sieg dazu beitragen kann, die Seele zu reinigen.

Mit zwei beeindruckenden, zwei großartigen Reden ist die amerikanische Präsidentschaftswahl am späten Mittwochabend beendet worden. Der Sieger steht fest, ein Nachgeschmack bleibt. Derjenige, der ohne das Amt ebenso glücklich geblieben wäre, muss es nun ausfüllen, und der, der acht Jahre lang auf dieses Amt gewartet hat, steht womöglich vor dem Ende seiner politischen Karriere. "Einige Freunde fragen mich, was ich als nächstes machen werden", sagte Gore und machte eine lange Pause - "darauf habe ich selbst noch keine Antwort." Höchst selten nur traut sich ein geschlagener Steinbock in sein altes Terrain zurück.

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