Zeitung Heute : Der neue Wind an der Ostsee

Der Tagesspiegel

Von Robert Ide

Berlin. Der Trainer sieht die Sache so: „Wir müssen drinbleiben, irgendwie.“ Und der Aufsichtsratschef sagt: „Hauptsache Erste Liga.“ Mehr zählt derzeit nicht beim FC Hansa Rostock. Vor dem letzten Heimspiel der Saison gegen Borussia Mönchengladbach (Samstag, 15.30 Uhr) geht es beim Fußball-Bundesligisten an der Ostsee wieder mal nur um eines: den Klassenerhalt.

Warum es dazu gekommen ist, weiß keiner so genau. Schließlich wähnte sich Hansa dank mehrerer Heimsiege unter dem neuen Trainer Armin Veh schon sicher. Doch die Nerven der Mannschaft liegen zu oft blank, vor allem auswärts. Letztes Beispiel war das desolate 0:4 in Wolfsburg. Dort fielen drei Gegentore in den ersten sieben Minuten.

In der Lokalpresse wird angesichts der Auswärtschwäche – Hansa holte auf fremdem Platz erst sieben Punkte – über die fehlende Durchsetzungskraft des Trainers spekuliert. Dabei hat die Schwäche der Spieler wohl genau den umgekehrten Grund: das Selbstbewussstsein des Coaches. Der sortiert derzeit den Kader aus, damit es an der Ostsee in der nächsten Saison anspruchsvollere Kost gibt als das alljährliche Nicht-Abstiegs-Menü.

Die Spielerbörse sieht so aus: Joakim Persson, 27-jähriger Mittelfeldmann vom dänischen Erstligisten Esbjerg FB, kommt ablösefrei. Auch Godfried Aduobe (Reutlingen), und Uwe Möhrle (Pfullendorf) haben unterschrieben, zudem stoßen die Hansa-Amateure Kevin Hansen und Daniel Klewer zu den Profis. Letzter und bislang einzig teurer Einkauf ist Thomas Meggle, Regisseur vom FC St. Pauli. Der Transfer kostete die Rostocker 450 000 Euro, dafür hatten andere Interessenten wie der Hamburger SV, Mönchengladbach und Klubs aus Spanien und Italien das Nachsehen. Meggle sagte am Mittwoch: „Ich kenne Veh schon seit meiner Jugendzeit beim FC Augsburg. Das gab den Ausschlag.“ Andere Hansa-Spieler werden das genau zur Kenntnis nehmen.

Unter den älteren Spielern wächst der Unmut. Steffen Baumgart etwa schimpfte über seine ausstehende Vertragsverlängerung: „Es macht mich wütend, dass mich Leute, mit denen ich seit Jahren zusammenarbeite, im Unklaren lassen." Baumgarts öffentliche Beschwerde war nicht die erste. Manch anderer geht lieber freiwillig. Kai Oswald unterschrieb in Hannover, Mohamed Emara und Radwan Yasser zieht es zurück nach Kairo. Auch Rayk Schröder hat die Taschen schon gepackt. Von einem Sportfotografen ließ er sich als Tramper am Ortsausgang von Rostock ablichten. In der Hand hielt Schröder ein Pappschild mit Reiseziel „Cottbus“. Beim dortigen FC Energie haben sie auch im nächsten Jahr nur ein Ziel: den Klassenerhalt.

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