Zeitung Heute : Der Neue

Er war der einzige Bewerber auf diesen Posten: Aleksander Dzembritzki ist nun Rütli-Rektor

Susanne Vieth-Entus

Der Mann hat Nerven. Vor ihm auf dem Boden kauert ein Dutzend Fotografen und knipst und knipst, es blitzlichtert unablässig – aber Aleksander Dzembritzki wippt nicht einmal nervös mit dem Fuß. Konzentriert und in verbindlichem Ton trägt er vor, wie es dazu kam, dass er Deutschlands berüchtigtste Schule leiten wird.

Fast auf den Tag genau ist es sieben Monate her, dass die Neuköllner Rütli-Schule Schlagzeilen machte. Da hatte das Kollegium einen Brandbrief geschrieben und auf die Zustände im Haus aufmerksam gemacht. Von Gewalt war da die Rede, davon, dass manche Lehrer nur noch mit Handy ins Klassenzimmer gingen, um zur Not schnell Hilfe holen zu können. Zu diesem Zeitpunkt war Schulleiterin Brigitte Pick wegen Krankheit seit acht Monaten nicht mehr im Dienst.

Das alles scheint Lichtjahre entfernt, gestern morgen im kleinen Konferenzraum der Senatsverwaltung für Bildung, wo Aleksander Dzembritzki offiziell der Öffentlichkeit vorgestellt wird. Rechts neben ihm hat Bildungssenator Klaus Böger Platz genommen, links Helmut Hochschild, der Anfang April als kommissarischer Schulleiter eingesetzt worden war und der die Rütli-Schule wieder in ein „ruhigeres Fahrwasser“ gebracht hatte, wie es Böger treffend beschreibt.

Keine Frage – nicht nur der Senator hätte Hochschild gern behalten, denn der 49-Jährige hat es schon einmal geschafft, eine desolate Hauptschule zum Erfolg zu führen. Aber Hochschild will nicht. Er will nun gerne einmal etwas anderes machen – und bekommt wohl auch die Gelegenheit. Böger kündigt es an: Hochschild werde befördert. Er hat gute Chancen, Schulrat in Neukölln zu werden.

Deshalb also Dzembritzki: gebürtiger Berliner und Sohn des langjährigen Reinickendorfer Bürgermeisters Detlef Dzembritzki. Andere Bewerber für den Posten gab es ohnehin nicht. Natürlich hätte man noch länger warten können, darauf, dass sich jemand meldet, der erfahrener ist, der älter ist – Dzembritzki ist erst 38. Aber Böger hat sich dann doch für ihn entschieden. Vielleicht rechnet er damit, dass Dzembritzkis Jugend und Unverbrauchtheit ihm helfen, bei der anstrengenden Aufbauarbeit, die er wird leisten müssen, aber auch beim Kontakt mit den schwierigen Jugendlichen. Da könnte auch sein Hauptfach ein Vorteil sein: Sport. Und dass Dzembritzki ein begeisterter Kletterer ist. Eine Kletter-AG will er einrichten, kündigt er an, mehr Schülerfirmen gründen, um Erfolgserlebnisse in der Praxis zu ermöglichen. Dass die Schüler sich „Sport und Wettkämpfe“ wünschen, gehöre zu den Dingen, die ihm an der Rütli-Schule auf Anhieb aufgefallen seien.

Aleksander Dzembritzki weiß gewiss, dass er, wie er da so sitzt mit seinem blassen Jungengesicht, mit dem weißen Oberhemd und dem hellgrünen Jackett, nicht so aussieht wie einer, der sich schon qua Erscheinung Respekt verschaffen kann. Sicherheitshalber verweist er darauf, dass er in den vergangenen Jahren „auch in problematischen Bezirken“ in Lübeck gearbeitet hat; dorthin war der Familienvater vor ein paar Jahren gezogen, weil es in Berlin – ähnlich wie jetzt – für bestimmte Lehrfächer keine Stellen gab. Wie tief seine Erfahrungen gingen mit „Problembezirken“, „Problemkindern“, darüber erfährt man an diesem Tag allerdings nicht mehr.

Ganz von vorn muss Dzembritzki in der Rütli-Schule nicht anfangen. Inzwischen haben dort arabisch- und türkisch-sprachige Sozialarbeiter angefangen, deren Finanzierung allerdings noch auf Betreiben der ehemaligen Leiterin Brigitte Pick ermöglicht worden sind. Durch die Sozialarbeiter hat sich schon viel verändert. Vor den Elternversammlungen rufen sie zum Beispiel die Väter der arabisch-stämmigen Schüler persönlich an, die früher nie gekommen waren – und plötzlich sind sie da, gehen mit, weil alles, was der Rektor sagt, auch übersetzt wird. Es sei ein „erhebendes Erlebnis“ gewesen, zu sehen, wie Bewegung in die Versammlung kam, sagt Helmut Hochschild. „Plötzlich kam ein Dialog auf.“

Darüberhinaus sind neue Lehrer da, die sich bewusst für die Schule entschieden haben und deshalb bereit sind, sich auf die Probleme dort einzulassen. Und: Die große Diskussion um die Schule hat zu einer Welle der Hilfsbereitschaft geführt, die auch viele gute Ideen in die Schule spülte. Viele kreative Projekte sind entstanden. Dazu gehört, dass die Schüler jetzt ihre eigene Kleiderkollektion, die „Rütli-Wear“, herstellen, was in eine eigene Schülerfirma münden soll. Es gibt eine Schülerband. Und endlich auch einen besseren Kontakt zu der benachbarten Realschule, um gemeinsame Aktivitäten anzustoßen. Das war eine von Aleksander Dzembritzkis ersten Amtshandlungen vor zwei Wochen, als er begann, sich an der Schule schon mal umzuschauen. Jetzt ist er Rektor.

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