Zeitung Heute : Der Neukölner

Der Tagesspiegel

Von Thomas Gehringer

Es ist typisch für Ulrich Deppendorf, den ersten Mann des Ersten in Berlin, wie er sich heute bei seinem letzten „Bericht aus Berlin“ von den Zuschauern verabschieden will. Deppendorf sagt, dass sein Schlusswort „relativ trocken“ ausfallen soll.

Relativ trocken – so ist seine ganze Bildschirmpräsenz. Sachlich und kompetent hat der groß gewachsene Essener die Berliner Politik seit 1999 jeden Freitagabend ans Publikum gebracht – was wollte man Besseres über einen öffentlich-rechtlichen Nachrichtenmann sagen? Freilich ohne den ausgeprägten Sinn für Ironie eines Friedrich Nowottny. 2,5 Millionen Zuschauer und elf Prozent Marktanteil, das waren die Spitzenwerte für Deppendorfs „Bericht aus Berlin“. „Der Freitagabend, an dem das Publikum vor allem Unterhaltung erwartet, ist der schwierigste politische Termin, den man sich vorstellen kann“, erklärt Deppendorf.

Ein bisschen Frust kann man aus dem Satz heraushören, doch deswegen allein bricht Deppendorf sicher nicht zu neuen Ufern auf: Am 1. Mai wird er beim WDR, der ihn schon als Volontär ausgebildet hat, Fernsehdirektor. Damit entgeht ihm wohl die größte Herausforderung für einen Politjournalisten, nämlich ein TV-Duell zwischen Kanzler Schröder und Herausforderer Stoiber moderieren zu dürfen. „Ich möchte mir das als Fernsehzuschauer ansehen“, sagt er. Auch die Wahlsendungen wird er nicht mehr moderieren, am 22. September soll Thomas Roth, der ihn auch als Leiter des Hauptstadtstudios beerbt, vor der Kamera stehen. Aber einen Wunsch hat Ulrich Deppendorf doch noch: Er will den Kommentar an dem bedeutsamen Abend sprechen.

Welche Richtung will er einschlagen, bei seinem neuen Job in Köln? „Wir müssen die politische Berichterstattung gerade mit Blick auf Europa verstärken“, sagt Deppendorf. Das allerdings ist eine seit Jahren in Köln zu hörende Absicht. Doch das Publikum für europäische Themen zu begeistern, ist noch nicht wirklich gelungen. Immerhin: Einen „Bericht aus Brüssel“ im Ersten kann sich Deppendorf offenbar vorstellen. Die Sendung gibt es schon. Einmal die Woche läuft sie im Dritten des WDR. Das müsse „nicht für die Ewigkeit“ so bleiben, sagt Deppendorf.

Und dann ist da noch die Unterhaltung, das gegenwärtig größte Sorgenkind beim Sender in Köln und bei der ARD. Dass ausgerechnet von Deppendorf Impulse zu erwarten seien, wird allgemein als, sagen wir es zurückhaltend, unwahrscheinlich gehalten. Aber der neue Fernsehdirektor soll ja nicht selbst mit zündenden Show-Ideen brillieren. Er muss nur die richtigen Leute fordern. „Ich glaube, ich kann schon beurteilen, was den Zuschauer unterhält. Und man muss die Medienforschung mit einbeziehen“, sagt er. Im Übrigen erwarte er von der Unterhaltungsredaktion Vorschläge. Er kann für sich zugute halten, bei der Entwicklung des anspruchsvollen wie unterhaltsamen Politmagazins „ZAK“ Ende der achtziger Jahre mitgemischt zu haben. Das könne man zwar „nicht einfach wieder aufleben lassen“, doch Anregungen seien dort durchaus zu holen. Eine erneute Zusammenarbeit mit Friedrich Küppersbusch, der nun für den WDR „Gabi Bauer“ produziert, bahnt sich aber nicht an. „Ich glaube, die Kompetenz hat der WDR alleine“, antwortet Deppendorf.

Zweifellos soll der ehemalige Chefredakteur von ARD-aktuell in Hamburg (1993 bis 1999) dem WDR im ARD-Verbund wieder mehr Einfluss verleihen. In Bonn hatte der Sender noch weitgehend alleine das Sagen, das Hauptstadtstudio ist dagegen eine Gemeinschaftseinrichtung aller ARD-Anstalten. Einige journalistische Kollegen hätten sich nach dem Umzug beleidigt zurückgezogen, erinnert sich Deppendorf. „Es gab eine sehr reservierte Haltung gegenüber unserer Arbeit in Berlin.“

Anfangs sei es in der Hauptstadt „eine ganz wilde und keine gute Zeit“ gewesen, resümiert Ulrich Deppendorf. „Da haben alle überdreht.“ Tiefpunkt sei der Tag gewesen, an dem Wolfgang Schäubles als CDU-Vorsitzender zurücktrat. Schäuble konnte nur mit der Hilfe der Polizei an den Journalisten vorbei zu seinem Auto gelangen. Doch die ersten turbulenten Jahre der Berliner Republik müsse man „einfach erlebt haben". Und auf was hätte er gerne verzichtet? Deppendorf überlegt. „Nicht funktionierende Teleprompter“, sagt er. Dieses Problem wird er in Zukunft wohl nur selten haben.

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